(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Imago. Zeitschrift für psychoanalytische Psychologie, ihre Grenzgebiete und Anwendungen XX 1934 Heft 2"

I M A G O 

ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYTISCHE PSYCHOLOGIE, 
IHRE GRENZGEBIETE UND AN^\^ENDUNGEN 



XX. Band 



1934 



Heft 2 



Mitteilungsdrang und Geständniszwang' 

Von 

Dorothy Tiffany Burlingliam 

Wien 

Der Drang des Menschen, anderen mitzuteilen, was in seinem eigenen In- 
neren vorgeht, hat von jeher die Aufmerksamkeit und das Interesse der 
Psychoanalyse auf sich gezogen. Wir können das Vorhandensein dieses Mit- 
teilungsdranges bis in das früheste Säuglingsalter hinein verfolgen. Der Säug- 
ling zeigt der Außenwelt sein Verlangen nach Nahrung, Wärme und Behagen 
durch Schreien und Weinen an; das Kleinkind ist bereits imstande, die gleichen 
Bedürfnisse mit Hilfe von Worten mitzuteilen. Die so geäußerten Wünsche 
des Kindes beschränken sich aber nicht nur auf das zur Lebenserhaltung Not- 
wendige, sondern schließen auch das Geliebtwerden ein, mit allen Lustge- 
fühlen, die das Kind daraus zieht. Eine solche Mitteilung des Bedürfnisses nach 
Liebe hätte dann im extremen Fall die Form einer Liebeserklärung. 

Diese einfache Situation verändert sich, wenn unter dem Einfluß der er- 
ziehenden Mächte eine Trennung der Bedürfnisse in erlaubte und unerlaubte 
vorgenommen wird. Von da an teilt das Kind nur mehr die erlaubten Wünsche 
mit, die unerlaubten werden von der Mitteilung ausgeschlossen und vor den 
Eltern verborgen, weil sonst die Gefahr des Liebesverlustes drohen würde. Die 
Erfahrung zeigt aber, daß die Mitteilung der verbotenen Bedürfnisse auch 
j dann noch vorkommt. Das Kind verrät sich, sagt mehr oder anderes als es 
beabsichtigt. Es macht Fehlhandlungen oder bildet Symptome und bringt da- 
mit, wie unter einem Zwang, gerade die von den Eltern verpönten und von 
ihm selbst jetzt schon als böse beurteilten Wünsche zu einer entstellten Äuße- 
rung, die man am besten als unfreiwilliges Geständnis bezeichnen könnte. Wir 
wissen, was das Kind mit seinen normalen freiwilligen Geständnissen be- 

I) Vortrag, gehalten in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am 20. Dezem- 
oer 1933. übersetzt von Anna Freu-d. 



Imago XX Iz 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




130 



Dorothy Tiffany Burlingham 



zweckt. Es will sich mit ihrer Hilfe die Verzeihung der Eltern und damit die 
Beruhigung seiner Selbstvorwürfe holen. Es sucht die Versicherung, daß es 
trotz seiner bösen Wunschregungen von den Eltern weiter geliebt wird, will 
die drohende Gefahr des Liebesverlustes um jeden Preis von sich abwenden. 

Die Fehlleistungen und Symptome des Kindes, seine unfreiwilligen Ge- 
ständnisse, sind uns in ihrer Herkunft und Absicht nicht ebenso selbstver- 
ständlich. Sie sind ihrem Wesen nach weniger Geständnis als Selbstverrat. 
Vielleicht erklärt sich ihr Zustandekommen einfach aus der Stärke der 
■Wunschregung, die sich gegen ein Widerstreben durchsetzt. Auffällig ist uns 
vor allem, daß hier wieder ein neues Element hinzugekommen ist, das 
zum zweiten Male eine neue Situation schafft: das Schuldgefühl oder Straf- 
bedürfnis. Unter seinem Einfluß entsteht aus dem Geständnis der Geständnis- 
zwang. Wir sind hier in das Arbeitsgebiet Reiks eingetreten, der diesem 
Thema ein Buch „Geständniszwang und Straf bedürfnis" gewidmet hat. Reik 
erklärt das Bedürfnis des Menschen, seine sündigen Gedanken oder Hand- 
lungen zu gestehen, aus dem Wunsch nach Strafe; die Strafe aber dient der 
Beschwichtigung der Schuldgefühle, von denen das Individuum im Bewußt- 
sein seiner Sündigkeit geplagt wird. 

Die analytische Einsicht läßt uns also bisher drei verschiedene Arten der 
Mitteilung erkennen: Erstens die simple Mitteilung des kindlichen Bedürfnisses 
nach Lebenserhaltung und Geliebtwerden; zweitens das freiwillige Geständnis 
der verbotenen Wünsche, um die Verzeihung der Eltern zu erlangen; und 
drittens den Geständniszwang, der die gleichen verbotenen Triebwünsche be- 
trifft, aber unter dem Druck des Schuldgefühles auf Strafe und damit auf Ge- 
wissenserleichterung abzielt. Die nähere Betrachtung dieser Äußerungsformen 
und -motive hinterläßt aber ein Gefühl der Unbefriedigung. Irgendwie scheint 
hinter all diesen Mitteilungen eine Triebstärke verborgen, die sich durch das 
Wechselspiel von Verbot, Schuldgefühl und Strafwunsch noch nicht erklären 
läßt. Vielleicht läßt sich bei einem genaueren Verfolgen der frühkindlichen 
Entwicklung des Mitteilungsdranges noch ein Element finden, das diese Lücke 

ausfüllt. 

Die Mitteilungen des Kindes beginnen also, wie wir gehört haben, im Säug- 
lingsalter mit dem ersten Hungergeschrei und dem Weinen, das jede Störung 
seines körperlichen Behagens anzeigen soll, wie auch das Ausbleiben von Lust- 
erlebnissen, an die es sich gewöhnt hat. Das Greifen mit den Händen nach 
begehrten Objekten und das Enttäuschungsgeschrei, wenn ein solches Ding 
sich entzieht oder sich als unerreichbar erweist, ist der nächste Fortschritt in 
der Äußerung. Dem Kind gelingt es jetzt schon weitgehend, seine Wünsche 
dem Erwachsenen verständlich zu machen, von dem dann ihre Versagung 
oder Befriedigung abhängig ist. 



Die nächsten Erwerbungen des Kleinkindes, das Kriechen und der Beginn 
des Gehenlernens sichern ihm eine gewisse Unabhängigkeit vom Erwachsenen. 
Es ist jetzt imstande, manches Begehrte selber zu erreichen, es fängt an, seine 
Aufmerksamkeit auf alle möglichen Gegenstände zu richten, es schaut, 
tastet, untersucht und erweitert ständig den Umfang seiner Aktivität. Die 
Interessen des Kleinkindes wechseln natürlich mit seiner persönlichen Eigenart, 
vor allem mit der Phase der Entwicklung, in der es sich befindet; sie um- 
fassen das Spiel mit Wasser, mit allem Schmutzigen, das Interesse für den 
eigenen Korper, für Urinieren und Defäzieren, für das Spiel an den Genitalien 
und alle übhchen Ersatzhandlungen. Das Interesse, das das zweijährige Kind an 
der Umwelt nimmt, ist bereits so ausgebreitet, daß man es nicht mehr im ein- 
zelnen aufzählen kann. Der gemeinsame Zug bei allen seinen Betätigungen 
aber ist die Spannung und völlige Hingabe, mit der es jede einzelne neu- 
entdeckte Aktion verfolgt und durchführt. Man kann sich von diesen Phäno- 
menen in jedem öffentHchen Park leicht überzeugen. Kleine Kinder, um die 
sich die Pflegeperson im Augenbhck nicht kümmert, spielen ganz alleine mit 
irgendetwas und sind in diese Tätigkeit so ausschließlich vertieft, daß die 
ganze Außenwelt mit Ausnahme dieses einen faszinierenden Mittelpunktes für 
sie versunken ist. Bei näherem Hinsehen wird sich die Attraktion als ein 
Stück Straßenabfall, etwas Sand, Wasser, Hundekot oder Vogelexkremente 
herausstellen. Am Straßenrand trifft man manchmal ein kleines Kind, das 
sich ganz ungeniert fast unter einem Pferd niederkauert, um mit der ge- 
spanntesten Aufmerksamkeit die körperlichen Verhältnisse des großen Tieres 
zu studieren. 

Vergessen wir aber nicht, daß diese unabhängige Lustsuche eine neue Situa- 
tion für das Kleinkind ist. Der Säugling war ja noch von seinen Pflege- 
personen vollkommen abhängig. Seine erste Reaktion auf Lust und Unlust 
war die schnelle und möglichst vollständige Mitteilung dieser angenehmen 
oder unangenehmen Gefühle. Die Erfahrungen der ersten Lebensmonate 
hatten das Kind gelehrt, daß es nicht schwer war, bei der Pflegeperson ein 
Mitreagieren oder doch eine irgendwie adäquate Antwort auf das mitgeteilte 
Gefühl hervorzurufen. In dem Kleinkind entsteht jetzt unter dem Einfluß 
der noch fortdauernden Abhängigkeit der Wunsch, auch die selbständig 
gefundenen, neuen Interessen mit der geUebten Person zu teilen. Das Kind ■ 
benützt seine ersten Sprechkenntnisse oft dazu, um einen Erwachsenen auf 
irgendeinen interessanten Fund aufmerksam zu machen. Seine freudige Auf- 
regung über die Entdeckung ist so groß, daß es sie nicht für sich behalten 
kann. Es möchte sie mitteilen, und hat auch vorläufig noch keinen Grund, 
der es von einer solchen Mitteilung abhalten könnte. So kann seine Erregung 
sich in einem plötzlichen, die Umwelt überraschenden Satz Luft machen 



„Hühnertot (kot) unter Bank", war der erste Satz eines kleinen eineinhalb- 
jährigen Mädchens, das auf einem Sommeraufenthalt von allen überraschen- 
den Neuigkeiten des Landlebens offenbar zuerst die reichlich vorhandenen 
Hühnerexkremente bemerkt hatte. 

Eine Mutter berichtet von ihrem zweijährigen Jungen, daß er seine erste 
selbständige Beobachtung auch in seine erste "Wortverbindung gefaßt hat. Er 
macht sie mit dem größten Interesse im Garten auf den Kot ihres Hundes 
aufmerksam und benennt ihn: „Luxels Kaki". 

Das gleiche Erlebnis habe ich mit einem Vierjährigen. Er ruft mich, zeigt 
auf ein Häufchen Abfall, das in der Zimmerecke liegt und sagt: „Schau dir 
das A-a an, das ist Karls A-a." Karl ist ein viel größerer, von ihm sicher sehr 
bewunderter Junge. 

Ein zweijähriges Mädchen wohnt im Sommeraufenthalt in einem Bauern- 
haus, wo das Klosett für alle Hausbewohner nur vom Garten aus zugänglich 
ist. Sie verbringt einen großen Teil ihres Tages vor dieser Türe, beobachtet 
aufmerksam jeden, der hineingeht, um den Herauskommenden dann mit 
großer Anteilnahme zu fragen: „Groß? Klein?" 

Alle diese bisher angeführten Beispiele beziehen sich auf das uns wohlbe- 
kannte Interesse des Kindes für seine eigenen oder fremde Exkremente, das 
der analen Phase der prägenitalen Entwicklung zugehört. Das Auffallende an 
diesen Beispielen ist aber, daß sie auch zeigen, daß das Kind sich nicht damit 
begnügt, dieses Interesse alleine zu verfolgen, sondern nach jemandem sucht, 
mit dem es die daraus bezogene Lust teilen könnte. Dieses Bemühen bezieht 
sich aber durchaus nicht nur auf die analen Interessen. Erinnern wir uns an 
einen Bericht des Vaters aus der Analyse des „Kleinen Hans" (Ges. Sehr. 
Bd. VIII, Seite 145). „Etwa am 5. Jänner kam er früh zur Mama ins Bett 
und sagte bei diesem Anlasse: ,Weißt du, was Tante M. gesagt hat: „Er hat 
aber ein liebes Pischl."' (Tante M. hatte vor 4 Wochen bei uns gewohnt; sie 
sah einmal zu, wie meine Frau den Knaben badete, und sagte obiges tatsäch- 
lich leise zu meiner Frau. Hans hat es gehört und suchte es zu verwerten)." 
Eine analytische Patientin erzählt mir von einem ständigen Konflikt, den 
sie in ihrer Kindheit mit ihrer Mutter hatte. Die Mutter verlangte, daß sie 
vor dem Schlafengehen den Nachttopf benützte und sie behauptete, zu dieser 
Zeit nicht urinieren zu können. Sie erinnert sich an eine solche Szene, bei der 
sie plötzlich ihrer Mutter zurief: „Mutter, ich habe etwas herausgefunden! 
Wenn ich mich da unten kitzle, dann kommt es." Die Patientin erinnert sich 
weiter, wie stolz sie auf diese Entdeckung war und wie groß sie sich die Freude 
der Mutter darüber vorgestellt hatte. Die neue Kunst sollte ja das langweilige 
Warten auf ihr Urinieren endlich beseitigen. Die heftige Ablehnung und der 
Verweis der Mutter waren ihr völlig unverständlich. 



Es scheint nicht, daß diese Mitteilung des kleinen Mädchens damals irgend 
etwas mit Schuldgefühl zu tun gehabt hatte. Die Entdeckung der Masturba- 
tion mit ihren Lustgefühlen war für sie ein großes Erlebnis, es schien nur 
selbstverständlich und natürlich, auch die Mutter daran teilnehmen zu lassen. 
Auch hier wieder ist das Interesse an der Masturbation in der Kindheit, 
das die Erinnerung der Patientin heraufbringt, nichts Neues. Das Element, 
das das Beispiel erwähnenswert macht, ist nur der Versuch des Kindes, die 
Mutter zur Teilnahme an der neu gefundenen Lust heranzuziehen. 

Ein kleiner Junge ruft mich zu seinem Aquarium. „Schau die Fische an, 
wie sie übereinander schwimmen", und jedesmal, wenn die Fische sich im 
Schwimmen decken, ruft er wieder „Schau doch!" als ob das etwas ganz Be- 
sonderes wäre. Er macht mich offenbar auf etwas ganz besonders Interessan- 
tes aufmerksam, das für ihn, wahrscheinlich in Anlehnung an eine beobachtete 
sexuelle Szene, ganz spezielle Bedeutung hat. Von Scheu oder Ängstlichkeit 
oder irgendeinem Gedanken, daß das Gezeigte vielleicht mein Mißfallen er- 
regen könnte, ist dabei an ihm gar nichts zu bemerken. 

Der Wunsch des Kindes, Erlebnisse und Entdeckungen mitzuteilen, setzt 
sich aber auch über die allerersten Kinderjahre hinaus fort. Eine Mutter er- 
zählt von ihrer sechsjährigen Tochter, die vom Garten über die Treppen 
hinauf in ihr Zimmer gestürzt kam, die Türe aufriß und atemlos und in 
höchster Aufregung ausrief: „Mutter, Mutter, komm schnell, Bubi (der Hund) 
heiratet eben im Garten, komm, komm!" Damit drehte sie sich um, stürzte 
aus dem Zimmer, die Treppen hinunter und zurück in den Garten, von wo 
sie gekommen war. Das Auffällige an diesem Beispiel ist, daß der Drang des 
kleinen Mädchens zur Mitteilung stärker war als ihre Neugierde. Daß sie im- 
stande war, das vielleicht aufregendste Schauspiel ihres Lebens im Stich zu 
lassen, daß ihr in diesem Augenblick die Mutter einfiel und daß der Gedanke 
an die Mutter zwingend genug war, um sie von dem Schauplatz fort zu ihr 
zu treiben, ist der beste Beweis für die Triebstärke, von der ihr Mitteilungs- 
drang getragen war. 

Der Mitteilungsdrang für sexuelle Erlebnisse, der Wunsch, die Mutter oder 
Pflegeperson am Lusterlebnis zu beteiligen, ist also das allen diesen Beispielen 
Gemeinsame. Das Kind bedient sich zuerst der einfachsten Mittel, es lädt den 
Erwachsenen ein zu schauen und faßt das Erlebnis in Worte, soweit sein Sprach- 
schatz das erlaubt. Seine unermüdlichen Bemühungen gehen offenbar dahin, 
den einsamen Lustgenuß in ein Erlebnis zu zweit zu verwandeln. Das 
Kind befindet sich auf der Suche nach einem Partner. Die Überlegung zeigt, 
daß es sich damit nur um die Wiederherstellung eines früheren Zustandes be- 
müht. Es hat ja die ersten sexuellen Reizungen bei der Körperpflege von der 
Mutter empfangen, hat sie lustvoll erlebt und möchte sie wiederholen. Wenn 



das Kind in seiner neugewonnenen Selbständigkeit neue Lustquellen ent- 
deckt, wendet es sich wie selbstverständlich zu seinem Partner der früheren 
Zeit. Es lädt die Mutter ein: „Komm, laß uns dieses neue Vergnügen gemein- 
sam genießen, wie wir die frühere Lust gemeinsam genossen haben." Die 
ersten oben geschilderten, harmlos offenen und direkten sexuellen Mitteilun- 
gen des Kindes sind die Form, in der es dieser Einladung zur Mittäterschaft 
Ausdruck verleiht. 

Dieser ideale Urzustand ist aber nicht von langer Dauer; der natürliche Mit- 
teilungsdrang des Kleinkindes kommt nur zu bald mit den Anforderungen der 
Erziehung in Konflikt. Wenn das Kind mit der Mitteilung aufregender Ent- 
deckungen zum Erwachsenen gestürzt kommt, begegnet es nicht Mitgefühl 
und Interesse, sondern Tadel. Es lernt, daß man solche Dinge nicht zu be- 
merken und gewiß nicht darüber zu sprechen hat. Das Kind ist gekränkt, daß 
seine interessanten Mitteilungen so wenig gewürdigt werden und zieht sich 
vom Erwachsenen zurück, um seine neuen Betätigungen allein weiter zu ver- 
folgen. Es gibt die kritisierten Interessen, wie z. B. die analen Vergnügungen, 
deshalb noch lange nicht auf, behält manches davon sogar noch bis in die 
eigene Erwachsenheit hinein, es lernt nur, sie vor den Blicken der Kriti- 
sierenden zu verbergen. Aber es fügt sich äußerlich und setzt erst einmal alles 
daran, sich die gute Meinung und Liebe der Eltern zu erhalten. 

Mit diesem Aufhören der sexuellen Mitteilungen beginnt aber die ganze 
Heimlichkeit des Kindes. Der Erwachsene betritt das Kinderzimmer und das 
Kind läßt eilig irgend etwas aus der Hand fallen, womit es beschäftigt war 
oder fängt an, intensiv mit irgend etwas anderem zu spielen. Man steht vor 
der Tür des Kinderzimmers, innen ist es mäuschenstill. Kaum aber hat der 
Erwachsene die Türe geöffnet, ist das Kind in fieberhafter Tätigkeit, die ver- 
bergen soll, daß es eben irgendeine stille Heimlichkeit unterbrochen hat. Der 
Erwachsene fühlt, daß er der Störenfried einer lustvollen Beschäftigung ge- 
wesen ist. 

Aber auch diese Verschlossenheit und Heimlichkeit des Kindes ist eine zu 
neue Erwerbung, sie gelingt noch nicht vollständig. Der Erwachsene fühlt 
die Unruhe des Kindes. Es möchte seine Geheimnisse für sich behalten, aber 
irgendein Zwang ist da, der trotz dieses "Wunsches noch zur Mitteilung drängt. 
Das Kind kann sich von seinen wirklichen Interessen nicht losreißen. Es muß 
über sie reden, muß wenigstens Andeutungen machen. Nur der alte direkte 
"Weg der Mitteilung ist nicht mehr brauchbar; es muß seine Interessen ver- 
leugnen, wenn es die Eltern nicht böse machen und sich der Gefahr von 
Strafe und Liebesverlust aussetzen will. 

Kleine Kinder haben zum Beispiel eine besondere Vorliebe für das soge- 
nannte Uhsinnreden. Das heißt, sie plappern irgendein unverständliches 



Kauderwelsch, das so klingen soll, als wäre es eine fremde Sprache. Man 
naeint, daß sie damit vielleicht die Erwachsenen nachahmen, sich an Wort^ 
klängen freuen, die noch keine Bedeutung für sie haben, daß sie vielleicht 
auch nur Lust beim Gebrauch und Klang der eigenen Stimme empfinden. 
Hört man aber diesem „Unsinn" genauer zu, so fängt man manchmal einen 
wirklichen Sinn auf und versteht plötzlich, was das Kind einem sagen möchte. 
Ich erinnere mich an ein solches Vorkommnis mit einem vierjährigen Mäd- 
chen. Ich führe das Kind bei einem Spaziergang an der Hand, bin mit meinen 
eigenen Gedanken beschäftigt, während die Kleine neben mir mit lauter 
Stimme singt. Ich achte zuerst nicht auf ihren Unsinn, der Gesang wird aber 
immer lauter, schriller, eindringlicher, bis ich schließlich gezwungen bin hin- 
zuhören. Ich merke, daß sie einen und denselben Satz immer wieder in ihrem 
Lied variiert: „Mich kitzelt mein Schwanz, mich kitzelt mein Schwanz." Es 
war ihr offenbar sehr daran gelegen, mir diese Tatsache über ihren Körper 
mitzuteilen. 

Vergleichen wir diese Geschichte mit dem Beispiel der Patientin, die beim 
Urinieren zur Mutter sagt: Wenn ich mich da unten kitzle", kommt es. Beide 
Kinder machen dieselbe Mitteilung, sie beschreiben das neuentdeckte Lustge- 
fühl bei der Masturbation. "Während aber die erstgenannte Patientin der 
Mutter ihr Erlebnis noch naiv und vertrauensvoll mitteilt, bedient das kleine 
Mädchen, mit dem ich gehe, sich schon einer indirekten Ausdrucksform. Sie 
hat schon tmangenehme Erfahrungen gemacht und weiß, daß ihre Mutter die 
Masturbation verbietet. Vielleicht weiß sie nicht einmal, was sie singt, denn 
sie berauscht sich so an Melodie und Rhythmus, daß die Textworte daneben 
für sie wahrscheinlich die Bedeutung verlieren. Der Mitteilungsdrang, der 
Wunsch, mich zur Mitfreude und Mittäterschaft aufzufordern und zu ver- 
führen, ist derselbe wie im ersten Beispiel, nur die Form ist den Forderungen 
der Mutter, also dem äußeren Anstand zuliebe durch das Singen verhüllt und 
verändert. 

Dasselbe vierjährige Mädchen sagt: „Einmal habe ich mir die Nagelbürste 
in die Nase gesteckt. Wird meine Nase einmal ganz groß werden?" Auch 
hier macht sie eine Mitteilung über ihre Masturbation; man könnte auch 
glauben, daß sich Schuldgefühl und Angst vor bösen körperlichen Folgen 
bei ihr melden. Das ist aber noch nicht alles, was sie mitteilt. Sie verrät 
auch, daß sie etwas vom männlichen Glied weiß und vom Loch, in das 
es verschwinden kann, und spricht die Hoffnung aus, selbst einmal so ein 
Glied zu besitzen. In diesem Sinn enthält ihre Mitteilung eine Einladung und 
einen Verführungsversuch an die Adresse der Mutter, allerdings In einer von 
Schuldgefühl und Strafangst entstellten Form. Es ist auch interessant zu be- 
obachten, daß Eltern auf solche Mitteilungen des Kindes mit einer unver- 



136 Dorothy Tiffany Burlingham 



hältnismäßig großen Gefühlsabwehr und Abwendung reagieren. Man könnte 
glauben, daß sie mit ihrem Unbewußten die unbewußte Absicht des Kindes, 
seinen Verführungsversuch empfinden. 

Auch die Fragelust des Kindes kann in den Dienst des indirekten Mit- 
teilungsdranges gestellt werden. Wir wissen, das Kind fragt aus unbefriedigter 
Sexualneugierde. Aber auch diese Erklärung deckt den Sachverhalt nicht 
immer vollkommen. Das Kind fragt und fragt, seine Fragen überstürzen sich 
förmlich, aber es übersieht die Antworten, als ob es nichts mit ihnen zu tun 
hätte. Verfolgen wir die Fragen, ohne sie zu beantworten, wie Assoziationen, 
so sehen wir, daß sie zu einem ihm lebenswichtigen Thema hinführen. Das 
Kind möchte etwas mitteilen, möchte, daß wir erraten, was es zu sagen hat, 
wagt aber nicht, es auf direktem Wege zu tun. Manchmal wird es eine Frage 
stellen, sie aber, ehe man ihm Antwort geben kann, eilig selbst beantworten. 
Es verlangt keine Antwort. Es will sagen: „Ach, ich weiß das ja alles. Ich 
will dir nur mit meinen Fragen etwas erzählen, aber ich habe Angst, was du 
dazu sagen wirst." Trotz dieser Angst gehen die Fragen weiter, es gelingt 
dem Mitteilungsdrang sich durchzusetzen und das wichtige Thema zur Äuße- 
rung zu bringen. Diese Art der Fragesucht ist also wie das Unsinnreden nur 
eine der indirekten Methoden des sexuellen Mitteilungsdranges. 

Wir sehen aus dem Bisherigen, wie der Mitteilungsdrang des Kindes in 
seinen beiden Formen, der direkten wie der indirekten Äußerung, zur Er- 
folglosigkeit verurteilt ist. Das Kind wird von den Eltern abgewiesen, sie 
wollen seine sexuellen Vergnügungen nicht mit ihm teilen. Es zieht sich 
daraufhin in sich selbst zurück und verfolgt seine Lust in der Einsamkeit. 
Aber es tut noch mehr. Es zieht nicht nur seine Einladung zur Partnerschaft 
vom Erwachsenen zurück, es wendet damit auch ein Stück seiner Libido von 
ihm ab. Es ist, als ob es sagen würde: „"Wenn du nichts Schönes mit mir teilen 
willst, will ich auch nichts mit dir zu tun haben." In dieser Periode werden 
die Mütter anfangen, über die Unzugänglichkeit ihrer Kinder zu klagen. Es 
gelingt ihnen nicht, von den Kindern Antwort auf Fragen zu bekommen, die 
Kinder sind merkwürdig uninteressiert für alles, was bis dahin im Mittelpunkt 
ihres Interesses gestanden hatte. Eine Mutter versucht zum Beispiel, ihr Kind 
über die Herkunft der Kinder aufzuklären und gibt sich alle Mühe, es gut zu 
machen. Aber sie trifft beim Kind auf eine solche Mauer von Gleichgültigkeit, 
daß sie stecken bleibt. Oder sie fragt das Kind: Soll ich dir erzählen, woher 
die Kinder kommen? und bekommt die prompte Antwort: „Ach nein, das 
interessiert mich ja gar nicht." Die Mutter merkt sehr gut, daß das Kind un- 
aufrichtig ist. Es benimmt sich im Grunde wie ein abgewiesener Liebhaber, 
der mit dem Objekt seiner Liebe und Enttäuschung nichts mehr zu tun 





Mitteilungsdrang und Geständniszwang lay 



I 



haben will. Zum Erstaunen und zur Enttäuschung der Eltern wieder hält 
diese Einstellung des Kindes oft die ganze Latenzperiode hindurch an. 

Ich komme hier auf eine Diskussionsbemerkung von Dr. Bernfeld nach 
dem Vortrag von Frau Dr. Buxbaum „Über das Lügen" zurück.^ Bern- 
feld verwies besonders auf die affektive Einstellung der Pädagogen der 
Lüge des Kindes gegenüber. Der Erzieher fühlt instinktiv, daß das Kind sich 
durch das Lügen seinem Machtbereich entzieht und unangreifbar wird. Viel- ; 

leicht bekommt diese Einstellung vom Gesichtspunkt des kindlichen Mit- 
teilungsdranges aus einen deutlicheren Hintergrund. Ein Kind, das lügt, fühlt | 
sich vom Erwachsenen abgewiesen, die Lüge ist das Gegenteil der Aufforde- '< 
rung zur Partner- und Mittäterschaft, sie unterbricht den intimen Kontakt 
zwischen Kind und Erwachsenen. Das Kind, das dem Erwachsenen nicht mehr 
die Wahrheit sagt, ist auch mit seiner Liebe nicht mehr von ihm abhängig. 
Sein Lügen ist die Rache dafür, daß es ihm nicht gelungen ist, mit Hilfe der 
Wahrheit den Erwachsenen zum Partner zu gewinnen. Es ist selbstver- ■ 
ständlich, daß dem Verschweigen und der Heimlichkeit dabei dieselbe Rolle l 
zufällt wie der direkten Lüge. 

Der Mitteilungsdrang, der sich in der ersten Kindheitsperiode im engsten 
Familienkreise des Kindes äußert, wird dann in der Pubertät auf die fremden ! 

Objekte der Außenwelt übertragen. Wir wissen, wie ernst der Jugendliche i 

sich und seine Interessen zu dieser Zeit nimmt. Er sucht nach einem Gleich- j 

gesinnten, dem er seine Vorstellungen und Theorien über sich und die Welt | 

anvertrauen kann. Er sehnt sich nach einem Kameraden, mit dem man lange \ 

philosophische Gespräche führen kann, der Verständnis für alle subjektiven j 

und objektiven Probleme hat, der sich über seine neuen und großartigen I 

Ideen zur Weltverbesserung nicht lustig machen wird. Vor allem aber sucht 
er jemanden, mit dem er über sich selbst reden kann, der nicht müde wird, i 

der Schilderung seiner interessanten, unverständlichen und komplizierten Ge- '. j 

fühle zuzuhören. Er ist bereit, alle seine Intimitäten mitzuteilen, und die Ge- t ' 

heimnisse preiszugeben, die ihn in leidenschaftliche Erregung versetzen. Er i 

entwickelt ein neues erstaunliches Vergnügen an einer fast grausamen Offen- i 

heit über sich selbst. Der Freund soll ihn kennen, ihn verstehen und die i 

Wahrheit mit ihm teilen. 

Dabei kommt ein plötzlicher' Stimmungsumschwung vor und das Philo- i i 

sophieren verwandelt sich plötzlich in ein Blödeln, ein Unsinnreden, ein Lachen | ( 

und Kichern, das aber nicht weniger in der Gemeinsamkeit genossen wird. f ! 

Diese zwei Typen des Benehmens in der Pubertätsfreundschaft erinnern uns j:! 

einerseits an die direkten aufrichtigen Mitteilungen des Kleinkindes, das seine li 



2) Sitzung der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am 4. Oktober 1933. 



138 Dorothy Tiffany Burlingham 



großartigen Entdeckungen teilen und mitteilen möchte, anderseits an das Un- 
sinnreden des Kindes im späteren Stadium der indirekten Mitteilung. Wie 
auch sonst wird hier die Ähnlichkeit im affektiven Verhalten der ersten Kind- 
heitsperiode mit der Pubertät auffällig. Beide, das Kleinkind und der Jugend- 
liche bedienen sich zur Mitteilung der gleichen Ausdrucksmittel; auch der 
Triebhintergrund ist in beiden Phasen durchaus der gleiche: sie treten aus 
der Einsamkeit des Lustgenusses heraus, um einen Partner zu suchen. 

Diese Ähnlichkeit wird noch auffälliger, wenn wir uns daran erinnern, wie 
oft das Philosophieren oder auch das Blödeln und Unsinnreden der Jugend- 
lichen ganz plötzlich von einem Durchbruch zur direkten sexuellen Betäti- 
gung miteinander, also von der gemeinsamen Masturbation abgelöst wird. 
Übrigens bleibt dem Philosophieren und Unsinnreden auch im weiteren Leben 
eine Stelle als Einleitung der heterosexuellen Verliebtheit; das Unsinnreden 
und Späßemachen rechnet man auch zu den Vorlustbetätigungen im normalen 
genitalen Geschlechtsverkehr. 

So viel also über die Entwicklung des sexuellen Mitteilungsdranges von der 
infantilen Frühzeit bis in die Pubertät. "Wir konnten feststellen, daß den Mit- 
teilungen des Kindes, sowohl in ihrer offenen, direkten wie auch in ihrer ent- 
stellten, indirekten Form eine bestimmte Absicht zugrunde liegt. Das Kind 
benützt die Mitteilung seiner sexuellen Interessen und Handlungen dazu, um 
sich vor jemandem interessant zu machen, um eine zweite Person damit an- 
zuziehen. Wir können sagen, es prahlt mit ihnen, es benützt sie zur Ver- 
führung. 

Mit dieser Erkenntnis aber fangen wir an zu verstehen, daß der Mechanis- 
mus, auf den wir hier gestoßen sind, gar keine Neuigkeit ist. Wir befinden 
uns auf bekanntem Boden. Die Triebkraft, die im Mitteilungsdrang des Kin- 
des zur Äußerung kommt, ist nichts anderes als der Exhibitionismus. Der 
Exhibitionismus hat als Ziel, sich, seinen Körper, seine Genitalien zu zeigen. 
Der exhibitionistische Akt ist, wie wir wissen, immer ein Verführungsversuch. 
Der Exhibitionist braucht einen Partner, einen, der bereit ist, sich durch den 
Anblick der Genitalien zum Beschauen und damit zum Mitgenuß verführen 
zu lassen. Das Kind unter dem Einfluß des Mitteilungsdranges verhält sich 
nun in gleicher Weise, nur zeigt es statt der Genitalien seine sexuellen Inter- 
essen und Betätigungen. Es exhibiert zum Zwecke der Verführung 
mit dem Geständnis der sexuellen Sünde. 

Wo die sprachliche Mitteilung das Teilstück eines exhibitionistischen Aktes 
ist, ist sie natürlich immer als solcher erkannt worden. Menschen, die ihren 
Exhibitionismus in ihrer Sprache untergebracht haben, haben besondere Freude 
an gewählten, gefälligen oder überraschenden Redewendungen, brauchen aber 
zum Genüsse mindestens einen Zuhörer, der ihnen mit gespannter Aufmerk- 



samkeit lauscht. Sie benehmen sich auf ihrem Gebiet wie der Exhibitionist, 
<ier statt seinen Körper nackt zu zeigen, ihn in besonders schöne, farben- 
freudige, auffälHge Kleider einhüllt, um damit die Blicke der anderen auf sich 
zu ziehen. Das Unsinnreden und Späßemachen anderseits ähnelt wieder der 
Kunst des Clowns, dem es gelingt, mit seinen Dummheiten zum Mittelpunkt 
der Aufmerksamkeit zu werden. Das Herzeigen des Körpers und der "Worte 
treffen sich im Exhibitionismus der Schauspielkunst, wo sich Sprache und 
Geste gegenseitig unterstützen. Die nahe Verwandtschaft der beiden zeigt sich 
auch weiterhin, wenn wir die Erscheinungen nach Verdrängung des Ex- 
hibitionismus und die daraus resultierenden Sprechhemmungen verfolgen. 
Im sogenannten Lampenfieber finden wir ganz deutlich beide Elemente, die 
Angst vor dem Sprechen und die vor dem Sich-zeigen, also vor dem Gehört- 
und dem Gesehenwerden. Das Resultat ist ein reserviertes, schüchternes, 
unauffälliges Individuum. Dieselben Menschen aber träumen sich in ihren 
geheimen Phantasien als große Redner oder Schauspieler, denen eine unge- 
heure Zuhörerschaft mit Bewunderung zujubelt. 

Haben wir bisher die Äußerungen des Mitteilungsdranges in der normalen 
menschlichen Entwicklung verfolgt, so wenden wir uns jetzt zu seiner Ver- 
wendung in der kindlichen und erwachsenen Neurose, die die gleichen Mecha- 
nismen in abnormer Vergrößerung erkennen läßt. 

Im Seminar für Kinderanalyse berichtete Frau Dr. Angel vor einiger Zeit 
den Fall eines lojährigen Mädchens. Die kleine Patientin begann ihre Analyse 
mit der Aufzählung von bösen Taten. Sie war eine Diebin, eine Lügnerin 
und nebenbei Schwarzfahrerin auf der Straßenbahn. Die Erzählungen mach- 
ten durchaus den Eindruck, daß sie auf diese Heldentaten stolz war. In der 
Stunde benahm sie sich außerordentlich unartig, warf mit Papieren herum, 
mißhandelte die Möbel und rutschte mit Vergnügen die Sessellehnen hinunter. 
Sie war eine gute Turnerin und bot der Analytikerin einmal an, ihr einige 
neugelernte Kunststücke vorzuführen. Auf die Zustimmung der Analytikerin 
hin begann sie blitzschnell und ehe man sie daran hindern konnte, sich auszu- 
kleiden. Eines Tages kam sie mit einem großen Beutel in die Stunde und warf 
ihn der Analytikerin mit den Worten vor die Füße: „Schau an, was ich alles 
gestohlen habe!" Im Benehmen dieses Kindes lassen sich zwei Richtungen 
ohne Schwierigkeiten unterscheiden. Sie prahlt, einerseits mit ihren Turn- 
kunststücken, anderseits mit ihren schlimmen Taten. Die Exhibition in ihrem 
Verhalten war allen Zuhörern des Seminars damals deutlich, nicht aber das 
Motiv zu dieser Exhibition. Vom Gesichtspunkt des Mitteilungsdranges aus 
müßte man sagen: sie exhibiert mit den gestohlenen Dingen wie mit ihrem 
Körper, um die Analytikerin zu verführen. 
Das zweite Beispiel entstammt ebenfalls einem Fall des Seminars für Kinder- 



analyse, der im Jahre 1933 von Berta Bornstein berichtet wurde. Die 
Patientin ist ein 1 1 jähriges Mädchen, deren dissoziale Handlungen einen durch- 
aus zwanghaften Eindruck machen. Sie richtet durch ihre Tratschsucht mit 
den Dienstboten wie auch mit den Leuten außer dem Hause unaufhörlich Un- 
heil an, sie eignet sich kleine Gegenstände an, nimmt gelegentlich auch Geld. 
Statt aber diese Missetaten für sich zu behalten, steht sie unter dem Zwang, 
sie immer wieder der Mutter mitzuteilen, die sie damit in die größte Auf- 
regung versetzt. Der Drang zum Geständnis ist offenbar unüberwindlich. 
Der nächstliegende Gedanke ist, daß sie unter dem Einfluß von Schuldgefühl 
und Strafbedürfnis steht. Das Erstaunliche an diesen Vorgängen ist aber, daß 
die Mutter auf die Geständnisse des Kindes nicht so reagiert, als würde es sich 
hier um einfache Missetaten handeln, deren Eingeständnis sie mit Verzeihung 
oder Bestrafung zu beantworten hat. Die Mutter reagiert mit einer heftigen 
Abwehr, so als wäre man ihr sexuell zu nahe getreten. Das Kind exhibiert 
vor ihr mit seinen Sünden als würde es sagen: „Schau, wie schlecht ich bin, 
ich weiß, daß du auch nicht besser bist. Können wir nicht zusammen 
schlecht sein?" Das Unbewußte der Mutter reagiert, als ob sie diesen Ver- 
führungsversuch verstehen und abweisen würde. 

Ein anderes Beispiel entstammt einer Analyse von Frau Dr. Jackson. Die 
Patientin ist eine 17jährige Schülerin, die wegen manifester homosexueller Be- 
ziehungen zu einem gleichaltrigen Mädchen in Behandlung gekommen ist. Die 
Patientin berichtet, daß sie sich eines Tages gedrängt gefühlt hat, einer jung- 
verheirateten Verwandten ihre homosexuelle Beziehung zu gestehen. Ein 
äußerer Grund für dieses Geständnis war nicht vorhanden. Zum Erstaunen 
und Schrecken der Patientin beantwortet die junge Frau dieses Bekenntnis mit 
unzweideutigen homosexuellen Annäherungen. Sie hatte das Geständnis offen- 
bar richtig als sexuelle Aufforderung gedeutet. 

Ein anderes Beispiel: Aus dem Vorleben eines männlichen Patienten; er 
schließt als junger Mann Freundschaft mit einem älteren Kollegen. An einem 
bestimmten Punkt dieser Beziehung, die in seinem Leben außerordentlich viel 
bedeutet, fühlt er sich plötzlich gedrängt, dem älteren Freund etwas einzuge- 
stehen. Er hat vor einiger Zeit eine Beziehung zu einem Mädchen gehabt, in 
deren Verlauf es zu perversen Betätigungen gekommen ist, derentwegen er Schuld- 
gefühle hat. Er glaubt dieses Geständnis ihrer Freundschaft schuldig zu sein, 
will dem Freund alles über sich mitteilen, sich nicht besser machen als er ist. 
Er hofft, durch die volle Intimität und Offenheit in der Freundschaft zu ihrer 
Befestigung beizutragen. Der Erfolg entspricht seinen Erwartungen nicht; statt 
zu einer weiteren Annäherung kommt es zwischen den beiden eher zu einer 
Entfremdung. Der Ältere weiß nicht recht, was er mit diesem nicht verlangten 
Geständnis anfangen soll, der junge Mann aber fühlt sich deutlich gekränkt 



I 



und zurückgewiesen. Der unbewußte Inhalt seines Geständnisses war offenbar 
ein Verführungsversuch zur gleichen perversen Betätigung. Der Freund aber 
versteht nicht und verweigert ihm die Triebbefriedigung, die er als Antwort 
erwartet hatte. 

Und nun ein letztes Beispiel. Eine junge Frau, eine meiner Freundinnen, 
erzählte mir vor Jahren eine seltsame Begebenheit aus ihrem Leben, die ich 
erst heute zu verstehen glaube. 

Meine Freundin hatte einen Vetter, mit dem sie seit der Kindheit in einem 
herzlichen, rein geschwisterlichen Freundschaftsverhältnis stand. Eines Tages, 
einige Jahre nach ihrer Verheiratung, fühlte sie sich plötzlich gedrängt, ihn zu 
ihrem Vertrauten zu machen und gestand ihm, daß sie eine außereheliche 
sexuelle Beziehung mit einem auch ihm bekannten jungen Mann angeknüpft 
hatte. Die Wirkung dieses Geständnisses war eine überwältigende. Der Vetter 
begann sofort, sich ihr in sexueller Weise anzunähern, geriet über ihre Ab- 
weisung außer sich, fing an, sie zu mißhandeln und zu schlagen und machte 
schließlich in einem plötzlichen Tobsuchtsanfall den Versuch, sie zu ver- 
gewaltigen. Es gelang ihr gerade noch, sich aus dem Zimmer zu retten, er 
brach zusammen und mußte sofort in eine Heilanstalt gebracht werden. Aber 
auch die Wirkung auf meine Freundin war eine unerwartete. Sie stand nach 
Beendigung dieser Szene unter dem Zwang, jedem, der in ihre Nähe kam, den 
Hergang des Erlebnisses bis Ins kleinste Detail mitzuteilen. Dieser Rededrang 
war so unerträglich und unbeherrschbar, daß sie schließlich nach 24 Stunden 
einen Arzt veranlaßte, ihr mit einer Morphiuminjektion zum Schlafen und 
zum Schweigen zu verhelfen. Der Drang, das Ereignis mitzuteilen, erhielt 
sich aber in gemilderter Form auch dann noch durch eine ganze Periode ihres 
Lebens. 

Heute erscheint es mir unzweifelhaft, daß der Vetter das Geständnis als 
sexuelle Aufforderung aufgefaßt hatte. Ihr anderseits verblieb der Zwang, 
die an den Vetter gerichtete Aufforderung in Gestalt von immer neuen Ge- 
ständnissen andern gegenüber zu wiederholen. 

Man darf erwarten, daß der Mitteilungsdrang, den wir bisher in seiner 
normalen Entwicklung und seinen neurotischen Vergröberungen verfolgt 
haben, auch in der Analyse, in der ja Mitteilung und Geständnis naturgemäß 
eine besondere Rolle spielen, seine spezielle Bedeutung haben wird. Der Ana- 
lytiker kämpft bei seiner Arbeit mit allen jenen Kräften, die das unbewußte 
Material daran verhindern wollen, zum Bewußtsein aufzusteigen. Er rechnet 
darauf, daß die natürliche Tendenz der unbewußten Regungen, sich ins Be- 
wußtsein durchzusetzen, seinen Bemühungen zu Hilfe kommen wird. Er hat 
aber außer dieser Tendenz noch andere Helfer im Patienten selbst: Der 
Patient steht unter dem Einfluß des bewußten Heilungswunsches, der aus der 



Krankheitseinsicht entspringt; im Stadium der positiven Übertragung möchte 
der Patient den Analytiker bei seinen Bemühungen unterstützen, um sich 
seine Liebe und Zufriedenheit zu erwerben; und schHeßHch finden Geständnis- 
zwang und Strafbedürfnis des Patienten in der analytischen Situation reiche 
Möglichkeiten zur Befriedigung. 

Es scheint nun, daß auch der in dieser Arbeit geschilderte Mitteilungsdrang 
zum positiven Mitträger der analytischen Kur werden kann. Das Bewußt- 
machen des verdrängten sexuellen Materials kann gleichzeitig das Exhibitions- 
bedürfnis des Patienten befriedigen. „Betrachten wir diese argen Dinge mit- 
einander, teilen wir sie miteinander", kann für den Patienten zeitweise zum 
Motiv der Analyse werden. 

Diese Tendenz ist in den Anfangsstunden einer analytischen Behandlung am 
deutlichsten zu erkennen. Wir wissen, daß Patienten in den allerersten Ana- 
lysenstunden oft den tiefsten Inhalt ihrer Neurose verraten. Der Patient 
bringt in seinen ersten Träumen und Assoziationen oft das wichtigste Material, 
natürlich ohne es zu erkennen oder seine Bedeutung auch nur im geringsten 
einzuschätzen. "Wir pflegen uns diese Vorkommnisse dadurch zu erklären, 
daß der Patient zu dieser Zeit noch nicht gewarnt ist, noch nicht weiß, welche 
Mittel des Verständnisses und der Deutung dem Analytiker zur Verfügung 
stehen und welche Gefahren ihm daraus für die Aufdeckung seines Un- 
bewußten entstehen können. Der Patient bringt aber natürlich zu dieser Zeit 
nicht nur unbewußtes sondern auch bewußtes Material. Er fühlt oder hat 
bereits von anderer Seite erfahren, daß seine Erkrankung irgendwie mit seiner 
Sexualität zusammenhängt und bemüht sich deshalb, vor allem alle bewußten 
sexuellen Sünden einzugestehen. Aus dieser Anhäufung von bewußtem und 
unbewußtem sexuellen Material ergibt sich dann die Exhibition, die zur Ver- 
führung des Analytikers verwendet werden soll. 

Die Verdrängung des Materials, die sehr bald nach der ersten Deutung ein- 
setzt, braucht man dann vielleicht nicht nur aus der Angst des jetzt gewarnten 
Patienten vor der gefährlichen Analyse zu verstehen. Der Patient hat ja auch 
eine Abweisung erfahren, dadurch, daß sein Geständnis, seine Aufforderung 
zur Partnerschaft unbeantwortet geblieben ist. Er zieht sich darum, eben wie 
ein Abgewiesener, mit allen seinen Geheimnissen neuerlich vom Analytiker 
zurück und benützt die Enttäuschung, die er am Analytiker wiederholt hat, 
zur Verstärkung seiner Verdrängungen. Aber ebenso wie in der Kindheit ge- 
lingt es ihm auch hier nicht, den Wunsch nach der sexuellen Betätigung zu 
zweit endgültig aufzugeben. Wir finden ihn z. B. im Verlangen des Patienten 
nach Hypnose wieder. „Stellen Sie mir doch Fragen, ich werde alles beant- 
worten!" „Wenn Sie mich nur hypnotisieren würden, so daß ich alles sagen 
kann, ohne zu wissen, was ich sage!" Wir wissen, daß der Wunsch des Patienten 



nach Hypnose ein Wunsch nach sexueller Vergewaltigung ist; in diesem Zusam- 
menhang bedeutet die Vorstellung der Hypnose den Versuch, dem Analytiker 
die Schuld am Geständnis, also an der Exhibition zuzuschieben. "Wenn der Ana- 
lytiker den Patienten zwingt, seine Sexualität herzuzeigen, wird er damit vom 
Verführten zum Verführer. Auch das Verhalten agierender Patienten, die 
unter dem Zwang stehen, Personen aus der Außenwelt Einzelheiten aus ihrer 
Analyse zu erzählen, läßt sich in den gleichen Zusammenhang einreihen. Diese 
Patienten benehmen sich wie die homosexuelle Patientin unseres Beispiels, die 
gezwungen war, ihre Verwandte in das Geheimnis ihrer homosexuellen Be- 
tätigungen einzuweihen. Der Exhibitionismus ist nur vom Analytiker auf die 
Außenwelt verschoben. 

Ich weiß nicht, wie weit es mir in dieser Arbeit gelungen ist, Ihnen den 
Mitteilungsdrang des Menschen überzeugend zu schildern und ihn gegen den 
Geständniszwang abzugrenzen, wie er uns aus den Arbeiten Reiks bekannt 
ist. Der Mitteilungsdrang erscheint mir nach den Überlegungen und 
Zurückführungen auf sein Anfangsstadium, die ich Ihnen heute vorgelegt 
habe, als eine positive Strebung. Er dient nicht der Erwerbung von Unlust 
oder masochistischer Lust, sondern der Anziehung, Gewinnung und Ver- 
führung eines Partners: das heißt er geht als Sexualstrebung im Dienste des 
Lustprinzips auf positiven Lustgewinn aus. Der Geständniszwang 
entsteht unter dem Druck von Schuldgefühl und Straf bedürfnis; seine Absicht 
ist einerseits die Erleichterung des Gewissens, anderseits die Gewinnung 
von masochistischer Lust durch Annahme der Strafe. 



Der Zornatfckt 



Ein Beitrag zur Psychologie der Gefühlsvorgänge 

Von 

Alfred Winterstein 

Wien 

„Doch bläst des Krieges Wetter euch ins Ohr, 
Dann ahmt dem Tiger nach in seinem Tun; 
Spannt eure Sehnen, ruft das Blut herbei! 
Entstellt die liebliche Natur mit Wut! 
Dann leiht dem Auge einen Schreckensblick; 
Nun knirscht die Zähne, schwellt die Nüstern auf, 
Den Atem hemmt, spannt alle Lebensgeister 
Zur vollen Höh' — auf, Englische von Adel! 

Shakespeare: Heinrich V., III. i. 



Der Affekt des Zornes hat bisher von seiten der psychoanalytischen For- 
scher keine zusammenhängende Behandlung erfahren, wenngleich eine ganze 
Anzahl von Psychoanalytikern in gelegentlichen Bemerkungen zu diesem Ge- 
fühlszustande Stellung genommen haben. 

Ich beabsichtige nun nicht, an dieser Stelle zusammenzutragen, was die 
wichtigeren Lehrbücher der Schulpsychologie über die typische Verlaufsform 
dieser Gemütsbewegung (eines „sthenischen" Affektes) zu sagen wissen. Sie 
beschäftigen sich im allgemeinen mehr mit seinen physiologischen Be- 
gleiterscheinungen, und was sie an feineren phänomenologischen Bestimmun- 
gen und an Abgrenzungen gegen andere Affekte bringen, ist wohlbekannt 
oder wird, falls von Belang, am geeigneten Orte noch Erwähnung finden. 

Über die allgemeine Herkunft der Affekte hat Freud in „Hemmung, 
Symptom und Angst" einige bedeutsame Äußerungen gemacht. Auf der 
Suche nach einer Einsicht in das Wesen der Angst bekennt er (S. 74): „Wir 
heißen sie einen Affektzustand, obwohl wir auch nicht wissen, was ein Affekt 
ist." An zwei anderen Stellen versucht er dann, den besonderen Charakter 
<ler Angst sowie der Affektzustände überhaupt historisch zu erklären. „Die 
Affektzustände sind dem Seelenleben als Niederschläge uralter traumatischer 
Erlebnisse einverleibt und werden in ähnlichen Situationen wie Erinnerungs- 
symbole wachgerufen. Ich meine, ich hatte nicht unrecht, sie den spät und 
individuell erworbenen hysterischen Anfällen gleichzusetzen und als deren 
Normalvorbilder zu betrachten. Beim Menschen und (bei) ihm verwandten 
Geschöpfen scheint der Geburtsakt als das erste individuelle Angsterlebnis dem 
Ausdruck des Angstaffektes charakteristische Züge geliehen zu haben. Wir 
sollen aber diesen Zusammenhang nicht überschätzen und in seiner An- 



erkennung nicht übersehen, daß ein Affektsymbol für die Situation der 
Gefahr eine biologische Notwendigkeit ist und auf jeden Fall geschaffen 
worden wäre. Ich halte es auch für unberechtigt anzunehmen, daß bei jedem 
Angstausbruch etwas im Seelenleben vor sich geht, was einer Reproduktion 
der Geburtssituation gleichkommt. Es ist nicht einmal sicher, ob die hysteri- 
schen Anfälle, die ursprünglich solche traumatische Reproduktionen sind, 
diesen Charakter dauernd bewahren" (S. ly f.). Und ganz ähnlich lautet eine 
spätere Bemerkung (S. 76): „... wir sind versucht anzunehmen, daß ein 
historisches Moment da ist, welches die Sensationen und Innervationen der 
Angst fest aneinander bindet. Mit anderen Worten, daß der Angstzustand 
die Reproduktion eines Erlebnisses ist, das die Bedingungen einer solchen 
Reizsteigerung und der Abfuhr auf bestimmte Bahnen enthielt, wodurch also 
die Unlust der Angst ihren spezifischen Charakter erhält. Als solches vor- 
bildliches Erlebnis bietet sich uns für den Menschen die Geburt, und darum 
sind wir geneigt, im Angstzustand eine Reproduktion des Geburtstraumas zu 
sehen. Wir haben damit nichts behauptet, was der Angst eine Ausnahms- 
stellung unter den Affektzuständen einräumen würde. Wir meinen, auch die 
anderen Affekte sind Reproduktionen alter, lebenswichtiger, eventuell vor- 
individueller Ereignisse, und wir bringen sie als allgemeine, typische, mit- 
geborene hysterische Anfälle in Vergleich mit den spät und individuell er- 
worbenen Attacken der hysterischen Neurose, deren Genese und Bedeutung 
als Erinnerungssymbol uns durch die Analyse deutlich geworden ist. Natür- 
lich wäre es sehr wünschenswert, diese Auffassung für eine Reihe anderer 
Affekte beweisend durchführen zu können, wovon wir heute weit entfernt 
sind." Bernfeld (Psychologie des Säuglings, S. 189) macht demgegenüber 
den Versuch einer vereinheitlichenden Auffassung. Er verweist auf die be- 
achtenswerte Tatsache, daß die physischen Begleiterscheinungen der polar 
entgegengesetzten Affekte nicht selbst völlige Gegensätze sind, sondern daß 
es hier sehr merkwürdige Überdeckungen und Differenzierungen gibt. Er 
meint, daß sich diese gegensätzlichen Zustände aus einem Urzustände, als den 
er den Ablauf der die Geburt begleitenden körperlichen Ausdruckssymptome 
annimmt, differenzieren und daß die Erscheinungen am Atmungs- und Blut- 
kreislaufapparat die Geschichte des Affektes aufbewahren, wenn wir sie nur 
lesen könnten. Der Ausdruck der Angst reproduziere diesen Urzustand am 
reinsten, während Lust und Unlust sowie die mannigfaltigen Affekte ver- 
schiedene Weisen der Überwindung oder Wiederholung der Urangst bezeich- 
nen würden. Auf den engen Zusammenhang zwischen Wut und Angst komme 
ich später noch zurück. Sie scheinen die beiden Urreaktionen auf die An- 
näherung des gefährlichen Objektes zu sein, das entweder aus Angst geflohen 
oder aus Wut gefressen wird. Ch. Darwin schlägt in seinem Werke „Der 

Imago XX/a 



Ausdruck der Gemütsbewegungen bei den Menschen und den Tieren vom 
Wutaffekt eine Brücke zu den Erlebnissen unseref ältesten Ahnen, mdem er 
im Kapitel über Haß und Zorn unter den Ausdruckserscheinungen der Wut 
namentlich auf das Zurückziehen der Lippen und Entblößen der Zähne hin- 
weist. „Die Erscheinung ist die, als würden die Zähne entblößt, um zum 
Ergreifen oder zum Zerreißen eines Feindes bereit zu sein, wenn auch gar 
keine Absicht, in dieser Weise zu handeln, vorhanden sein mag" (S. 222). In 
einer Anmerkung äußert sich Darwin dann zu einer Feststellung des fran- 
zösischen Forschers Gratiolet (De la Physiognomie, 1865, p. 369): „Les dents 
se decouvrent et imUent symholiquement l'adion de dechirer et de mordre") 
wie folgt: „Wenn Gratiolet, anstatt den unbestimmten Ausdruck symho- 
Uquement zu gebrauchen, gesagt hätte, daß diese Bewegung ein Überbleibsel 
einer während der Urzeiten erlangten Gewohnheit wäre, als unsere halb- 
menschHchen Urerzeuger mit ihren Zähnen miteinander kämpften, wie Go- 
rillasi und Orangs heutigentages, so würde er verständlicher gewesen sem." 
Das Zurückziehen der Lippen und Entblößen der Zähne während der Wut- 
paroxysmen, als sollte der Beleidiger gebissen werden, erschien Darwin m 
Anbetracht dessen, wie selten die Zähne von Menschen beim Kämpfen^ ge- 
braucht werden, so merkwürdig, daß er sich bei einem Irrenarzt erkundigte, 
ob diese Gewohnheit bei den Geisteskranken anzutreffen sei. Dieser teilte mit, 
daß er es wiederholt sowohl bei Geisteskranken als auch Blödsinnigen (auch 
bei einem epileptischen^ Blödsinnigen) beobachtet habe. 

Jedermann, der viel mit kleinen Kindern zu tun gehabt, muß gesehen haben, 
wie natürlich es auch bei ihnen ist, wenn sie in Leidenschaft sind, zu beißen. 
Nach Abraham (Entwicklungsgeschichte der Libido) hätte die oral-sadistische 
(kannibalische) Periode das Ziel des Beißens (Einverleibens)» und entspräche der 
Zeit des Hervorbrechens der Zähne im Säuglingsalter, wenn auch nach Bern- 
feld (S. 210) die Kinder das Beißen bereits mit zahnlosen Kiefern üben. Die 
beginnende Zahnung (du rchschnittlich ab 7--9- Monat) dürfte auch für die 

I) Ein von dem amerikanischen Anthropoidenforscher R. M. Yerkes beobachtete! 
Gorillaweibchen biß im Wutanfall und reagierte mit plötzlicher Kotentleerung, die Erregt- 
heit des gesamten Verdauungsweges zeigend. Es war, wie wenn das Tier seinen Feind tat- 
sächlich schleunigst aufgefressen hätte. (Bei I. Hermann : Zur Psychologie eines Gorilla- 

^'""oie krankhafte Zornmütigkeit begegnet uns sehr häufig bei der epileptischen Ver- 
anlagung. Siehe unten. , , • 1 ivt„, 
,) Wie sich der primäre kannibalische Impuls im Wutanfall auch bei erwachsenen Neu- 
rotikern - allerdings in Verschiebung auf ein anderes Objekt - äußern kann, zeigt ein von 
Th. Reik (Der Schrecken, S. 109 f.) angeführtes Beispiel. Der Patient, der in einem schweren 
Zerwürfnis mit seiner Familie stand, hörte aus dem Nebenzimmer, wie seme Familie ab- 
fällige Bemerkungen über sein Verhalten machte, ergriff daraufhin einen großen Kuchen, der 
auf dem Teetisch für die ganze Familie vorbereitet stand, lief damit, ohne em Wort zu 
sprechen, davon und verschlang ihn in kürzester Zeit. 



Entwicklung des Zornaffektes Bedeutung besitzen; denn von diesem Zeit- 
punkt (viertes Jahresviertel) an lassen sich affektive Verhaltungsweisen, wie 
Zorn, aber auch Ärger, Stolz, Furcht, deutlich beobachten. Allerdings haben, 
wie Bernfeld mit Recht bemerkt (S. 212), diese Worte für den Säugling 
nicht die Fülle von Erinnerungen, Gefühlen, intellektuellen und komplizierten 
emotionalen Prozessen, die sie im späteren Leben erhalten. Zornähnliche, 
weniger differenzierte Zustände werden wohl auch schon im frühesten Säug- 
lingsalter auftreten. Ferenczi (Versuch einer Genitaltheorie) geht sogar so 
weit, auf Grund der ersten Lebensäußerungen des Neugeborenen zu behaupten, 
daß die während des Geburtsaktes erlebte traumatische Erschütterung, ins- 
besondere die Fesselung im Geburtskanal, nicht nur Angst, sondern auch Wut 
hervorruft; möglicherweise sei das Gefühl der ohnmächtigen Wut über- 
haupt ein integrierender Bestandteil des Angstaffektes. (Dies scheint mir nicht 
den Tatsachen zu entsprechen.) Und Gh. Darwin sagt in seinem „Biographi- 
cal Sketch of an Infant" (S. 2 87 f.): „Es war schwer zu entscheiden, wie früh 
Zorn gefühlt ward. Als der Knabe acht Tage alt war, runzelte er die Haut 
um die Augen, ehe er schrie; dies kann jedoch von Schmerz oder Übelbefinden 
ohne Zorn herrühren. Ungefähr zehn Wochen alt, erhielt er einst ziemlich 
kalte Milch, und es erschien eine schwache Runzel vor der Stirn, während er 
trank, so daß er einem Erwachsenen ähnlich sah, der verdrießlich darüber 
ist, etwas tun zu müssen, das er nicht mag. Als er aber vier Monate alt war, 
konnte man deutlich sehen, wenn er in große Leidenschaft geriet. Das Blut 
drang stark nach dem Gesichte und der Kopfhaut. Eine geringe Ursache ge- 
nügte. So schrie er, als er sieben Monate alt war, vor Wut, weil ihm eine 
Zitrone entfiel. Sieben Monate alt, stieß er ein ihm gereichtes unrechtes Spiel- 
zeug von sich und schlug darnach. Ich glaube, daß der Schlag ein instinktives 
Zeichen des Zorns war, ebenso wie ein junges, kaum dem Ei entschlüpftes 
Krokodil mit den Kinnladen schnappt; ich glaube aber nicht, daß er meinte, 
dem Spielzeug etwas zuleide zu tun. Zwei Jahre und drei Monate alt, war er 
sehr geschickt, jedem, der ihn beleidigte, Bücher, Stöcke usw. an den Kopf 
zu werfen." fiernfeld (S. 242) führt eine Notiz aus G. u. E. S cupin s Buch 
„Bubis erste Kindheit" (1907) an: „7. Monat. In Wut gerät das Kind, wenn 
man es in den Wagen setzen will, während es gerade den Wunsch hat, ge- 
tragen zu werden. Es bekommt alsdann einen roten Kopf, quietscht heiser 
und macht den Körper hartnäckig steif, so daß es geradezu eine Unmöglich- 
keit wird, es niederzusetzen." Die Störung seines Begehrens erzeugt also bei 
dem Säugling den Affektzustand der Wut und führt, wo die Störung durch 
eine reale Behinderung hervorgerufen wird, zu deren aggressiver Abwehr. Es 
mag jedoch auch vorkommen, daß das Hindernis nicht bewältigt werden kann 
oder daß die Störung keine körperliche Behinderung ist. So, wenn die Mutter 



148 



Alfred Winterstein 



von dem Säugling vergeblich gerufen wird. Dann bietet dieser das charak- 
teristische Bild ohnmächtiger Wut. Unkoordinierte motorische Entladung 
und zorniges Schreien (beides Äußerungen des zum Teil nach außen ab- 
gelenkten Destruktionstriebes, der ursprünglich zur Gänze gegen das eigene 
System gerichtet war) gehen schließlich in ein klagendes Wimmern über. In 
diesem sehr unlustvollen Zustande sind Wut, Ärger, Resignation und Trauer 
zu einer Einheit verbunden, sof erne man überhaupt diese Affektbezeichnungen 
auf die Gefühlskeime beim Säugling anwenden kann. Ein Fall von erfolgloser 
Bemühung, eine körperliche Behinderung abzuwehren, liegt wiederum dort 
vor, wo das Kind während der Dentition versucht, die ehemals erogene Kiefer- 
stelle, an der der Zahn jetzt Unlust, ja Schmerz erregend durchbricht, mit allen 
möglichen Mitteln (Kauen, Spucken, Drücken, Beißen u. a.) zu vernichten. 
Hier behandelt der Säugling die Stelle seines eigenen Körpers so wie ein 
Objekt der Außenwelt, aber der unangenehme Reiz läßt sich natürlich nicht 
entfernen, das Kind wird enttäuscht und verspürt ohnmächtigen Zorn. Diese 
Gefühlssituation gibt allen späteren Reaktionen auf eine Ich-Ohnmacht das 
Gepräge. Rado hat in seiner Arbeit „Das Problem der Melancholie" das Ver- 
halten des Melancholikers, das durch den Sinnzusammenhang von Schuld- 
Sühne-Verzeihung bestimmt wird, letzten Endes auf eine tief haftende 
Erlebnisreihe des ausgehenden Säuglingsalters zurückzuführen versucht. Der 
Säugling, der in Abwesenheit der Mutter Hunger verspürt, bricht in ohn- 
mächtige Wut aus, zappelt und schreit, um dann erschöpft und hilflos 
der Pein des Hungers zu erliegen. Diese „Triebentmischung" bildet nach 
Ferenczi (Das Problem der Unlustbejahung) das Gegenstück zu der physio- 
logischen Destruktion, die durch die Abwesenheit der Nährstoffe in den Ge- 
weben des Organismus hervorgerufen wird. Doch auf dieses qualvolle Er- 
lebnis folgt unausbleiblich die um so intensivere Bedürfnisbefriedigung des 
Säuglings durch die Mutterbrust, gipfelnd in dem „alimentären Orgasmus" 
des an der Mutterbrust trinkenden Kindes.* Da der Hunger wie jede Ent- 
behrung sehr bald als eine Art Strafe (Rado spricht von einer seelischen Vor- 
stufe der späteren Strafen) empfunden wird, verkehrt sich für die rück- 
schauende Betrachtung die natürliche Reihenfolge, indem nunmehr die 
Hungerqual als Sühneaktion für die Wutanwandlung erscheint und das Trin- 
ken an der Brust die Verzeihung besiegelt. Wir greifen einer späteren Er- 
örterung vor, wenn wir schon hier auf den von Rado statuierten geneti- 
schen Zusammenhang zwischen dem Wutausbruch des Säuglings und den 
aggressiven, sadistischen Antrieben der Folgezeit kurz hinweisen, an die sich 

4) Bewahrt die biblische Redensart „Die Schale seines Zornes über jemand ausgießen" 
vielleicht eine unbewußte Erinnerung an die Milch der Mutterbrust, deren Abwesenheit die 
Wut des Säuglings hervorruft? 



Der Zornaffekt 



149 



das von seinem genitalen Ursprung verschobene Inzest-Schuldgefühl heftet. 
"Was uns klinisch als Sadismus entgegentritt, entsteht aus einer Vereinigung 
des ursprünglichen, reaktiven Wutimpulses mit der sadistischen Libidokom- 
ponente. Nach Jones (Über analerotische Charakterzüge) geht der Sadismus 
des späteren Lebens vor allem auf den Kampf zurück, den das Kind mit den 
Erwachsenen um die Beherrschung derDefäkationsfunktion ausficht. Wo 
diese Erziehung zur Reinlichkeit lange Zeit in Anspruch genommen hat, kann 
jähzorniges Wesen als bleibender Charakterniederschlag eines unrichtig be- 
handelten kindlichen Analerotikers in Erscheinung treten. Während aber der 
Trotz, den Freud schon in seiner frühen Arbeit über „Charakter und 
Analerotik" unter den drei Eigenschaften des analen Charakters anführt, 
zunächst bloß eine energische Abwehr-Stellungnahme des kleinen Kindes, und 
zwar eine vom „Absperrtypus" (Bernfeld), darstellt, zu der später aller- 
dings auch noch ein sadistisches Element hinzutreten mag, leitet sich der 
Jähzorn in seiner unverdrängten Aggressivität unmittelbar aus dem Quell- 
gebiete der destruktiven Antriebe her, die auf der analsadistischen Organisa- 
tionsstufe so eng mit den der Analerotik angehörigen libidinösen Regungen 
verknüpft sind. Ein quantitativer Faktor in der konstitutionellen Ver- 
anlagung (Jähzorn und analer Charakter vererben sich in manchen Famihen 
von Generation zu Generation) spielt hier natürlich gleichfalls eine Rolle; von 
den vier Temperamentstypen heißt ja auch einer der cholerische. 

Auch die Beziehungen zwischen Ödipuskomplex und Wutanfällen 
sind von psychoanalytischen Autoren beachtet worden. Nach Rado werden 
die aggressiven Regungen, wie sie sich im Wutausbruch kundgeben, zu Trä- 
gern des ganzen Schuldgefühles, wenn die inzestuösen Wünsche mit dem 
Untergang des Ödipuskomplexes der Verdrängung anheimgefallen sind. Die 
bewußtseinsunfähige Genitalschuld verbirgt sich hinter der in ihrem Wortlaut 
erhaltenen Aggressionsschuld. Wo die Abwehr der Aggression durch Reak- 
tionsbildung erfolgt, entsteht ein passiv-femininer Charakter, bei dem 
sich die Wut durch Apathie, Müdigkeit, Gehemmtheit (Aphonie in einem von 
H. Deutsch behandelten Fall eines konversionshysterischen Patienten), Ge- 
lähmtsein (z. B. eine hysterische Armlähmung) ersetzen kann. Die Konver- 
tierung von Wut in Aphonie, die Überführung des Affektes ins Physische be- 
deutet eigentlich ein Ausweichen vor der drohenden Angst; denn jeder unter- 
drückte Affekt kann in Angst verwandelt werden. Anderseits gehen oft im- 
pulsive Aggressionshandlungen aus dem Versuch hervor, sich einer unerträgHch 
gewordenen Angst zu erwehren.^ Wie Reik (Der Schrecken, S. 68) bemerkt, 



5) Wut als Folge von Angst läßt sich etymologisch im Englischen nachweisen. Anger ist 
der Zorn, angry soviel wie zornig. Diese englischen Wörter hängen zweifellos mit dem 
lateinischen angor, Angst, zusammen. 



gibt es solche Triebdurchbrüche nicht nur in der Symptomatologie der Hy- 
sterie, sondern auch der Zwangsneurose und der manisch-depressiven Affek- 
tion. Er hält es für wahrscheinlich, daß sich hier ein "Weg für die psycho- 
logische Erklärung von Aggressionen in den Psychosen eröffnet. Die Be- 
drohung, die vom Objekt auszugehen scheint, soll durch die Bedrohung des 
Objektes bewältigt werden. 

Der Affektausbruch des Zornes unterliegt in besonderem Grade der Ver- 
drängung und schafft so häufig die Voraussetzung für eine seelische Erkran- 
kung. Ist der Wutaffekt zu heftig, um dauernd unterdrückt zu werden, so 
kann bei hysterischen Personen der hysterische Anfall der motorischen Ent- 
ladung eines Wutausbruches dienen. In einem anderen von H. Deutsch 
analysierten Fall (es handelte sich um eine fünfzehnjährige Hysterikerin) er- 
wies der hysterische Anfall eine Bindung der destruktiven Tendenzen mit 
libidinösen Strebungen; in ihm trafen Wutentladung und sexuelle Abfuhr 
zusammen. Beide waren verschiedene Ausdrucksformen der ödipuswünsche 
der Patientin: die Wut als aggressive Versagungsreaktion und die genitale 
Entladung als Folge unbewußter Wunschphantasien. Auch die Wut- und 
Angstanfälle eines von M. Klein analysierten kleinen Mädchens, die sich als 
Wiederholungen eines Pavor nocturnus erwiesen, standen in inniger Ver- 
bindung mit dem Ödipuskonflikt. Bei dem oben erwähnten Patienten mit 
Hemmung des Sprachvermögens war, als er fünf Jahre alt war, ein Pavor 
nocturnus aufgetreten, der gleichfalls eine neurotische Verarbeitung der 
ödipuskämpfe (im Anschluß an Urszenenerlebnisse) darstellte. Über den Zu- 
sammenhang zwischen Wut und Angst äußert sich O. Fenichel im ersten 
Bande seiner Neurosenlehre (Hysterien und Zwangsneurosen) bei Besprechung 
der Angsthysterie (S. 49). Er sagt, daß die Angst gelegentlich begründet ist 
in heftigen, gegen das eigene Ich wütenden Tendenzen, die ihren Ursprung in 
einem von Objekten abgewendeten sadistischen Impuls haben. Todesangst 
tritt bei allen Anlässen auf, bei denen ein anderer Mensch Wut produzieren 
würde, dies am häufigsten bei partiell zum Sadismus regredierten Formen, also 
am ehesten bei den mit Zwangsneurose kombinierten Fällen. 

Im zweiten Bande seines Werkes (Perversionen, Psychosen, Charakterstörun- 
gen) bemerkt Fenichel zu einem analysierten Fall von Hebephrenie (S. 98), 
daß die ursprüngliche Reaktion auf die Urszenen, eine ungeheure Wut auf 
beide Eltern, insbesondere auf den Vater, in der zunehmenden Gleichgültig- 
keit gegen die Welt abgewehrt wurde. Bei solchen Individuen wird alles 
Affektive zurückgedrängt; jede Gemütsbewegung soll vermieden werden, um 
der Wut, die aufgespeichert und ausbruchsbereit ist, auszuweichen. 

E. Jones hat in seiner Abhandlung über „Angst, Schuldgefühl und Haß" 
die doppelte Schichtung von Haß und Angst im Seelenleben treffend her- 



Der Zornaffekt 



15t 



vorgehoben. Bei der Kombination von Angst und Haß schiebt sich die Angst- 
schicht zwischen eine oberflächliche, ichgerechte Schicht von Haß und eine 
tiefere, unbewußte von nicht ichgerechtem Typus. Jede Stufe dient der Ab- 
wehr der nächsttieferen. „Haß, besonders in der gemilderten Form von 
Übellaunigkeit, Reizbarkeit und Ärger", führt Jones aus (S. 7), „ist gewöhnlich 
ein Deckmantel für eine tiefer liegende Angst oder dient der Abwehr einer 
solchen.* Dies kann in chronischer Verteilung z. B. bei einem unangenehmen 
oder reizbaren Charakter oder aber akut auftreten, wenn ein plötzlicher 
Schreck einen Ausbruch von Ärger an Stelle einer panischen Reaktion er- 
zeugt.'' Doch haben wir gute Gründe zur Annahme, daß die zugrunde liegende 
Angst selten, wenn nicht überhaupt niemals auftritt, ohne eine noch tiefere 
Schicht von Haß, von demselben nicht ichgerechten Typus wie oben auf- 
gezeigt, erkennen zu lassen." 

Daß Haß und Ärger mit dem Zornaffekt zusammenhängen, ist wohlbekannt. 
Trotzdem dürfte eine schärfere terminologische Abgrenzung nicht un- 
angebracht sein. Nach Freud hassen wir diejenige Person, die sich von uns 
nicht lieben lassen will. Haß entsteht nur dort, wo eine dauerhafte Affekt- 
verbindung zwischen den beiden Personen hergestellt ist (also vorerst in der 
Familie) oder wo wenigstens die gehaßte eine Ersatzperson für jemand an- 
deren ist, auf den sich diese Affektverbindung bezieht (Jones, Haß und 
Analerotik in der Zwangsneurose). Die affektive Beziehung ist ursprünglich 
positiv und verbleibt so im Unbewußten. Diese Auffassung scheint mir zu 
eng; es gibt zweifellos einen Haß, der nicht aus verschmähter Liebe hervor- 
geht, wenngleich ontogenetisch Haß als Reaktion auf Liebe in vielen Fällen 
die früheste Form des Affektes sein dürfte. "W. St ekel hat dagegen die Frage 
aufgeworfen, ob nicht der Haß ursprünglicher sei als die Liebe. Eine Voraus- 
setzung des Hasses scheint auch die irgendwie hervortretende Überlegenheit^ 
der anderen Person zu sein. In jeder Haßregung verbirgt sich auch ein Stück 
unbewußter Angst. Haß ist mit Sadismus nahe verwandt; denn der Haß 
empfindet leicht Lust daran, daß die persönliche Ursache des Schmerzes selbst 
Schmerz erleidet. Doch meint Jones, daß die Beziehung zwischen Haß und 
Sadismus nicht ursprünglich sei. Zorn und Ärger scheinen vom kleinen Kinde 
früher gefühlt zu werden als Haß. Zorn und Ärger unterscheiden sich wohl 
dadurch voneinander (sofern man nicht nur quantitative Differenzen an- 
nimmt), daß der Ärger eine durchaus unlustvolle, aber mildere Spielart des 

6) Zum Haß als einer Art Abwehr der Angst, als einem primitiven Versuch der Angst- 
bewältigung siehe Th. Reiks Studie „Über den Zusammenhang von Haß und Angst" (in 
„Der Schrecken"). 

7) Kant (Anthropologie, I. 3. § 74) definiert den Zorn als einen Schreck, der schnell 
die Widerstandskraft gegen das drohende Übel weckt. 

8) Alphonse Daudet hat deshalb den Haß den Zorn der Schwachen genannt. 



152 



Alfred "Winterstein 



Zornaffektes darstellt, die durch Hemmung der Reaktionsbewegung entsteht 
und so eine Disposition zur inadäquaten Abfuhr schafft. Während sich im 
2ornanfall mit dem den Zorn erzeugenden Unlustgefühl die Lust der mo- 
torischen Entladung verbindet, wächst beim Ärger das ursprüngliche Unlust- 
gefühl an und erhält eben den spezifischen Charakter des Ärgers. Der Ärger 
ist ein Stauungsaffekt und rückt in die Nähe des Ressentiments.» Bei ihm 
fehlt häufig das Objekt, was beim Zorne nie der Fall ist; es gibt auch keinen 
objektlosen Haß. Das heißt richtiger: beim Ärger ist die wahre Ursache oft 
verdrängt. Deshalb scheint der Ärger eine allgemeinere Gefühlserregung als 
der Zorn darzustellen und auch im Ausdruck mannigfaltiger zu sein. Ärger 
entspringt nach F. Jodl jedem Eingriff in unsere Willenssphäre, jeder 
Nichterfüllung unserer Erwartungen, jeder Schädigung unserer Interessen, 
jeder Störung unseres Behagens. Wir werden hinzufügen: doch wohl haupt- 
sächlich dann, wenn wir reizbare Analcharaktere sind (vgl. die ein- 
schlägigen Arbeiten von Jones und Abraham). Wir ärgern uns über 
alles und jedes, weil wir in ärgerlicher Stimmung sind. Die bei irgend 
einem Anlaß unterdrückte Wut hinterläßt eine chronische Reizbarkeit, 
die stets bereit ist loszubrechen und doch nie gänzlich abreagiert wird. Auch 
dort, wo der Ärger berechtigt erscheint, darf die Verstärkung aus unbewußten 
Quellen nicht übersehen werden." So sehr wir nun auch um eine reinhche 
begriffliche Scheidung der Affekte bemüht bleiben, besteht doch kein Zweifel 
darüber, daß alle diese Gefühlseinstellungen unmerklich ineinander übergehen. 

Wir kehren zu der Untersuchung der beiden Haßschichten zurück, zwischen 
die sich sowohl Angst wie Schuldgefühl schieben können. Jones bemerkt, 
daß die höhere Stufe im Augenblicke der Empfindung zumeist besonders ich- 
gerecht erscheint. Es gibt wenige Gefühlsvorgänge im Leben, meint er, die 
dem Träger eine derartige Überzeugung geben, im Rechte zu sein, und die ein 
solches Gefühl von Eigenrechtfertigung mit sich bringen wie der Ärger, der 
im sogenannten gerechten Zorn seinen Höhepunkt erreicht. Schon der 
Begriffsbestimmung nach ist es bei den tieferen, unbewußten Schichten des 
Hasses ganz anders. Wenn wir nun versuchen, die genauere Beziehung der 
beiden Schichten zu ermitteln, kommen wir nach Jones zu folgenden Er- 



9) Siehe auch meine Abhandlung „Zur Psychologie der Arbeit", S. 145. 

10) Vgl. was Freud in der „Traumdeutung" über die gegenseitige Förderung der Affekte 
schreibt (S.4o6):_ „Der auffällige Zug des neurotischen Charakters, daß affektfähige Anlässe 
bei ihm eine Wirkung erzielen, die qualitativ berechtigt, quantitativ über das Maß hinaus- 
geht, erklärt sich auf diese Weise, soweit er überhaupt eine psychologische Erklärung zuläßt. 
Der Überschuß rührt aber aus unbewußt gebliebenen, bis dahin unterdrückten Affektquellen 
her, die mit dem realen Anlaß eine assoziative Verbindung herstellen können, und für deren 
Affektverbindung die einspruchsfreie und zugelassene Affektquelle die erwünschte Bahnung 
öffnet." 



r 



Der Zornaffekt ieq 






gebnissen: Der primäre Haß kann nur die instinktive Erwiderung des Kindes 
auf die Versagung seiner Wünsche, besonders der libidinösen, sein, zumeist 
in Form des Wutausbruches erfolgend. Dieser primäre reaktive Impuls 
vereinigt sich gewöhnlich mit der sadistischen Komponente der Libido zu dem, 
was uns klinisch als Sadismus begegnet. In der Überwältigung des versagen- 
den Objektes liegen demnach zwei Quellen libidinöser Befriedigung: die ur- 
sprüngliche frühzeitig versagte und die rein sadistische. Später allerdings wird 
auch diese Befriedigung durch das Schuldgefühl" gehindert. Die sekundäre, 
bewußte Haßreaktion stellt einen Versuch dar, das Schuldgefühl oder besser 
die Hilflosigkeit, die durch dieses erzeugt wird, zu bewältigen. Die Auf- 
lehnung gegen das Schuldgefühl geschieht derart, daß man es nach außen 
projiziert, indem man die verbietende Instanz (Über-Ich) mit einer anderen 
Person identifiziert, die dann der ursprünglich versagenden Person, von der 
das Schuldgefühl seinen Ausgang genommen hat (Eltern), gleichgesetzt wird. 
In diesem Sinne können wir den Haß der sekundären Schicht als eine Wie- 
derkehr des Verdrängten bezeichnen. Möglich wird dieser Vorgang 
nur durch die Schaffung der phantasierten Annahme, daß die andere Person 
im Unrecht sei, oder durch ein Verhalten in der Realität, das die Verwirk- 
Hchung dieser Phantasie zur Folge hat. Die unbewußte Schicht, der un- 
bewußte Komplex ist es auch, der den tiefsten verursachenden Faktor einer 
jeden Gemütsbewegung, also auch des Zornes bildet. Kulovesi (Psycho- 
analytische Bemerkungen zur James-Langeschen Affekttheorie) hat mit 
Recht betont, daß die nach dieser Affekttheorie primären, von der äußeren 
Wahrnehmung angeregten physiologischen Ausdruckserscheinungen, die die 
bewußte Gemütsbewegung verursachen sollen („wir sind zornig, weil wir zu- 
schlagen, wir sind traurig, weil wir weinen" usw.), in Wahrheit sekundärer 
Natur sind, da sie erst auftreten, nachdem durch die äußere Wahrnehmung 
ein unbewußter seelischer Komplex mobilisiert wurde. Der körperliche 
„Ausdruck" dient dann dazu, die innere Spannung zu entladen. 

Die enge Beziehung zwischen cholerischen und melancholischen 
Zuständen war schon der antiken Temperamen tslehre^^ sowie der mittelalter- 
lichen Astrologie^" bekannt und hat dann auch innerhalb der offiziellen Psy- 
chiatrie in dem Krankheitsbilde der manisch-depressiven Psychose Bestätigung^ 
gefunden, da beobachtet wurde, daß die manische Phase nicht nur heitere, 

ii) Hinter klinisch beobachteter Angst ist stets Schuldgefühl verborgen, das wieder ein 
noch früheres Stadium von Angst überdeckt. 

12) Zuordnung der gelben und schwarzen Galle zum cholerischen und melancholischen 
Temperament; Zusammenhang zwischen Zornanfall und Gelbsucht. In diese Reihe gehört 
auch das lateinische im. Im, eigentHch him, ist ein Wort für die Leber; die Galle aber 
wird von der Leber ausgeschieden. 

13) Beide Zustände wurden dem Einfluß des Saturns zugeschrieben. 



154 Alfred Winterstein 



sondern auch zornige Erregungszustände (Zorntobsucht)'* umfaßt. Die Zorn- 
anfälle sind aber häufig auch eine Folge des gleichzeitigen Auftretens manischer 
und depressiver Vorgänge. Den in die Breite geistiger Gesundheit fallenden 
Choleriker'5 charakterisiert der Experimentalpsychologe N. Ach (Über den 
"Willensakt und das Temperament) als ein stets lebhaftes, himmelhoch jauch- 
zendes, zu Tode betrübtes Individuum, dessen Handeln zwischen Erfolgen 
und Mißerfolgen schwankt. 

Seit den Forschungen Freuds über die Melancholie, denen sich die Unter- 
suchungen Abrahams und Rados anschlössen, ist die psychologische Ver- 
wandtschaft zwischen "Wut und Melancholie durch den Nachweis klar- 
gestellt, daß im depressiven Mechanismus die eigentlich dem aufgegebenen 
Objekte geltende Aggression gegen das eigene Ich (seitens des "Über-Ichs) ge- 
richtet wird. In der reaktiven Exaltation können sich dann nicht nur die 
libidinösen, sondern auch die destruktiven Strebungen austoben. In der 
Zwangsneurose begegnet uns gleichfalls ein Beieinander von "Wutregungen 
und depressiven Gemütsveränderungen, das sich durch die den beiden Krank- 
heitsformen eigene Ambivalenz und durch die gemeinsame Beziehung zur 
sadistisch-analen Organisationsstufe (trotz der verschieden tiefen prävalenten 
Fixierungsstelle bei Zwangsneurosen und manisch-depressiven Zuständen) er- 
klärt. Wutausbrüche bei Konversions- und Angsthysterikern haben 
wir bereits an einer früheren Stelle zur Sprache gebracht. Fenichel ver- 
mutet, daß in der Ätiologie der Hebephrenie (wie übrigens auch der 
narzißtischen Organneurosen) der besonderen Betonung einer un- 
geheuren Zerstörungswut eine typische Bedeutung zuzusprechen sei. Kretsch- 
mer (S. 144) beschreibt in nachstehender "Weise den schizophrenen Typus 
der Jähzornig-Stumpfen oder Stumpf -Brutalen: „ . . . unter der Decke einer 
mürrischen Schweigsamkeit glimmt beständig ein Funke von innerer Ge- 
reiztheit, die komplexmäßigen Charakter hat und aus der Summation all der 
kleinen, innerlich sich anhäufenden, nicht verwindbaren und nicht aussprech- 
baren Unlustreize des Alltags in Beruf und Familie entsteht; einer nervösen 
inneren Gereiztheit, die nur bei leichtem Anrühren eines Komplexes an un- 
vermuteter Stelle in den brutalsten Jähzornausbrüchen sich, die stumpfe 
Decke durchbrechend, rücksichtslos entladen kann. Diese Form schizophrenen 
Jähzorns hat in ihrem psychologischen Mechanismus der latenten Affekt- 

14) C. Lange (Die Gemütsbewegungen, S. 28 f.) findet eine große Übereinstimmung 
zwischen Zorn und Freude; der physiologische Unterschied beschränke sich auf Intensitäts- 
differenzen der organischen Phänomene. Er vergleicht auch den Zorn mit der Manie (ira 
Juror brevis). 

15) E. Kretschmer (Körperbau und Charakter, S. 116) bemerkt über diesen Typus: 
„Der Hypomanische ist ,hitzig', er ist der Mann des erfrischenden Zorns, des Fritz Reuter- 
ischen .Hofjungenärgers', der rasch aufbraust und gleich wieder gut ist." 



anstauung und besinnungslos eruptiven Entladung manche Verwandtschaft mit 
gewissen hirn traumatischen und epileptischen Syndromen." Kretschmers 
Charakteristik gilt im großen und ganzen auch für den reizbar-mürrischen 
Analcharakter. 

Die Auffassung der Epilepsie als Explosion schwer aggressiver Neigungen, 
demnach als einer Art Wutanfall, kommt in der psychoanalytischen Lite- 
ratur zum erstenmal in einer Fußnote zuFerenczis Aufsatz „Entwicklungs- 
stufen des Wirklichkeitssinnes" zum Ausdruck. Er macht dort darauf auf- 
merksam, daß die Epileptiker als ungemein „empfindliche" Menschen bekannt 
sind, hinter deren Unterwürfigkeit beim leisesten Anlaß furchtbare Wut und 
Selbstherrlichkeit zum Vorschein kommen. Diese Charaktereigen- 
schaft wurde bisher meist als sekundäre Entartung, als Folge oft wiederholter 
Anfälle gedeutet. Ferenczi meint, daß man aber auch an eine andere Mög- 
lichkeit denken müsse: an die nämlich, ob denn die epileptischen Anfälle 
nicht als Regressionen in die infantile Periode der Wunscherfüllung mittels 
unkoordinierter Bewegungen zu betrachten seien. Die Epileptiker wären dann 
Wesen, bei denen sich die Unlustaffekte aufhäufen und sich periodisch in 
Paroxysmen abreagieren. Erwiese sich diese Erklärung als brauchbar, so 
müßten wir die Fixierungsstelle für eine spätere Erkrankung an Epilepsie in 
dieses Stadium der unkoordinierten Wunschäußerungen verlegen. Das 
irrationelle Strampeln mit den Füßen, das Ballen der Fäuste, das Zähne- 
knirschen usw. bei Zornesausbruch wäre eine mildere Form derselben 
Regression bei sonst gesunden Menschen. 

Freud selber spricht sich zum erstenmal über das Epilepsieproblem in der 
Abhandlung „Das Ich und das Es" aus, und zwar nur ganz beiläufig (S. 386): 
„Wir erkennen, daß der Destruktionstrieb regelmäßig zu Zwecken der 
Abfuhr in den Dienst des Eros gestellt ist, ahnen, daß der epileptische Anfall 
Produkt und Anzeichen einer Triebentmischung ist." In dem Aufsatz 
„Dostojewski und die Vatertötung" widmet er dann der Epilepsie eine längere 
Betrachtung und zeigt hinter der Ambivalenz des russischen Dichters auch 
den gegen die eigene Person gerichteten Destruktionstrieb auf, ohne aber 
des Wutaffektes bei der Beschreibung des Krankheitsbildes Erwähnung zu tun 
(das Symptom des epileptischen Zungenbisses könnte als eine solche Zornes- 
äußerung gedeutet werden). Zwischen organischer und „affektiver" Epilepsie 
unterscheidend, sieht Freud in dem epileptischen Anfall Dostojewskis das 
Anzeichen einer schweren Hysterie (Hysteroepilepsie). 

W. Reich wirft in seiner PuWikation „Über den epileptischen Anfall" auf 
Grund klinischer Beobachtungen die Frage auf, ob der epileptische Anfall ein 
pathologischer, nämlich extragenital-muskulärer Orgasmus oder ein Akt de- 
struktiver Motorik sei, und gelangt im Einklang mit seinen Untersuchungen 



156 



Alfred Winterstein 



Über die energetischen Abhängigkeiten zwischen den erotischen und destruk- 
tiven Antrieben (siehe desselben Verfassers Buch „Die Funktion des Orgas- 
mus") zu dem Ergebnis, daß der epileptische Anfall beides sei." Jede Unter- 
drückung der normalen libidinösen Abfuhr, der psychischen wie namentlich 
der somatischen, steigert die Zornbereitschaft und die Aggressivität (wenn die 
unterdrückte Sexualerregung nicht symptomatisch gebunden wird oder als 
Stauungsangst auftritt. Wir können nicht angeben, welche Faktoren darüber 
entscheiden). Wird wie bei der Epilepsie der normale Reizablauf der beiden 
aneinander gebundenen Triebenergien am Genitale verhindert, so entlastet 
sich die angestaute Erregung an dem Vollzugsorgan der Aggressivität, der 
Körpermuskulatur, in destruktiver Art. Der sadistische Charakter des Epilep- 
tikers wäre demnach, wie Reich wohl nicht mit Recht meint, erst eine Folge- 
erscheinung der chronischen Libidostauung. 

In seiner früheren Arbeit „Die Funktion des Orgasmus" hat Reich zur 
Theorie des Zornaffektes einige Bemerkungen gemacht, die ich im folgenden 
wiedergebe. Er erörtert zunächst die Entstehung des Sexualaffektes aus der 
sexuellen Empfindung (Organsensation) und fährt dann mit Bezug auf den Zorn- 
affekt als Äußerung des Destruktionstriebes fort (S. 95): „Das gleiche gilt für 
den Zornaffekt, der um so stärker ausfällt, je mehr die motorische Aktion 
unterdrückt wird. Ohnmächtige Wut ist am intensivsten. Läßt man seiner 
Wut freien Lauf, so verliert sich der Affekt sehr bald. Unterdrückt^'' man 
sie, so bleibt die Erregung bestehen, bis sie in äquivalenten Handlungen oder 
durch phantasierte Tat abgebaut wird. Auf die Dauer pflegen sich aber auch 
Zornaffekte zu stauen und sich eruptiv, gelegentlich auch bei inadäquaten An- 
lässen, die motorische Abfuhr zu erzwingen. Auf die Bedeutung der somati- 
schen Libidostauung für das Zustandekommen des Zornes und der Aggressivi- 
tät werden wir später zurückkommen. Hier ist nur wichtig, daß auch der 
Zornaffekt von vasomotorischen Erscheinungen, wie Herzklopfen, Vasodilata- 
tion, Störungen der Atmung usw. begleitet ist, solange er sich nicht motorisch 
entladen kann. 

Sowohl bei der Sexualerregung als auch bei der Wut^^ bedingt die motorische 

16) Bezeichnung des Koitus als kleine Epilepsie. Schon sehr frühzeitig erkannte man im 
sexuellen Akt eine Abschwächung und Anpassung der epileptischen Reizabfuhr. 

17) Unterdrückte Wut äußert sich körperlich als Muskelkrampf. 

18) G. Groddeck schreibt in seinem Buch „Der Mensch als Symbol" über die nahe Ver- 
wandtschaft der leidenschaftlichen Zornempfindung mit der Liebesleidenschaft (S. 94f.): 
„Sie lodern beide, sind Feuer-Kinder, Aufwallen und Kochen des Bluts kennzeichnen sie. 
Sie machen den Menschen blind. Sie rasen. Und wenn die Geschlechtsleidenschaft dem 
Manne die Liebeswaffe gibt, so wird dem Zornigen alles zur Waffe. Wie die Raserei der 
Liebe den Geschlechtsteil gegen das Weib sich aufbäumen läßt, so bäumt sich im Zorn alles 
gegen die Welt auf. Das Symbol Hegt in dem Verhalten des Bluts: wie in der Liebesleidenschaft 
das Blut zum Geschlechtsteil schießt, steigt es im Zorn zu Kopf (Zornesröte); der Begriff 



Der Zornaffekt 



157 



Hemmung und die Stauung der Erregung im vasovegetativen System den 
Affekt, während die motorische Aktion ihn durch Entlastung des autonomen 
Nervensystems aufhebt. Wir kommen somit zum Schlüsse, daß der Affekt 
die psychische Manifestation einer Erregung des vasovegetativen Systems ist und 
daß die psychische Vorstellung allein ohne die somatische Erregung keinen 
Affekt erzeugen kann. Es ist auch schwer vorstellbar, daß eine Vorstellung 
eine somatische Erregung ohne Zuhilfenahme des Unbewußten auszulösen im- 
stande sein sollte. Jede Vorstellung, die im Bereiche lebenswichtiger Funktio- 
nen auftaucht, setzt Hbidinöse oder destruktive Triebenergien in Bereitschaft 
zur motorischen Entladung. Diese Triebe können offenbar nicht als Affekte 
bewußt werden, wenn der Körper nicht mitschwingt. Das vaso-vegetative 
System spielt dabei den Vermittler. Das gilt in gleicher Weise für die drei 
wichtigsten Affekte: die sexuelle Erregtheit, die Wut und die Angst." 

Was Reich über die Mitwirkung des Unbewußten bei der Entstehung der 
somatischen Phänomene sagt, stimmt mit der oben angeführten Annahme 
Kulovesis hinsichtlich der ätiologischen Bedeutung des unbewußten seeli- 
schen Komplexes für die Erzeugung der Gemütsbewegung und ihrer physio- 
logischen Begleiterscheinungen überein. 

O. Fenichel (Über organlibidinöse Begleiterscheinungen der Triebabwehr) 
und K. Landauer (Die kindhche Bewegungsunruhe) haben beide auf die 
primäre Lustfunktion der Muskulatur und ihre ökonomische Bedeutung für 
den Zornanfall mit Recht hingewiesen. Nach Fenichel dient das Muskel- 
system ursprünglich (beim Zappeln und zornigen Schreien des kleinen Kindes) 
bloß dem Lustprinzip, richtiger dem Nirwanaprinzip, indem es in unkoordi- 
nierter Weise Reize in die Motilität abführt (Ferenczis Periode der 
magisch-halluzinatorischen Allmacht). Wenngleich mit der Durch- 

der Franzosen ,les yeux rouges' kennzeichnet schlagend die Verwandtschaft von Liebe und 
Zorn. Man muß diese Zusammenhänge beachten, nicht bloß kennen; in ihnen sind große 
Gebiete des Lebens aneinander gebunden, sie umfassen Geheimnisse des Menschlichen, die 
dem, der sie ahnt, ehrfürchtiges Erstaunen aufzwingen. (Von der Geschlechtswurzel puh — 
geht der Weg über ,pubes' zu ,pudor = Scham', ,pudet = es schämt mich', ,pugna = der 
Kampf, zu ,Faust', zur ,Wut' und zu ,vates = Seher' usw.) Die Zornes- und Schamröte 
sind Symbole des Eros. Vielleicht dachten die Griechen an diese Dinge, wenn sie dem Eros 
den Anteros entgegenstellten." 

Groddeck deutet auch auf die Redensart „vor Zorn schwellen" hin und fragt, was im 
„Schwellen vor Zorn" zerrissen wird; denn „Zorn" kommt von der Wurzel ter — zerreißen 
(vgl. das englische torn und tear). Er bringt das ter in dem Worte Zorn mit dem Deflora- 
tionsaki in Beziehung. Gr. o r g e (opyij) = Trieb, Zorn ist schon durch die Wörter Orgie 
und Orgasmus in seiner sexuellen Bedeutung gekennzeichnet; wir sprechen auch von „Or- 
gien des Hasses". Im orgiastischen Dionysoskult wird das göttliche Kind von den mütter- 
lichen Mänaden in bacchischer Wut zerrissen und verzehrt. (Siehe auch meine Arbeit „Der 
Ursprung der Tragödie", S. 124 f.) Dort, wo das Fressen das Sexualziel darstellt, ersetzt 
vielleicht wirklich der Zornanfall den genitalen Orgasmus. 



Setzung des Realitätsprinzips aus den unkoordinierten Bewegungen Handlun- 
gen werden, bleiben Überreste der reinen Abfuhrfunktion immer erhalten, so 
auch im "Wutausbruch. Landauer bemerkt ganz ähnlich, die stimmliche 
Äußerung aller unlustvollen Affekte, z. B. das unartikulierte Brüllen des Zorni- 
gen, sei nicht nur zweckmäßig (Einschüchterungsversuch), sondern eben auch 
inkohärent und so eine Regression auf die infantile Bewegungsunruhe. Dazu 
kommt, daß der Affekt aus der Bewegungsunruhe, aus seinen Ausdrucksbe- 
wegungen häufig noch libidinöse Zuschüsse empfängt. So geschieht es, daß 
selbst unlustvolle Affekte libidinös festgehalten werden und daß sich das In- 
dividuum in die Affektäußerung hineinsteigert: das "Wüten im Zorn, das 
"Wühlen im Leid, das Hineinbrüllen ins Weinen wird auf diese "Weise verständ- 
lich. Neben der sadistischen Betätigung am fremden Objekt beim Zornanfall 
bildet sich also auch auf der Grundlage der Bewegungslust eine autoerotische 
Zorneslust heraus. 

"Während die Angst in ihrem Zusammenhang mit der sexuellen Erregung schon 
frühzeitig ein bedeutsames Spezialproblem der psychoanalytischen Forschung 
bildete, hat der Zorn als dritter wichtiger Affekt weit weniger Beachtung ge- 
funden. Als dann im Lichte der neuen Angsttheorie Freuds die automatische 
Es-Angst gegenüber der Ich-Angst („Das Ich ist die eigentliche Angststätte") 
in den Hintergrund trat, legte die Bildung des Angstsignals durch das Ich die 
Frage nach der Art der befürchteten Gefahr nahe, und dabei erwies sich, daß es 
letzten Endes der Zorn, die Strafe des Über-Ichs, der Liebesverlust von 
dessen Seite ist, auf den das Ich so reagiert. Mit der zunehmenden Sonderung 
des seelischen Apparates ergab sich also sozusagen eine "Verteilung der drei 
Affekte auf die drei psychischen Instanzen, wenn auch Ich und Über-Ich die 
zur Erweckung des Angst- und Zornaffektes erforderliche Energie aus dem 
Triebreservoir des Es (Eros und Destruktionstrieb) beziehen dürften. Neben 
dem Zorn des Über-Ichs (der verinnerlichten Elterninstanz) besteht jedoch 
selbstverständlich auch der gegen die Außenwelt (in letzter Linie gegen die 
Eltern) gerichtete Ich-Zorn. Obwohl uns der Angstaffekt in der Unzweck- 
mäßigkeit der von ihm hervorgerufenen Reaktionen und in seiner fundamen- 
talen Bedeutung für die Neurosen vor ungleich schwierigere Probleme stellt 
als der Zornaffekt, erschien es vielleicht doch nicht ganz überflüssig, diesen 
mit Rücksicht auf die in den letzten Jahren zunehmende ^Würdigung des De- 
struktionstriebes einmal monographisch zu behandeln und auf die mannig- 
faltigen Beziehungen hinzuweisen, die ihn mit anderen Gefühlszuständen ver- 
binden. "Warum es aber bei dem einen Menschen gerade zu dieser, bei dem 
anderen zu jener Reaktion kommt und nach welchen Gesetzmäßigkeiten die 
Affekte ineinander übergehen, sind wir heute allerdings leider noch weit ent- 
fernt, befriedigend erklären zu können. 



Der Zornaffekt 



159 



Literatur 

Abraham, Karl: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido. Wien 1924. 

Abraham, Karl: Psychoanalytische Studien zur Charakterbildung. "Wien 1925. 

Ach, Narziß: Über den Willensakt und das Temperament. Leipzig 1910. 

Bernfeld, Siegfried: Psychologie des Säuglings. Wien 1925. 

Darwin, Charles: Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei den Menschen und den 
Tieren. Aus dem Englischen übersetzt von J. Victor Carus. 3. Aufl. Stuttgart 1877. 

Darwin, Charles: Biographical Sketch of an Infant. Mind 1877. 

Deutsch, Helene: Psychoanalyse der Neurosen. Wien 1930. 

Fenichel, Otto: Über organlibidinöse Begleiterscheinungen der Triebabwehr. Int. Ztschr. 
f. Psa., XIV, 1928. 

Fenichel, Otto: Hysterien und Zwangsneurosen. Wien, 1931. 

Fenichel, Otto: Perversionen, Psychosen, Charakterstörungen. Wien 1931. 

Ferenczi, Sandor: Versuch einer Genitaltheorie. Wien 1924. 

Ferenczi, Sandor: Bausteine zur Psychoanalyse. L Bd.: Theorie. Wien 1927. 

Freud, Sigmund: Die Traumdeutung. Ges. Schriften, Bd. II. 

Freud, Sigmund: Charakter und Analerotik. Ges. Schriften, Bd. V. 

Freud, Sigmund: Das Ich und das Es. Ges. Schriften, Bd. VI. 

Freud, Sigmund: Hemmung, Symptom und Angst. Ges. Schriften, Bd. XL 

Freud, Sigmund: Dostojewski und die Vatertötung. Almanach 1930. 

Groddeck, Georg: Der Mensch als Symbol Wien 1933. 

Hermann, Imre: Zur Psychologie eines Gorillakindes. Psa. Bewegung, IH, 1931. 

Jodl, Friedrich: Lehrbuch der Psychologie. 3. Aufl. Stuttgart u. Berlin 1908. 

Jones, Ernest: Haß und Analerotik in der Zwangsneurose. Int. Ztschr. f. Psa., I, 19 13. 

Jones, Ernest: Über analerotische Charakterzüge. Int. Ztschr. f. Psa., V, 1919. 

Jones, Ernest: Angst, Schuldgefühl und Haß. Int. Ztschr. f. Psa., XVI, 1930. 

Klein, Melanie: Die Psychoanalyse des Kindes. Wien 1932. 

Kretschmer, Ernst: Körperbau und Charakter. 6. Aufl. Berlin 1926. 

Kulovesi, Yrjö: Psychoanalytische Bemerkungen zur James-Lang eschen Affekt-Theorie. 
Imago, XVII, 193 1. 

Landauer, Karl: Die kindliche Bewegungsunruhe. Int. Ztschr. f. Psa., XH, 1926. 

Landauer, Karl: Die Gemütsbewegungen oder Affekte. In: Das psychoanalytische Volks- 
buch, I. Bd. Stuttgart 1928. 

Lange, Carl: Die Gemütsbewegungen. 2. Aufl. Würzburg 1910. 

Rado, Sandor: Das Problem der Melancholie. Int. Ztschr. f. Psa., XIH, 1927. 

Reich, Wilhelm: Die Funktion des Orgasmus. Wien 1927. 

Reich, Wilhelm: Der epileptische Anfall. Int. Ztschr. f. Psa., XVH, 193 1. 

Reik, Theodor: Der Schrecken und andere psychoanalytische Studien. Wien 1929. 

Winter st ein, Alfred: Der Ursprung der Tragödie. Wien 192 j. 

Winterstein, Alfred: Zur Psychologie der Arbeit. Imago, XVIH, 1932. 



Qbcr den Tricbbcgritf 

Von 

Johannes Landmark 

Oslo 

„In Wirklichkeit beginnt keine Wissenschaft mit solchen Definitionen 
(klaren und scharf definierten Grundbegriffen), auch die exaktesten 
nicht. — Erst nach gründlicherer Erforschung des betreffenden Er- 
scheinungsgebietes kann man auch dessen wissenschaftliche Grund- 
begriffe schärfer erfassen und sie fortwährend so abändern, daß sii 
in großem Umfange brauchbar und dabei durchaus widerspruchsfrei 
werden. — Ein solcher konventioneller , vorläufig noch ziemlich dunkler 
Grundbegriff, den wir aber in der Psychologie nicht entbehren können, 
ist der des Triebes. Versuchen wir es, ihn von verschiedenen Seiten 
mit Inhalt zu erfüllen." 

(Sigm. Freud, „Triebe und Triebschicksale", Ges. Schr.Bd.V.) 

Mit der zur Vorsicht mahnenden Einleitung zur Arbeit „Triebe und Trieb- 
schicksale" hat Freud darauf aufmerksam gemacht, daß die psychoanalytische 
Triebtheorie den Charakter des Spekulativ-hypothetischen, vorläufig nicht 
Festgelegten trägt. Es wäre nun möglich, auf derselben empirischen Grund- 
lage fußend, der einen Hypothese eine andere entgegenzuhalten und auf ihre 
Brauchbarkeit hin zu prüfen. Ebenso möglich wäre es, daß anderweitiges 
empirisches Material, das uns jetzt zur Verfügung steht, uns dem Triebproblem 
näher bringen könnte. Dies soll im folgenden versucht werden. — Bei der 
Behandlung des Hungertriebes möchte ich kurz über Untersuchungen und 
Daten berichten, die David Katz in einer kleinen Publikation^ niedergelegt 
hat. 

I. Der Hungertrieb. 

Der Hunger wird gewöhnlicherweise yfris der Durst und der sexuelle Drang 
zu den sogenannten Organgefühlen gerechnet. Es ist eine viel diskutierte 
Frage, durch welche Rezeptoren diese Gefühle oder Empfindungen an unser 
Bewußtsein gelangen, oder wodurch sie motorische Aktionen veranlassen. 

Wenn man einige Menschen darüber ausfragt, wie sie es bemerken, daß sie 
Hunger haben, werden wohl die meisten ohne Zweifel angeben, daß sie es 
„im Magen" fühlen. — Daß es vielleicht nicht so einfach ist, dürfte aus dem 
folgenden hervorgehen. 

i) David Katz: Hunger und Appetit, Leipzig 1932. Eine solche Heranziehung von Beob- 
achtungen aus benachbarten Wissenschaften an das Triebproblem hat übrigens auch Freud 
in derselben Arbeit befürwortet: „Es erscheint vielmehr notwendig zum Zwecke dieser 
Bearbeitung" (des psychologischen Materials) „bestimmte Annahmen über das Triebleben 
an das Material heranzubringen, und es wäre wünschenswert, daß man diese Annahmen 
einem anderen Gebiet entnehmen könnte, um sie auf die Psychologie zu übertragen." 




Johannes Landmark i6i 



Von Sherrington wird die Vermittlung dieser Eindrücke dem pro- 
priozeptori sehen System zugeschrieben (d.h. Nervenendigungen, Sinnes- 
organe im Innern des Organismus). Das dürfte wohl der gewöhnlichen Auf- 
fassung entsprechen, auch derjenigen, die Freud seiner spezielleren Definition 
des Sexualtriebes zugrunde gelegt hat. — Die Propriozeptoren, heißt es, geben 
dem Individuum Nachrichten über Hunger, Durst, sexuellen Drang, ebenso 
wie über die Lage der Glieder, über Muskeltonus, Schmerz und Ver- 
stümmelung.^ — Nun kennen wir einigermaßen die Rezeptoren, die die Nach- 
richten über Schmerz, Lage der Glieder oder Muskelspannung vermitteln; 
aber über die Rezeptoren und zentripetalen Konduktoren (Nervenleitungen) 
für den Hunger, den Durst, die sexuelle Spannung wird wohl auch Sherring- 
ton keinen Aufschluß geben können. — "Wir werden die Frage in der Haupt- 
sache an Hand der Untersuchungen und Erwägungen von Katz zu verfolgen 
versuchen. 

Katz führt aus: „Gemeinsam nehmen alle Hungertheorien ihren Ausgang 
von den infolge des Stoffwechsels eintretenden Änderungen in der Zusammen- 
setzung des Gewebssaftes, die Ansichten gehen aber auseinander in der Frage 
der Stationen des Nervensystems, an denen das Bewußtsein von jener Ände- 
rung Nachrichten empfängt. Die zentrale Theorie, wie sie unter den älteren 
Physiologen von Schiff vertreten wird, läßt die Modifikationen des Blutes, 
die durch das Fehlen gewisser Substanzen bedingt sind, die Nervenzentren 
direkt erregen, während die periphere Theorie, wie sie etwa Luciani ver- 
teidigt, die Vorgänge am und im Magen, die das charakteristische Hunger- 
gefühl auslösen, in Abhängigkeit von dem veränderten Chemismus des Blutes 
bringt. 

Von modernen Physiologen führt Cannon, gestützt auf Experimente, den 
Hungerschmerz, jedenfalls in den intensivsten Graden, auf Kontraktionen des 
leeren Magens zurück. 

Von den Argumenten gegen die periphere Theorie führe ich hier einige 
wenige an: Die Empfindung der Leere des Magens kann nicht maßgebend 
sein, da intravenöse Zufuhr von Nahrungsmitteln die Hungerempfindung bei 
vollkommen leerem Magen aufheben kann. Auch die Säureanhäufung kann 



2) Zitiert nach Ragnar Vogt: Nogen Hovedlinier i Medisinsk Psychologi og Psykiatri, 
Oslo 1923. — Genauer: Die Intrapropriozeptoren. Ragnar Vogt, dessen Sprachgebrauch die 
folgenden Ausführungen übernommen haben, hat die Ausführungen Sherringtons nicht immer 
exakt wiedergegeben. Sherrington hat das „rezeptive Feld" anders aufgeteilt: Die Rezeptoren 
an der äußeren, der Außenwelt zugewendeten Oberfläche des Körpers, nennt er Extero- 
zeptoren, die der eingestülpten Teile der Oberfläche des Körpers, insbesondere des Ver- 
dauungskanals sind die Introzeptoren, während sich die Propriozeptoren im eigentlichen 
Inneren des Organismus, innerhalb der Haut und der Schleimhäute befinden. (Anmerkung 
während der Korrektur.) 

Imago XX/a H 



102 Johannes Landmark 



nicht das Entscheidende sein: Hunger kann gefühlt werden, selbst wenn der 
Magen gefüllt ist. — Hunde zeigten deutliche Zeichen von Hunger, wenn 
auch Vagus und Splanchnicus durchgeschnitten waren. — Vor allem kann die 
periphere Theorie die verschiedenen Arten von Spezialhunger nicht er- 
klären, an denen ein Organismus beim Fehlen eines bestimmten Nahrungs- 
stoffes leiden kann, wie z. B. Kochsalzhunger bei Menschen und Tieren, Phos- 
phorhunger beim Rind, Kalkhunger bei Hühnern. 

Die Empfindungen von Seiten des Magens können dementsprechend nur 
eine nebensächliche Rolle spielen, das Hungergefühl muß auch ohne ihre Mit- 
wirkung zustande kommen können. 

Katz führt weiter aus: „Der Mangel an den heißbegehrten Stoffen muß 
sich in einer weit unmittelbareren "Weise auf dem Wege über bis jetzt 
allerdings unbekannt gebliebene Stellen des Nervensystems 
dem Bewußtsein gegenüber Geltung verschaffen. Von diesen Stellen her 
müssen beim Menschen die Vorstellungsbilder der begehrten Speisen geweckt 
werden, die mit höchstem Deutlichkeitsgrade spontan auftreten und uns be- 
drängen. — Es ist nicht allzu kühn anzunehmen, daß auch Tiere bei Spezial- 
hunger auf die Speisen bezügliche Vorstellungen besitzen. Es ist überaus 
wahrscheinlich und verträgt sich auch mit den modernen Anschauungen vom 
stufenweisen Aufbau des seelischen Lebens, daß es nicht eine oder zwei, son- 
dern viele Stellen im psychophysischen Organismus des Menschen gibt, von 
denen aus Hunger- und Appetiterlebnisse ausgelöst, modifiziert und in ihren 
Auswirkungen beeinflußt werden können. • " 

Katz meint also, daß gewebschemische Veränderungen Vorstellungen 
von Nahrungsmitteln erwecken, die den fehlenden Stoff enthalten. In welcher 
"Weise kommen nun diese dinglichen Vorstellungen zustande? 

Man hat hier zwei Möglichkeiten, zwei Theorien: eine ist empiris tisch, die 
sogenannte Probiertheorie, nach dem ,,trial and error" -Vrmzip; die andere ist 
nativistisch, sie „läßt die Entscheidung über die Nahrungsaufnahme nicht auf 
dem Instanzenweg Bekömmlichkeit-Nichtbekömmlichkeit erfolgen, sondern 
auf Grund einer vor aller individuellen Erfahrung liegenden Abgestimmtheit 
des aus dem chemischen Gleichgewicht gebrachten Organismus auf bestimmte 
Stoffe, die dieses Gleichgewicht mehr oder weniger gut wiederherzustellen 
vermögen." 

Die Probiertheorie wird von Katz abgewiesen. Er hat u. a. einen Versuch 
mit Kücken ausgeführt, die, künstlich ausgebrütet, eben aus dem Ei ent- 
schlüpft sind. Auf dem Boden waren als Futter Bruchreis, Sagokörnchen, 
kleine Nudelgraupen, Linsen und ein aus Hundekuchen gemahlenes Kücken- 
futter ausgestreut; außerdem gab es da noch Häcksel, Papierschnitzel und 
Holzstückchen. Für eines der Kücken war die Reihenfolge, in der es nach 



über den Triebbegriff 



163 



Gegenständen pickte: i. Auge eines anderen Kücken, 2. Häckselstückchen, 
3. glänzende Spitze einer Schraube des Versuchskastens, 4. helle, ein wenig er- 
habene Stelle des Holzbodens, 5. Papierschnitzel, 6. glänzende Spitze eines 
Nagels des Versuchskastens, 7. Flügelfedern eines anderen Kückens, 8. Häcksel- 
stückchen, 9. Schnabel eines anderen Kückens, 10. helle, nicht erhabene Stelle 
des Bodens, 11. Nudelgraupe (wird verschluckt), 12. eigener Fuß, 13. Nudel- 
graupe, 14. Linse (wird nicht verschluckt), ij. Flügel eines anderen Kückens, 
16. einige Sagokörnchen werden nacheinander aufgenommen und verschluckt. 
Weiterhin wurden sehr rasch häufiger die Nahrungspartikelchen aufgenom- 
men. — Die Nahrungsaufnahme geschieht demnach unabhängig von der Er- 
fahrung. — Die genauere Beschreibung der Experimente und die Erwägungen, 
die Katz anstellt und die überzeugend wirken, können hier nicht wieder- 
gegeben werden. 

Die Probiertheorie kann also nicht primär für die Nahrungssuche der 
Kücken gelten; sekundär wird das Prinzip selbstverständlich seine Bedeutung 
haben als Grundlage der erlernten Reaktionen, der Gewohnheiten. 

Katz bleibt dann bei der nativistischen Theorie stehen, er stimmt mit 
Turro überein, wenn dieser sagt: „Diese Empfindung für die im Organismus 
fehlende Substanz ist jeder äußeren Erfahrung vorangestellt." 

Katz kommt so zu seiner sogenannten Aviditätstheorie. Avidität ist 
ein Ausdruck aus der physikalischen Chemie, er bedeutet etwa eine unmittel- 
bare, verstärkte und beschleunigte Affinität zwischen zwei Stoffen.* "Wenn 
im Organismus ein Mangel an einem Stoffe entsteht, hat der Organismus eine 
Avidität für diesen Stoff. Innerhalb des Organismus verhalten sich das Be- 
gehren und die Erfüllung zueinander wie Matrize und Patrize. 

Gegen diese Bezeichnungen ist einzuwenden, daß sie zwar gute und an- 
schauliche Bilder sind, aber auch nicht mehr; sie erklären an sich nichts, sie 
scheinen sogar nicht sehr glückhch gewählt zu sein, da sie meines Erachtens 
nach das wesentliche der Katzschen Anschauung nicht treffen. — Doch 
gehen wir mit Katz weiter: 

„Allerdings bleibt uns noch die wichtige Frage zur Beantwortung: wie denn, 
d. h. auf welchem sinnlichen "Wege die für die Befriedigung des Appetits ge- 
eigneten Materialien aufgefunden werden." — "Wie kommt eine „Matrize" 
in der Gewebsflüssigkeit dazu, das „behaviour", das motorische Benehmen des 
Organismus zu beeinflussen? 

3) Vgl. hierzu Katz: „Wenn der Chemiker von Aviditäten und ihren Absättigungen 
spricht, so wurde diese Begriffsbildung durch den Blick auf das psychologische Geschehen 
bei der Stillung eines Verlangens durch die Nahrungsaufnahme bestimmt. Wir wollen die 
vorstehend skizzierte Theorie als Aviditätstheorie des Appetits bezeichnen, um damit sich 
abspielende chemische Vorgänge ganz bestimmter Struktur anzudeuten, die dem erlebten 
Sättigungsvorgang entsprechen " 



164 Johannes Landmark 



Ehe wir die Diskussion Katzs hierüber wiedergeben, sei ein Versuch er- 
wähnt, der von Kuttner und Lewy* zur Lösung dieser Frage unternommen 
wurde, nicht weil er besonders gelungen erscheint, sondern weil er das Pro- 
blem beleuchtet: „Der Nahrungstrieb, das Hungergefühl, beruhe auf Zellgier, 
Gewebshunger. — Bei den innersekretorischen Störungen zeigt sich deutlich, 
in welchem Maße Hunger und Appetitgefühl über den Bedarf, der dem augen- 
blicklichen natürlichen Nahrungstrieb entsprechen würde, hinausgehen oder 

hinter ihm zurückbleiben können." „auf Grund des Kaloriebedarfes 

eines Organismus werden Erregungen aus den ungesättigten Zellen über ein 
Meldesystem der Organe besonders denen, die im Dienste der Aufnahme und 
Verwertung der Nahrung stehen, dem Zentralorgan, das aus den empfangenen 
Erregungen nun effektorisch die Nahrungsaufnahme und Nahrungswahl zu 
veranlassen hat, zugeführt. Demnach ist unter Zugrundelegung des Nahrungs- 
triebes das Hungergefühl als der afferente Schenkel eines Reflexes vorstellbar, 
auf dessen efferente Schenkel die zur Nahrungsaufnahme notwendigen Impulse 
übertragen werden. — Diese Rezeptoren stellen intra-protoplasmatischge- 
legene Nervenendigungen dar, die durch die chemisch-physikalischen 
Zustandsänderungen der Zelle erregt werden. Ihre Existenz ist nach der vor- 
stehenden Betrachtung in fast allen Organen anzunehmen und jeden- 
falls nicht auf den Magen zu beschränken. Auf welchen afferenten Bahnen 
diese Meldungen zentralwärts geleitet werden, ist bisher unbekannt." Wir" 
stoßen auch hier, wie bei Katz, auf eine unbekannte Stelle im Nervensystem; 
das ist gerade das Zentrum der ganzen Diskussion. 

„Die Nn. Vagi und der Grenzstrang des Sympaticus kommen für diese 
Leitung nicht in Betracht, denn es besteht nach deren experimentellen Durch- 
schneidung beim Tier unveränderte Freßlust weiter." 

Es scheint, daß man diese Theorie nicht näher diskutieren kann, ehe die 
Existenz dieser postulierten Rezeptoren und afferenten Leitungsbahnen nicht 
nachgewiesen ist. Doch hat die Theorie den Vorteil, die verschiedenen Arten 
von Spezialhunger zu berücksichtigen und die Frage in den Vordergrund zu 
rücken, ob es innerhalb des Organismus Organe, Rezeptoren gibt, die dem 
Bewußtsein Eindrücke chemisch-physikalischer Art vermitteln. Haben wir 
Rezeptoren für humorale, chemisch-physikalische Änderungen? Oder, wenn 
nicht, können Teile des Zentralnervensystems unmittelbar Irritamente 
chemischer Art dem Bewußtsein zuleiten? — Das ist nach allen Analogien, 
nach jeder Erfahrung ein unwahrscheinlicher Gedanke. Wir kennen keine 
Beispiele dafür, daß die nervöse Substanz durch direkte Reizung Eindrücke an 
unser Seelenleben bringt, das geschieht lediglich durch Konduktoren oder Re- 

4) Birnbaum: Handwörterbuch der medizinischen Psychologie, 1932. Von mir gesperrt. 



zeptoren, durch dazu eigens differenzierte Organe. Ehe wir uns zu derartigen 
unbewiesenen Annahmen entschließen, müssen wir uns nach anderen trag- 
fähigen Möglichkeiten umsehen. 

Nun findet man die Rolle der chemischen, humoralen Reize schon bei 
R. Vogt (nach Sherrington?) angedeutet: „Die Stimuli, die das Nerven- 
system beeinflussen, kommen teils durch die Blutbahn: direkte chemische 
Stimuli; teils durch Nervenfäden; wir heißen letztere indirekte, senso- 
rische Stimuli. Die chemischen Reize wirken dadurch, daß sie die nervösen 
Mechanismen in einen Zustand erhöhter oder verminderter Rea- 
gibilität bringen."5 — Hier liegt meines Erachtens nach der Schlüssel zu 
dem Verständnis sowohl des Hungers in seinen verschiedenen Abarten wie 
auch der sexuellen Erregung, des sexuellen Bedürfnisses, ja eigentlich des ganzen 
Triebproblems. 

Doch das ist eine Vorwegnahme. Wir wollen die Gedankengänge Katz' 
weiter verfolgen. Es scheint mir, wenn Ich es recht verstanden habe, daß 
Katz zu demselben Gesichtspunkt neigt, ohne Ihn explizite hervorzuheben. 

Katz gibt an, daß aus seiner Definition des Appetits ohne weiteres folge, 
daß Ihm immer eine Gegenstandsbezogenheit mitgegeben sei; eine Abgestimmt- 
heit vor jeder Erfahrung zwischen dem Stoffe, der dem Organismus fehlt, und 
den geeigneten MaterlaHen in der Außenwelt. Diese Abgestimmtheit kommt 
zum Ausdruck oder wird wirksam, durch die Sinnesorgane, dadurch, daß die 
sinnlichen Qualitäten der betreffenden Materialien durch das Sinnesorgan, 
gemäß der aktuellen Avidität, dem jewelHgen Bedürfniszustand, gewertet 
wird. Hat z. B. der Organismus eine Avidität nach Phosphor, schmecken oder 
riechen phosphorhaltige Stoffe gut, was unter normalen Umständen nicht der 
Fall wäre; das Rind fängt an, Knochen zu fressen, das eine Schaf frißt dem 
anderen die Wolle ab. Ist Phosphor in Überfluß vorhanden, und fehlt dabei 
ein anderer Stoff, haben dieselben Stoffe, die vorhin gut schmeckten, qua 
phosphorhaltig kein besonderes Interesse mehr; wir wissen aus der Erfahrung 
beim Menschen, daß bei Abwesenheit eines bestimmten Nahrungsstoffes sämt- 
liche Speisen fade und unschmackhaft sind. — Diese durch die Avidität be- 
dingte Abgestimmtheit oder ein Ausdruck derselben spiegelt sich direkt In 
den Sinnesorganen in dem Grad von Lust, mit dem ein Sinneseindruck 
empfangen wird. Man kann es vereinfacht grob anschaulich so ausdrücken: 
Entsteht In der Gewebsflüssigkeit ein Mangel an P und eine chemische Affini- 
tät dem P gegenüber, entsteht in Proportion hiermit eine Matrize, ein Be- 
gehren nach P und eine Affinität nach P In den Geschmackszwiebeln, in den 
Geruchsrezeptoren. Oder wie Katz es ausdrückt: „ daß die Geruchs- 

j) R. Vogt, 1. c. Von mir gesperrt. 



i66 



Johannes Landmark 



Charaktere der Objekte sich nach ihrer die Dynamik des Nahrungsverhaltens 
beeinflussenden Gefühlstonung mit der Stimmung des Körpers ändern. So 
können unter Spezialhunger (P-Hunger) Dinge, deren Geruch sonst neutral 
oder sogar abstoßend wirkt, ,gut' riechen und zur Annäherung und schUeß- 
lichen Einverleibung des Geruchsträgers einladen." „Die Umstimmung der 
Reaktions-weise des Geruchssinnes erfolgt nach der hier vertretenen 
Grundauffassung in strenger Bindung an den veränderten Chemis- 
mus des Körpers."^ 

Hiermit scheint Katz an eine sehr bedeutungsvolle Lösung der Frage an- 
gelangt. Ja es scheint mir sogar, daß vieles, was der Autor in früheren Ab- 
schnitten als problematisch hingestellt hat, durch diese Lösung wegfällt; z. B. 
daß „an gewissen unbekannten Stellen Vorstellungsbilder der begehrten Speisen 
geweckt werden, die — spontan auftreten". Meines Erachtens braucht man 
die Annahme der spontan auftretenden Vorstellungsbilder nicht; es muß ge- 
nügen, daß die peripheren Reize, infolge der Umstimmung der Aktionsweise 
der Rezeptoren, Vorstellungen wiedererwecken durch Assoziation mit den 
während früherer Hungerzustände genossenen Speisen; die Vorstellungen 
werden also „mnemisch ekphoriert", sie treten nicht spontan auf. 

Auf eine theoretisch sehr wichtige Frage können wir hier nur kurz hin- 
weisen; Welche Sinnesqualitäten sind hierfür die primär, erfahrungsunab- 
hängig wirksamen, im Sinne eines unbedingten Reflexes, und welche 
machen erst sekundär, infolge bedingter Verkoppelung mit einem Unbedingten 
einen handlungsauslösenden Eindruck? 

Beim Huhn Hegt, wie wir sehen, die Entscheidung über Einzuverleibendes 
und Nichteinzuverleibendes beim Geschmackssinn; der Geruchssinn scheint eine 
geringere Bedeutung zu haben; ein Huhn verhungert, auf einem Haufen Korn 
sitzend, wenn es dunkel ist (Katz). — Für den initialen Pickreflex scheinen 
dagegen die Gesichtseindrücke die unbedingt auslösenden Stimuli zu sein. — 
Sogar beim Hunde scheint nach gewissen Beobachtungen der Geschmack allein, 
und nicht der Geruch, eine unbedingte Reaktion hervorzurufen, was vielleicht 
noch eingehenderer Untersuchungen bedarf.'' 

Daß diese Aviditätstheorie auch für den Menschen gilt, findet darin eine 
Stütze, daß die Nahrungsaufnahme großer Menschengemeinschaften bei "Wahl- 
freiheit dem Rubn er sehen Gesetz folgt, im wesentlichen dieselben Verhält- 
nisse zwischen Eiweiß, Fett und Kohlehydraten, aufzunehmen. 

Eine Schwierigkeit für diese Theorie liegt in der stationsweise ein- 
tretenden Sättigung, die manchmal zu beobachten ist: Ein Tier, das an starkem 
Durst leidet, trinkt zuerst ein gewisses Quantum Wasser, und scheint vor- 

6) Von mir gesperrt. 

7) C. Louwatt Evans, Recent Advances in Physiology, Third Edition 1928. 



über den Triebbegriff 



167 



^B läufig gesättigt, obgleich der Wassermangel noch lange nicht vollständig aus- 
^B geglichen sein kann; das erweist sich dadurch, daß das Tier nach kurzer Zeit 
^M mehrmals reichlich trinkt, bis definitive Befriedigung eintritt. Eine Empfin- 
^p düng der Sättigung scheint ohne chemischen Ausgleich entstehen zu können. 
Katz bemerkt hierzu, daß die Befriedigung des Appetits auf verschieden 
hohem Niveau erfolgen könne. — „Vermutlich sind es sehr schnell im Magen 
einsetzende chemische Vorgänge, die die Absättigung von Spezialhunger auf 
der ersten Station bedingen." Eine weitere Schwierigkeit, die eine besondere 
Erklärung erheischt, hat man darin gesehen, daß sich beim Menschen das 
Hungergefühl nicht proportional mit dem tatsächlichen Nahrungsbedarf 
steigert, sondern bei langdauerndem Fasten von Zeit zu Zeit anwächst, um 
dann wieder zeitweilig weitgehend zurückzutreten. Hier mögen sehr kom- 
plizierte Faktoren mitspielen. (Vielleicht Adaption an das Unveränderliche.) 

Daß die Sättigung nicht ausschließlich durch Geschmacks- und Geruchs- 
komplexionen geschieht, sondern tatsächlich durch assimilatorische, chemisch- 
physikalische Prozesse, erwies folgender Versuch: Eine Anzahl an Kalkhunger 
leidender Hühner wurde mit kleinen Makkaroniröhrchen gefüttert.- Einige 
Röhrchen wurden mit Kalk gefüllt, die Öffnungen geschlossen und einer 
Gruppe der Hühner gegeben, die die Röhre schluckten. Nachher wurde diesen, 
wie auch den anderen Hühnern Kalk gegeben; und diejenigen, die schon Kalk 
bekommen, ohne ihn aber geschmeckt zu haben, hatten jetzt ein sehr geringes 
Begehren danach, während die anderen gierig fraßen. Der Organismus war 
befriedigt, ohne den Geschmack des Kalks genossen zu haben. 

Eine gewisse Bedeutung haben selbstverständlich auch die proprio-zeptori- 
schen Sensationen, von dem Körperinneren her, z. B. vom Magen, Schlund, 
wie Cannons Erfahrungen über den Hungerschmerz beweisen. — Aber sie 
sind akzessorisch, inkonstant, nicht unentbehrlich, sie gehören eben den peri- 
pheren Komponenten des Hungers an. Deshalb kann man nicht die Hunger- 
empfindung kurzerhand den Propriozeptoren zuweisen. 

Wir wollen kurz zusammenfassen: Der Hunger beruht auf Veränderungen 
des Gewebschemismus. Diese Veränderungen sind unter die „direkten, chemi- 
schen Stimuli" zu zählen, die dadurch wirken, daß sie die Reaktionsweise des 
nervösen Apparates umstimmen. — Ausgelöst wird das Appetiterlebnis durch 
periphere Reize, teils durch die Exterozeptoren von dem umgebenden 
Milieu, teils durch die Propriozeptoren von dem Körperinneren. Durch die 
nervösen Rezeptoren entscheidet der jeweilige humorale Zustand, welchen 
Eindruck die äußeren Dinge auf uns (hier in bezug auf Genießbares — nicht 
Genießbares) machen; dadurch wird den äußeren Dingen der Aufforde- 
rungscharakter verliehen, i 



l68 Johannes Landmark 



II. Der Sexualtrieb; der Triebbegriff. 

Die gleiche Auffassung, wie sie hier für den Hunger wiedergegeben ist, habe 
ich in einem Vortrag in der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft^ für den 
Sexualtrieb geltend gemacht, mit folgenden "Worten: „Die chemische Quelle 
macht das Zentrum sexuell erregbar (sie ist die determinierende Ur- 
sache der Sexualerregung); der periphere Sexualreiz an der erogenen Zone 
macht es sexuell erregt (er ist die realisierende Ursache).^ 

Dabei war ich damals von Betrachtungen über die Art und Wirkungsweise 
der erogenen Zonen ausgegangen, es schien mir, daß dieser Begriff, wie er 
manchmal gehandhabt wird, Unklarheiten aufweist. — Was uns die Empirie 
hiezu an neuen Einsichten gebracht hat, dürfte in der Hauptsache folgendes 
sein: Sexualerregung kommt nicht nur durch Reizung der Genitalien zustande, 
auch andere Körperregionen können durch geeignete Reizung Sexualerregung 
hervorrufen, „sich in vielen Hinsichten wie Genitalorgane benehmen", ja es 
ist wahrscheinlich, daß die meisten Organe des Körpers diese Eigenschaft 
haben. So viel sagen die Befunde; dann ist die Interpretation, die Theorie 
hinzugetreten, man hat nach den Sexualstoffen gegriffen, nach einer „Ver- 
teilung der Sexualstoffe", um diese Tatsachen zu erklären; und hier beginnt 
das Fragwürdige, einer Diskussion Bedürftige. Man nimmt an, daß sexuelle 
Triebreize nicht nur von den Genitalien, sondern auch von anderen Körper- 
teilen, den sogenannten „erogenen Zonen", ausgehen. Das führt nun zu der 
Konsequenz, daß die Sexualstoffe nicht nur an den Genitalien ange- 
sammelt sind oder wirken, sondern sich eben an allen erogenen Stellen 
finden lassen müssen. — Indessen ist diese Konsequenz nicht zwingend, oder 
richtiger, ihre Voraussetzung läßt sich bestreiten, die Annahme, die Sexual- 
erregung beruhe darauf, daß Sexualstoffe an reizbaren Stellen, z. B. Genitalien, 
angesammtelt sind oder wirken. Es wird zugegeben, daß diese Annahme völlig 
hypothetisch und unbewiesen ist; aber ist sie nicht auch überflüssig, verschleiert 
sie uns -nicht den einfachen Sachverhalt, der mit bekannten Daten erklärbar 
ist? — Wie kommt eine Sexualerregung zustande? — Wir denken uns, eine 
erogene Körperstelle, z.B. Penis oder Klitoris werde durch eine Berührung 
gereizt; die taktilen Eindrücke werden, nach dem bekannten nervenphysio- 
logischen Schema durch zentripetale Bahnen dem Zentrum (richtiger: den 
Zentren) zugeleitet; sie werden daselbst verwertet, veranlassen von dort aus 
die zentrifugalen Impulse, motorischer, vasomotorischer und sekretorischer Art, 
die die uns als Sexualerregung bekannten Veränderungen hervorrufen (Kon- 
gestion, Sekretion usw.). Nun soll das nicht ausreichen, neben dem sensiblen, 

8) Am 31. Mai 1933. 

9) Diese Formulierung, die mir sehr klar und prägnant erscheint, danke ich O. Fenichel. 



über den Triebbegriff 



169 



afferenten Nervenreiz soll auch an der gereizten Körperstelle, an Penis oder 
Klitoris, ein Inkret abgesondert werden oder sich ansammeln und einen Reiz 
für das Seelische ausüben. — Oder: ein sexuell anreizendes Objekt wird gesehen, 
der visuelle Eindruck wird dem Zentrum übermittelt und bewirkt eine Sexual- 
erregung; also sollen außer dem visuellen Eindruck auch aus irgendwelchen Zellen 
des Auges (der Aderhaut, der Retina, der Linse, des Glaskörpers, der Gesichts- 
nerven?) Sexualstoffe abgegeben werden? — Es scheint doch, daß die An- 
nahme von Sexualerregung durch lokale "Wirksamkeit von Sexualstoffen über- 
flüssig und unzweckmäßig ist. — Ebenso lassen sich die abnormen Lokalisa- 
tionen der Sexualerregung z. B. bei der Hysterie mit Hilfe des Reflexschemas 
erklären. 

Die innersekretorischen Sexualstoffe werden von Drüsen produziert. 
Wir kennen die Anzahl dieser daran beteiligten Organe nicht genau; 
es ist nicht unmöglich, daß sehr viele, ja vielleicht die meisten Zellen 
des Körpers Stoffe abgeben, die eine Bedeutung für den Sexualchemis- 
mus haben; es ist denkbar, aber wir wissen sehr wenig darüber. Aber wie 
dem auch sei, über die Bedeutung dieser Sexualstoffe können wir folgendes 
aussagen: geeignete Sexualreize, eine Berührung einer reizbaren Körperstelle 
oder ein erregender Anblick, sind nur bei geeignetem Zustand des Or- 
ganismus wirksam. "Wir haben gute Gründe, diesen Zustand, die sexuelle 
Erregbarkeit, eben auf die Anwesenheit dieser Sexualstoffe, die wir uns ja als 
chemisch denken müssen, zurückführen. Fehlen diese Stoffe, wie z. B. bei 
Kastraten und, wie wir annehmen, auch unmittelbar nach stattgefundenem 
Orgasmus, so ist der Organismus nicht mehr erregbar, auch nicht durch die 
am besten geeigneten Reize. Auch die Sexualstoffe wirken offenbar als 
direkte, chemische Stimuli dadurch, daß sie den Zustand des Orga- 
nismus, die Reaktionsweise des nervösen Apparates umstimmen. 

Eine Körperstelle ist erogen erstens vermöge ihrer Ausstattung mit Sinnes- 
organen, Rezeptoren; zweitens, und zwar entscheidend für ihre größere oder 
geringere Dignität als erogene Stelle, infolge teils konstitutioneller Faktoren, 
teils erworbener, psychischer oder somatischer Momente. Drittens ist die all- 
gemeine Voraussetzung jeder Erogenität die humorale Gesamtstimmung des 
Organismus, die chemisch-physikalische Zusammensetzung der Gewebs- 
flüssigkeit. 

"Wir haben bisher den Hunger und den Sexualtrieb behandelt und meinten, 
für beide dasselbe Prinzip zugrunde legen zu können. Zu einer allgemeinen 
Betrachtung des Triebproblems seien hier zunächst einige Bemerkungen von 
H. K. Schjelderup zitiert, dessen Ausführungen mir als Stütze gedient 
habend „Die Anwesenheit der Speisen bedingt beim Tiere nicht ursprünglich 
zu jeder Zeit die Reaktion des Fressens; diese Reaktion setzt den besonderen. 



als Hunger bezeichneten organischen Zustand voraus. Und nicht jedesmal, 
wenn ein Vogel die zum Nestbau geeigneten Materialien vorfindet, wird er 
sie dazu verwenden, sondern nur zu bestimmten Zeiten, die mit der Paarung 
zusammenhängen. Die Ansicht des Nestbaumaterials ist also nur eine Teil- 
ursache des Nestbauens; die andere Teilursache muß in einem bestimmten 
organischen Zustand gesucht werden. Zu gewissen Zeiten im Leben des Vogels 
gehen von seinem Inneren Einflüsse aus, die ihn dazu treiben, auf gewisse 
äußere Eindrücke mit Nestbau zu reagieren. — Ähnlich liegen die Verhält- 
nisse bei den Sexualfunktionen; die Tiere haben bestimmte Brunst- und 
Paarungszeiten. Solch einen inneren Zustand, der dazu treibt, geeignete 
äußere Eindrücke mit bestimmten Reaktionen zu beantworten, bezeichnen 
wir als einen Trieb."!» Dies ist eine Definition des Triebes, der man mit 
zwei Vorbehalten durchaus beipflichten könnte: Es scheint zweck- 
mäßig, den Ausdruck „äußere Eindrücke" durch „periphere Eindrücke" zu 
ersetzen, wobei peripher gleich ist propriozeptorisch + exterozeptorisch; so- 
dann ist der innere Zustand als auf humoral-chemisch-physikalischer Beschaf- 
fenheit der Gewebsflüssigkeit bzw. auf hormonalen Faktoren beruhend anzu- 
sehen. „Chemisch-physikalisch" ist ja der weitere Begriff, in den auch hor- 
monale Faktoren eingereiht werden können. 

Das Individuum handelt in jedem kleinsten Augenblick nach der „Prävalenz 
des momentanen Interesses". Diese Prävalenz wird in jedem Augenblick von 
zwei grundsätzlich verschiedenen Reihen von Momenten bestimmt: von dem 
jeweiligen Zustand des Organismus und von der Gesamtheit — „Ganzheit" — 
der peripheren Reize. — Bleuler'^ spricht von den „Stimmungsdispositionen 
für Lebensreize" und hebt hervor, diese Disposition sei teils von der Kon- 
stitution, teils von dem momentanen Befinden des Körpers, vom chemischen 
Zustand des Körper s^^ abhängig; „Hormone sind offenbar normaliter bei 
der Einstellung der Annahme- und Ablehnungsdispositionen wesentlich be- 
teiligt." Als Beispiel werden die Sexualhormone erwähnt. 

Je nach dem momentanen (chemischen) Zustand des Körpers wird auf die 
peripheren Reize verschieden reagiert; allerdings beeinflussen die peripheren 
Reize auch bis zu einem gewissen Grade den humoralen Chemismus; es findet 
ein kompliziertes "Wechselspiel statt. (Vgl. das Zweikomponentenprinzip der 
Hungertheorie.) Dies sei an einem biologischen Beispiel veranschaulicht. Bei 
manchen Spinnenarten kann das Männchen, das sich mit seltsamen Werbe- 
manövern dem Weibchen nähert, nicht sicher sein, ob es nicht vom Weib- 
chen, statt als Sexualpartner, als Freßobjekt aufgefaßt und dementsprechend 

10) Harald K. Schjelderup: Psykologi: Oslo 1927. — Von mir übersetzt und gesperrt. 

11) E. Bleuler: Naturgeschichte der Seele, Berlin, Springer, 1932. 

12) Von mir gesperrt. 



Ober den Triebbegriff 171 



behandelt wird.^^ Das hängt von verschiedenen Umständen ab, z. B. ob das 
"Weibchen schon befruchtet ist oder nicht. Wir können nun etwa folgende 
Vorstellung erwägen: Ist der chemische Zustand des Weibchens durch Unter- 
ernährung charakterisiert, wirkt der Anblick des werbenden Männchens nur 
als Reiz für den Hungertrieb, und das Schicksal des Männchens ist besiegelt. 
Dasselbe wird der Fall sein auch bei mäßigem Hunger, wenn die die Kopula- 
tion erheischenden Sexualstoffe gänzlich fehlen, z. B. wenn es eben begattet 
und befruchtet wurde. Hat es dagegen infolge langer Enthaltsamkeit einen 
Überschuß an Sexualstoffen, dann wird der Geschlechtstrieb ein gewisses Maß 
von Hunger überwinden können, ein um so größeres, je mehr Sexualstoffe 
vorhanden sind, und das Männchen kommt nach vollbrachter Begattung be- 
friedigt und heil davon. — Und nun der Einfluß der äußeren oder peripheren 
Reize: Bei gegebener chemischer Disposition des Weibchens könnte von zwei 
Bewerbern der eine wenig sexuell reizende Eigenschaften besitzen, und es wird 
mit ihm kurzer Prozeß gemacht, ebenso wenn er in irgend einer Weise be- 
sonders appetitanregend wirkt; der andere, der über viel „sex appeal" verfügt, 
vermag den Appetit des Weibchens zu überwinden. — Ein starkes sexuelles 
Begehren kann bei einem Tier oder Menschen einen quälenden Hunger über- 
tönen, die Hungerreize werden nicht beachtet; andererseits kann das Begehren 
nach Nahrung so heftig werden, daß auch starke sexuelle Reize keine Wirkung 
ausüben. Ein überwältigender Schrecken kann wiederum sowohl Hunger wie 
sexuelles Begehren zum Schweigen bringen; von dem Schreck wissen wir aus 
Cannons Untersuchungen, daß er von einer erhöhten Ausscheidung vom 
Nebennierensekret begleitet ist. — Oder die Müdigkeit, die Erschöpfung kann 
so stark werden, daß sie die Prävalenz an sich reißt, es entsteht ein unbezwing- 
liches, triebmäßiges Bedürfnis nach Schlaf, so daß sowohl sexuelle wie intensive 
Hungerreize, ja sogar lebensbedrohende Gefahren dem Individuum gleich- 
gültig erscheinen. Dann können wiederum sexuelle Erregtheit oder starker 
Hunger die Müdigkeit verjagen und dergleichen mehr. Nun ist uns über das 
chemische Substrat der Müdigkeit und Erschöpfung auch einiges bekannt (Er- 
müdungsstoffe). Den Kampf um die Ansprechbarkeit für die verschiedenen 
Reize müssen wir uns sozusagen zu einem Teil auf chemischem Boden aus- 

gefochten denken. 

» 

Man mag nun fragen, warum der Ausdruck „periphere Reize" dem Aus- 
druck „äußere" und „innere" vorzuziehen sei. Wir wollen versuchen, diese 
Frage zu beantworten und dabei gleichzeitig einem möglichen Einwand er- 
widern; nämlich: Ein innerer, aus dem Körperinneren kommender Reiz, z.B. ein 
intensiver Schmerz, kann doch auch die Reaktionsweise des Organismus völlig 



lya 



Johannes Landmark: Über den Triebbegriff 



umstimmen, so daß sonst wirksame Reize unbeachtet bleiben? Aber darin 
besteht kein Wesensunterschied zu der Wirkung der äußeren Reize; ein 
äußerer Reiz kann die Wirkung eines anderen vöUig paralysieren. Ein wider- 
licher Geruch kann den Geschmack der köstlichsten Speise verderben; 
eine Störung, ein Geräusch kann für sexuelle Reize unempfänglich machen. 
Nun wirken ja auch die äußeren, wie die inneren Reize unter Umständen auf 
den Chemismus umstimmend zurück (z. B. der Schreck); es besteht dort eine 
Wechselwirkung. Vor allem aber wirkt ja kein Reiz isoliert und 
allein, sondern immer als ein Glied in der Gesamtheit der gan- 
zen Sinnesfläche, als ein Glied eines Ganzheitserlebnisses. 

Ein „innerer" Reiz kann zwar den Zustand und die Reaktionsweise des 
Organismus umstimmen; aber dasselbe kann auch ein „äußerer" Reiz; sie 
sind beide periphere Reize, die auf ein Zentrum einwirken. Das Zentrum 
kann auf die peripheren Reize einmal so, ein andermal anders reagieren. Beim 
Hunger, sahen wir, war das übergeordnete, zur Handlung „treibende" Motiv, 
das in dem Individuum selbst lag, nicht irgendeine „innere", d. h. proprio- 
zeptorische Reizung, sondern der gewebschemische Zustand des Organismus. 
Und als das für den Trieb Entscheidende möchte ich den Zustand des 
Organismus hervorheben, der das Individuum dazu „treibt", auf 
die verschiedenen peripheren Reize in einer charakteristischen 
Weise zu reagieren. Und vieles scheint dafür zu sprechen, daß wir in 
dem Spiel des Gewebschemismus das Substrat dieser triebhaften 
Zustände finden. 



■uvi 



---51. 



Rätsei und Wunder der Heilung' 

Von 

Arthur Kielholz 

Königsfelden <Aafgau> 

Von einem bernischen Kraftausdruck ausgehend, ist Hans Zulliger in 
seinem im Sonderheft „Schweiz" der „Psychoanalytischen Bewegung" ver- 
öffentlichtem Vortrag: „Teufelsdreck, die Arznei" der Psychologie des oralen 
Heilmittels nachgegangen. Lassen Sie mich heute in Ergänzung dazu ver- 
suchen, den seelischen Grundlagen speziell der Badekuren etwas nachzuspüren. 
Kurz nach der Gründung der Gesellschaft „pro Vindonissa", die sich die 
Erforschung des römischen Legionslagers am Zusammenfluß von Aare und 
Reuß zum Ziele gesetzt hatte, wurden am Ende des letzten Jahrhunderts 
Teile von Thermen aufgedeckt, deren eigentliche Bestimmung man damals 
noch nicht erkannte (i). Es dauerte über 30 Jahre, bis man durch erneute 
Versuchsgrabungen in unmittelbarer Nähe der früheren Grabungsstelle den 
erstaunlichen Umfang und die Bedeutung dieser Badeanlage erfaßte und sich 
durch Vergleichung mit anderen römischen Thermen in ItaHen und den Pro- 
vinzen ein Bild vom Betrieb und Zweck dieser Baulichkeiten machen konnte. 
Ein Studium der alten Literatur (2) ergibt, daß beim Besuch der Thermen 
der Badende einen bestimmten Rundgang einzuhalten hatte, welcher be- 
zweckte, den Körper auf die zweckmäßigste Weise von allen unreinen, 
schädlichen Stoffen zu befreien. Galen os {de methodo mendendi, XI, 10) 
schreibt z.B. vor, daß zuerst das Warmluftzimmer, dann das warme Bad, 
darauf das kalte Bad zu besuchen sei, an das sich das Schwitzen anschließe, und 
faßt den Heilprozeß in folgenden vier Akten zusammen: Im ersten Akt wer- 
den die Stoffe durch den ganzen Körper erwärmt und gelöst, ihre Ungleich- 
heiten ausgeglichen, die Haut aufgelockert und, was sich unter ihr angesam- 
melt hat, ausgeleert. Der zweite Akt soll bei trockener Körperkonstitution 
heilsame Feuchtigkeit in die trockenen Teile des Körpers bringen, der dritte 
den ganzen Körper abkühlen, die Hautporen schließen und die Kräfte stärken, 
der vierte Akt schließlich hat die Aufgabe, den Körper durch Schweißfluß zu 
entleeren, ohne ihn durch Abkühlung zu gefährden. An anderer Stelle be- 
richtet der gleiche Autor (II. 17), daß zum Bade Salbungen gehören, vor 
oder nach dem warmen Bad, am besten gleich nach dem Schwitzen. Nach 
dem Bade soll man sich mit öl salben, damit der Körper nicht mehr als nötig 
von der Luft durchweht werde (VI. 4). Seneca spricht in seinen Briefen 

i) Nach einem Vortrag, gehalten in der Schweizerischen Psychoanalytischen Gesellschaft 
in Zürich am 20. Jänner 1934. 



(86. 5) von Schwimmbecken, in die wir den durch ausgiebige Schwitzkur von 
allem Unreinen befreiten Körper hineintauchen. Wir erfahren von ihm auch, 
daß in den alten Badeanlagen die Fenster nur ganz kleine Schlitze darstellten, 
während in späterer Zeit auf möglichst freies Einfallen der Sonnenstrahlen, 
um zugleich Helligkeit und "Wärme zu gewinnen, Bedacht genommen wurde, 
indem man Oberlicht und recht große Seitenfenster von Glas oder Marien- 
glas bis nahe an den Fußboden hinab erstellte. Plinius rühmt in seinen 
Briefen (II. 17. 11) bei der Beschreibung seiner Villa in Lauren tum ein wunder- 
bares "Warmwasserbassin, von dem aus man beim Schwimmen das Meer sehen 
könne und (V. 6. 25) bei Beschreibung seiner Villa in Etrurien das mit Mar- 
morstatuen der Hygieia und des Asklepios geschmückte Frigidarium und das 
bunt wie mit Purpur gefärbte Caldarium. Auch andere alte Schriftsteller 
heben das Purpurgestein bei der Auskleidung der Baderäume hervor, so 
Statius Silvae I. 5. 35- In der Therme von Vindonissa erwies sich die "Wand- 
dekoration vor allem als rot und gelb gemalt (3). In seinem Cicerone hebt 
Jakob Burckhardt bei der Schilderung der Kaiserthermen Roms haupt- 
sächlich die Ausweitung der "Wandflächen zu gewaltigen Nischen mit Halb- 
kuppeln hervor, die Anordnung großer Kuppelräume und den Umstand, daß 
die Außenwerke, welche den Thermenhof zu umgeben pflegten, Halbkreise 
und halbe Ellipsen bildeten (4). Die Thermen des Titus und Trajan geben 
einen Begriff von den einst wie jetzt dunkeln und auf künstliche Beleuchtung 
berechneten Gemächern. Von den Thermen des Caracalla schreibt er: Rätsel- 
haft und doch wahrscheinlich bleibt auch hier die Dunkelheit der beiden 
großen Schwimmsäle. 

Die Vorliebe für den Schmuck mit roten Gesteinen und Malereien wird 
damit erklärt, daß diese die Fleischfarbe des nackten Körpers der Badenden 
gehoben hätten. 

Es ist bekannt, daß die Thermen, die ursprünglich hygienischen und Heil- 
zwecken dienten, später wie die modernen See- und Strandbäder vorwiegend 
dem Luxus_ und dem Vergnügen eine Stätte boten. Die symmetrische Anlage 
der Bäder erklärt sich daraus, daß sie für Männer und Frauen zugleich er- 
richtet wurden mit strenger Scheidung der Geschlechter. Später badeten aber 
Dirnen oder Blaustrümpfe mit den Männern. 

Daß in den römischen Thermen Hygieia und Asklepios verehrt wurden, 
läßt uns erkennen, daß auch auf diesem Gebiete die Kultur Griechenlands 
zum Vorbild gedient hatte. Auch dort sind in den letzten Jahren durch aus- 
gedehnte Grabungen berühmte Badeanlagen freigelegt und erforscht worden, 
so in Pergamon (5), in Kos, der Heimat des Hippokrates, und in Epidauros (6), 
der Stätte, wo nach dem Mythos Asklepios, der Heilgott, begraben liegt. 

Kürzlich ist ein interessantes Buch (7) des Philologen Rud. Herzog über 



die "Wunderheilungen von Epidauros als Beitrag zur Geschichte der Medizin 
und der Religion erschienen. Der Verfasser hat das Asklepieion in Kos aus- 
gegraben, das in Epidauros besucht und die dort im Laufe des letzten halben 
Jahrhunderts aufgefundenen sog. Stelen, d. h. bronzenen Inschriftenplatten, neu 
übersetzt und ergänzt. Es sind ein halbes Dutzend; sie stammen aus der 
2. Hälfte des vierten vorchristlichen Jahrhunderts und berichten über die von 
Apollon und Asklepios im Heiligtum bewirkten Heilungen. Von Apollon 
aber ist nirgends die Rede, nur die konservative Pietät hat offenbar seine 
Nennung im Titel der Tafeln veranlaßt. Die Quellen der Texte sind auf 
Holztafeln aufgezeichnete Erzählungen der Pilger, die sich damit die Warte- 
zeit verkürzten und gegenseitig die Hoffnung stärkten. Ihre Aufmachung ist 
bewußt unwissenschaftlich, der Stil bewußt schlicht, aus dem Volk, für das 
Volk, mit Humor vorgetragen. Der Zweck und die Tendenz der Tafeln war 
nicht in erster Linie Reklame nach außen, sondern Wirkung auf die Pilger, 
um ihren Mut zu erwecken und den Willen zur Heilung zu stärken. Die 
Urkunden von Epidauros sind nach der Auffassung Herzogs geradezu der 
Ausgangspunkt der religiösen Propaganda des Heilwunders und der Frage 
nach seiner Möglichkeit. Theologisch-religionsgeschichtlich lautet die Frage: 
ob die Gottheit oder der Glaube an sie Wunder wirken könne, medizinisch- 
wissenschaftlich, ob die Suggestion, im besonderen die religiöse Massensug- 
gestion auf den Ablauf pathologischer Prozesse so stark einwirken könne, daß 
die nach dem jeweiligen Stande der Wissenschaft geltenden Naturgesetze 
durchbrochen werden. Durch seine zielbewußte Propaganda schwang sich 
Epidauros von einem Kultorte zweiten Ranges zu internationaler Berühmt- 
heit auf mit glänzender Ausstattung des Gnadenortes und einem Siegeszug 
von Filialgründungen. Seine Propaganda wurde vorbildlich auch für fremde 
Kulte, wie den der Iris, des Sarapis und schließlich für die christlichen Wunder- 
stätten. Die Mirakelbücher süddeutscher Gnadenorte bieten reichlich Paral- 
lelen. Die Heilungen und Wunder beziehen sich auf Kindsnöte und Kinder- 
segen, auf chirurgische Eingriffe, auf Parasiten im Leib, auf Schlangenbisse, 
auf Augenleiden, Sprachstörungen, Lähmungen, Epilepsie und Besessenheit. 
Mantische Wunder liefern Hilfe zum Wiederfinden verlorener Gegenstände. 
Schließlich kommen noch Erziehungs- und Strafwunder vor. Was die Praxis 
in Epidauros anbetrifft, so behauptet Herzog, daß keineriei Somnambulismus, 
kerne Hypnose, Operationen oder Narkosen vorgenommen wurden. Es waren 
überhaupt keine Ärzte da, wie in Kos und Pergamon, sondern von berufs- 
mäßigen Traumdeutern, Symboloi genannt, wurden die während des Schlafes 
im Tempel vom Kranken erlebten Träume ausgelegt und darnach ein Heil- 
plan aufgestellt und befolgt, bei dem neben Wasserkuren Sportübungen, Heil- 
gymnastik, Schröpfen, Aderlässe und Klystiere zur Anwendung kamen. Die 



Inhaber dieser Heilstätten waren chthonische Götter oder Dämonen; als Ver- 
mittler zwischen Ober- und Unterwelt dienten Quellen und Schlangen. Der 
Gott wies durch die Schlange den Weg zu neuen Wassern. Daher war eine 
Einrichtung allen Asklepieien gemeinsam und von grundlegender Bedeutung: 
die Wasseranlagen. Zum chthonischen Inkubationskult gehörte eine Quelle. 
Bei den Heilgöttern wurde sie von selbst zur Heilquelle. Bei gesteigerten Be- 
dürfnissen wurde sie durch Wasserleitungen verstärkt. So fand sich in Epi- 
dauros ein gewaltiges Reservoir. In Kos wurden diese Anlagen zu richtigen 
Wasserkuren ausgebaut und später große Thermen angeschlossen. 

Schon im alten Griechenland fanden Wallfahrten zu den Gnadenorten an 
bestimmten Festen statt, bewährte Mittel zur Erzeugung von Massensuggestio- 
nen. Die Asklepiosfeste in Epidauros mit gymnischen, hippischen und musi- 
schen Spielen, nach Herzog allerdings mehr für Gesunde bestimmt, fanden 
alle vier Jahre statt. Ein gewaltiges Theater mit 62 Sitzreihen, nach Johann 
Jakob Bachofen zu den schönsten Resten alter Architektur gehörend, nahm 
die Scharen dieser Pilger auf. Die Erschütterung der Seele mit Angst und 
Schrecken durch die Tragödie bildete einen wesentlichen propädeutischen Teil 
des Heilprozesses. Vor dem Tempelschlaf fanden orgiastische Zeremonien 
statt, die offenbar ebenfalls der Lockerung des psychischen Gefüges dienten. 
Dionysos als tragischer Heilgott hatte die Vorbedingung zu schaffen für die 
apollinische Erkenntnis, In Delphi und Delos wirkte der weissagende Gott 
als göttlicher Arzt. Das Vertrauen zum Arzt wird aber um so größer, je 
wesensverwandter er uns ist. Der helfende Halbgott, der Menschensohn 
Asklepios, präfiguriert den christlichen Heiland. 

Sein Mythos lehrt uns folgendes (8): Asklepios war der Sohn ApoUons und 
der sterblichen Koronois. Als diese schon den Sohn des Gottes unterm Herzen 
trug, wandte sie ihre Liebe einem Waldmenschen von Arkadien zu. Der 
Rabe — früher als apollinischer Vogel weiß gedacht — eilte zu Apollo, ihm 
die Untreue zu melden. Apollo verfluchte den Boten des Unheils, der seit- 
dem schwarz ist, und tötete die Koronois. Aus ihrem zur Verbrennung be- 
stimmten Leib rettete er seinen Sohn durch sectio caesarea. Durch seine 
wunderbaren Heilungen, besonders das Wiedererwecken von Toten, erregt 
der Halbgott den Zorn des Hades, und auf dessen Klage wird der Ungehor- 
same vom zürnenden Zeus mit seinem Blitz erschlagen. Seine Seele aber wird 
gerettet und vergöttlicht, doch unter die Erde verbannt. Nun tönt er aus 
dem Gestein an der Stätte seines Grabes in Epidauros heilkräftige Orakel. 

Ein ähnliches Schicksal wie Asklepios erlitt nach der Sage, die von Pindar 
berichtet wird, der argivische Held und Seher Amphiaros aus dem Geschlecht 
des rätselhaften Priesters und Wahrsagers Melampus (8 a). In der Ent- 
scheidungsschlacht vor der Einnahme Thebens wird er auf der Flucht, als ihn 



Rätsel und Wunder der Heilung 



177 



eben sein Feind mit einem Speerstoß in den Rücken töten will, von Zeus, der 
vor ihm durch einen Blitzstrahl die Erde zerspaltet, samt Roß und Wagen 
und Wagenlenker in die Tiefe versenkt, vi^o ihn Zeus unsterblich macht., 
Weiter nördlich in Lebadea in Böotien lebt in einer Höhle der Bergschlucht 
unsterblich Trophonios, einst ein berühmter Baumeister, der sich vor seinen 
Feinden dorthin flüchtete, denen, die ihn zu befragen hinabfahren, die Zu- 
kunft verkündigend. Man brachte den beiden Opfer dar, wie sonst den 
chthonischen Göttern. Von Amphiaros glaubte man, er verkündige durch 
Traumgesichte die Zukunft denen, die sich nach dargebrachten Opfern in 
seinem Tempel zum Schlaf niederlegten. Um Trophonios zu befragen, fuhr 
man durch einen engen Schlund in seine Höhle ein. Drinnen erwartete man, 
ihn in Person zu erblicken oder doch seine Weisungen zu hören. Die Tätig- 
keit des Sehers war aber nicht auf Voraussicht und Vorausverkündigung der 
Zukunft beschränkt. Es gehörte auch zu seinen Obliegenheiten, bei Krank-, 
heiten, vornehmlich des Geistes, zur Heilung mitzuwirken. Dazu kam noch 
die Gabe oder Kunst der Reinigung des Befleckten. Alle drei Gaben, des 
Wahrsagens, der Reinigung und der Heilung, scheinen aus einer Quelle zu 
fließen. Die Welt unsichtbar den Menschen umschwebender Geister, den Ge- 
wöhnlichen nur in ihren Wirkungen empfindlich, ist dem ekstatisch wahr- 
sagenden Geisterseher vertraut und zugänglich. In der Abwehr gefährlicher 
Wirkungen reinigt er, als Geisterbanner heilt er. 

Es wäre hier der Ort, um einen Augenblick bei den vergleichend religions- 
geschichtlichen Ergebnissen zu verweilen, die der bekannte Erforscher primi- 
tiver Kulturen, Paul Sa ras in, in seinem Werke „HeKos und Keraunos oder 
Gott und Geist" (9) niedergelegt hat. Er untersucht die Sonnenverehrung, 
die seit dem Ende der jüngeren Steinzeit nachgewiesen werden kann, vorerst 
in der römischen und griechischen Mythologie, und geht dabei von Janus 
aus, dessen Tempel nach Sonnenaufgang und -Untergang orientiert, ihn als 
Sonnen- und Fruchtbarkeitsgott erweisen. Von ihm nehmen die Quellen, 
Flüsse und Ströme ihren Ursprung. Er eröffnet die Quellen durch den Blitz. 
Die ältesten Janustempel, in die Länge gezogene Tonnengewölbe, gehen auf 
die ursprünglichen Wohnungen der Menschen, die Höhlen, zurück. Davon 
leiten sich die Triumphbogen ab, durch die der römische Sieger einzog, um 
dann das Kapitol zu ersteigen. Er symbolisierte so den Sonnengott, der zu- 
erst seine nächtliche Höhle durchwanderte, vor dem Aufstieg zum heiligen 
Berg. Janus erhielt die Attribute des Hauspförtners, Schlüssel und Pförtner- 
stab, die sodann auf Petrus übergingen. 

Hermes, der blitzschnelle Bote vom Himmel zur Erde, als Monas auch in 
der Form des Phallus dargestellt, verrät dadurch seine ursprüngliche Natur 
als Fruchtbarkeitsgott. Das Kreuzsymbol bedeutet eine hermaphroditische 

Imago XX/3 j. 



Dyas, es ist das Symbol des Sonnengottes, die Spirale das des Blitzgottes, das 
Hakenkreuz ein kombiniertes Sonnenblitzsymbol, das sich seit der Steinzeit 
nachweisen läßt. Der Blitz ist die Urquelle des Feuers. Das Feuerbohren hat 
phallische Bedeutung. Auf die Personifizierung der Sonne als Gottheit 
Wurde der uralte Dualismus übertragen, den wir als Körper und Geist be- 
zeichnen. Diese Dualität wurde seit Urzeiten vom Menschen im Traum er- 
lebt, wo sich der Geist vom Körper loslöst und auf Wanderung begeben kann. 
Der Geist des Sonnengottes, damit der Blitz, ist ebensowohl der Gott selbst 
als sein Sohn oder seine Tochter. Die mythenbildende Phantasie macht den 
Doppelgänger zum "Weib. So entsteht die heterosexuelle Dyas, daraus ent- 
steht der Sohn, damit die Trias. Sonne und Blitz haben apotropäische Wir- 
kung, ebenso deren Symbole: Phallus, Kreuz, Gorgoneium, das dem Kopf der 
Blitzgottheit entspricht, davon abstammend die Teufelsmasken. Schon früh 
identifizieren sich Blitz und Schicksalsbegriff. Die Furcht vor dem strafenden 
Blitzgott verband sich mit der Verehrung des beglückenden Sonnengottes. 
Die feindliche Form des Blitzdämons findet sich in Luzifer, Diabolus, dem 
herabgeschleuderten, hinkenden Widersacher. Von der hinkenden Blitzgott- 
heit lassen sich die hüpfenden Tänze ableiten, in denen er nachgeahmt wird, 
und wobei ein sexueller Einschlag unverkennbar ist. 

Wenn aus dem Samen oder dem Blut des entmannten Gottes ein oder 
mehrere weitere Götter, oft ein Baum entsteht, dessen Früchte schwängern, 
so sprechen wir von Autogenesen. Auch die Jungfraugeburten, die Partheno- 
gehesen, sind scheinbar solche, denn es findet hier eine Befruchtung statt 
durch Vögel, Schlangen, Drachen, Säugetiere, Engel, die alle den Sonnenblitz- 
gött ersetzen. Möglich ist auch die Autogenese aus einem hermaphroditischen 
Wesen. Daher finden wir in vielen Kulten einen Tausch der Kleidung, welcher 
eine symbolische Verwandlung des Opfernden in den Zustand der herma- 
phroditischen Gottheit darstellen soll. Entsteht aus einer heterosexuellen 
Dyas eine Trias, so gelangt man zum Inzest. Die ursprünglichste Manifesta- 
tion bildet die zwischen Vater und Tochter: so entsteht Dionysos Zagreus aus 
der Verbindung von Zeus mit seiner Tochter Persephone. Verhüllt werden 
solche Verhältnisse dargestellt in den vom Blitz getroffenen Baumnymphen. 
Der Olymp weist eine ganze Reihe von Geschwister ehen auf: Kronos und 
Rhea, die den Zeus erzeugen, dieser mit Hera den Hephaest, dieser mit 
Aphrodite Hermes und Artemis, Ares mit Aphrodite Herakles und Hebe, Helios 
und Eos. Alle diese Götter und Göttinnen sind ursprünglich identisch mit 
der Sonnengottheit. 

Die genealogische Trias besteht aus Vater, Mutter und Sohn. Daraus er- 
gibt sich das Vorrecht der Erstgeburt. Die Opferung des Erstgeborenen be- 
deutet eine Identifizierung mit dem Sonnengott. Das Opferkind wird zum 



Rätsel und Wunder der Heilung 



179 



Erlöserkind. Später wird dieses Opfer durch das Tieropfer abgelöst. Dem 
Heliotheismus liegt das Vaterrecht zugrunde, und Sarasin polemisiert gegen 
die Auffassung seines Basler Kollegen J. J. Bachofen von dem Primat des 
Mutterrechts. Dieses lasse sich überall in Spuren nachweisen, sei aber eher 
sekundär. Ebenso hätten die Göttinnen sekundären Charakter. Sie konnten 
erst entstehen, als die heliotheistische Religion zu einer kosmologischen, 
chthonischen, fortgeschritten war. Der Kampf der beiden Anschauungen ist 
in der Orestie sichtbar. Die Tetras entsteht aus der Sohn-Mutterehe, die 
schon eine Trias voraussetzt. Auch ödipus ist nach Paul Sarasin ein Son- 
nenblitzgott. 

Die Tierverehrung gehört einer noch älteren Zeit an als der Heliotheismus. 
Dieser hat sie an sich herangezogen, indem der das geheiligte Tier bewachende 
Dämon durch den Geist des Sonnengottes ersetzt wurde. 

Auch in der hebräisch-christlichen Mythologie scheint die Verehrung der 
Sonne noch überall durch. Daß Jahwe, der Nationalgott der Hebräer, ur- 
sprünglich ein Sonnenblitzgott war, ergibt sich aus der strengen Orientierung 
seiner Tempel. Er verzehrte das Opfer in Gestalt des Feuers und wurde zeit- 
weise in Gestalt des goldenen Stierkalbes verehrt. Das Menschenopfer be- 
deutete ursprünglich einen Leitritus, wie die Erzählung von Abraham und 
Isaak beweist. Der Engel Jakobs ist der Blitz, der Seraph bedeutet die 
blitzende Schlange, der Cherub den Drachen. Taube und Rabe symbolisieren 
den Geist des Sonnengottes in Vogelgestalt. Die Verkündigungen stellen 
legendarische Verhüllungen einer Begattung des Sonnengeistes mit der Erde 
dar. Heliotheistisch ist das Hinabsteigen des Erlösergottes zur Unterwelt, wie 
seine Himmelfahrt. Als Leitriten des Sonnenkults erscheinen ferner Orgien 
mit berauschenden Getränken auf die unmäßigste Weise in globaler Verbrei- 
tung. Auch bei den altchristlichen Liebesmahlen spielt derlei mitunter vielleicht 
eine Rolle (L Cor. 11. 20. 21). Der Kirchenvater Tertullian mußte das Abend- 
mahl gegen den Verdacht des Kindesmordes mit dem Mahle folgender Blut- 
schande verteidigen. Die runde Hostie stellt ein Sonnensymbol dar. Die 
Askese des Fastens kann als Nachahmung des zur Winterszeit hungerleidenden 
Gottes aufgefaßt werden. Auch die Taufe bildet einen Leitritus des Sonnen- 
kults. Sie hat, sowohl im "Wasser wie im Feuer vorgenommen, ebenfalls globale 
Verbreitung. Am Hochaltar findet man oft die goldene Sonnenscheibe mit 
Strahlen, in der Mitte ein Auge im Dreieck, ohne Zweifel den allschauenden 
Sonnengott symbolisierend. Dadurch und durch die Trinitätslehre erscheint 
die christliche Religion dem Bezirk der großen antiken Kulturreligionen un- 
entrinnbar eingefügt. 

Ein interessanter Beweis dafür, wie noch im späten Mittelalter Gottvater 
den Sonnenblitzgott verkörperte, bildet ein von Gozzoli um 1444 für die 



Kirche San Agostino in San Gimignano gemaltes Altargemälde (8). Es ist dem 
hl. Sebastian gewidmet zum Danke dafür, daß während einer Pestseuche der 
hochgelegene Ort von der Pest verschont geblieben war, und stellt den Heili- 
gen dar auf einem Postamente, umgeben von der ringsum knienden und zu 
ihm betenden Bevölkerung, über deren Köpfen eine Schar von Engeln seinen 
Mantel ausgebreitet hält, der ausgefüllt ist mit zerbrochenen Pfeilen. Im 
obern Drittel des Gemäldes aber sehen wir als Schützen, in der Rechten mit 
einem letzten Pfeil bewehrt, Gottvater selbst, umgeben von einer Engel- 
schar, zu dessen Füßen auf einer "Wolke Christus und Maria knien. 

Dem nachdenklichen Romfahrer kommen diese Zusammenhänge eindrück- 
lich zum Bewußtsein, wenn er beispielsweise im Baptisterium von San Gio- 
vanni in Laterano, wo Konstantin der Große getauft worden sein soll, und wo 
sich lange Zeit die einzige Taufkirche der ewigen Stadt befand, zwei Meter 
unter dem Fußboden die Mosaiken einer Therme freigelegt findet, oder wenn 
er im untersten Teil der uralten Basilika San demente ein wohlerhaltenes 
Mithrasheiligtum mit der typischen Statue dieses orientalischen Sonnengottes 
feststellt. 

Spuren des Mithraskultus sind auch in Vindonissa gefunden worden, und 
bei den erfolgreichen Ausgrabungen, die in den letzten Jahren unter der 
Leitung von Dr. Loeschke im heiligen Bezirk im Altbachtale in Trier, der 
alten Colonia Augusta Treverorum, unternommen worden sind, wo die älte- 
sten Kulturschichten aus der Jüngern Steinzeit um 2joo vor Christus stammen, 
wurde ebenfalls ein hervorragend schöner Sockel eines Kultbildes des „Sol 
invictus" ans Tageslicht gebracht, welcher die Geburt des Mithraskindes aus 
dem unfruchtbaren Felsgestein darstellt. Den Sonnenball als Symbol des 
Lichtes im Arm taucht das Kind in das Rund des Tierkreises empor, um als 
Opfer den Weltenstier zu töten und dadurch den Menschen den Frieden zu 
bringen. Charakteristisch für den Trierer Tempelbezirk ist der Kult der 
mütterlichen Segensgottheiten, der in verschiedenen Abarten gepflegt wurde, 
wie später im christlichen Mittelalter der Marienkult. Es sind mehrere 
Statuen solcher Muttergottheiten in Stein und Ton gefunden worden, zu 
denen die Frauen um Kindersegen beteten und denen sie ähnliche Votiv- 
figuren darbrachten, wie man sie an christlichen Wallfahrtsorten überall 
wieder findet. 

Das junge Christentum hat sich den antiken Badegewohnheiten gegenüber 
in verschiedener Weise eingestellt. Weite Kreise forderten mit der Absage an 
die Lüste dieser Welt auch den vollständigen Verzicht auf die Bäder. So hat 
TertuUian den Bade- und Toilettenluxus mit beißendem Sarkasmus gegeißelt: 
„Ich frage, schickt es sich etwa, daß man in Scharlach und Purpur die Sün- 
den abbitte? Nun dann, her mit der Nadel zum Scheiteln der Haare, her 



Rätsel und Wunder der Heilung 



i8i 



mit dem Zahnpulver und der Schere von Eisen und Bronze zum Nägelbe- 
schneiden, und was es an falschem Glänze und geborgter Röte gibt, das 
streiche dick auf die Lippen und Wangen! Außerdem suche vergnügliche 
Bäder auf in Parks oder am Meere." Vor allem die morgenländischen Ana- 
choreten haben sich im Verzicht auf das Wasser zum Baden und Waschen 
gegenseitig überboten. 

Man half sich aber auf andere Weise, um speziell den Gebrauch der vielen 
Heilbäder zu rechtfertigen: Man verknüpfte sie mit dem Christentum, 
indem man sie, wo immer es anging, mit dem Leben christlicher Glaubens- 
zeugen in Beziehung brachte (lo). Außerdem wurden aber auch andere, 
früher nicht für heilkräftig gehaltene Wasser, mit denen Märtyrer oder Jesus 
in Berührung gekommen waren, besonderer Verehrung teilhaftig. So erzählt 
uns z.B. ein Pilger aus Bordeaux, der am Anfang des 4. Jahrhunderts eine 
Reise nach Palästina unternommen hatte, daß am Teich von Bethesda, an dem 
Christus den Gichtbrüchigen geheilt hatte, ein solcher Badebetrieb herrschte, 
und daß sogar am Golgathahügel bei der Grabeskirche ein Bad zu sehen war. 
Am meisten aber besuchten die frühchristlichen Pilger sowie die Mönche der 
benachbarten Klöster und andere Einheimische die Stelle am Jordan, an der 
Jesus von Johannes getauft worden war; aus einem Bericht des 8. Jahrhunderts 
geht sogar hervor, daß dort Seile über den Fluß gespannt waren, um gerade 
den Schwachen und Gebrechlichen das Herabsteigen ins Wasser zu erleichtern. 
Vor allem Leprakranke suchten dort Heilung, und Frauen schrieben diesem 
Jordanbad besondere Heilkräfte zur Behebung der Sterilität zu. Aber nicht 
nur in Palästina, auch in allen anderen Ländern der antiken Welt gab es 
christliche Heilbäder und Sanatorien, die in ganz ähnlicher Weise wie das 
heutige Lourdes von überallher besucht wurden. An der Grabstätte des 
Nationalheiligen der ägyptischen Christen, des hl. Menas, wurde durch den 
Frankfurter Archäologen C. M. Kaufmann inmitten einer großen Wall- 
fahrtsstadt Karm Abu Mina, die im y. und 6. Jahrhundert ihre Hauptblüte 
erlebte, die große Thermenanlage mit Wannen für Einzelbäder, größeren 
Bassins, Apodyterien (Auskleideräumen) und Hypokausten (Heizungsanlagen) 
freigelegt, sowie eine mit diesen Bädern verbundene Basilika, die uns an Lour- 
des erinnert. Das Grabheiligtum der heiligen Kyros und Johannes östlich 
von Alexandrien war beinahe ebenso berühmt, wo ganz einfach der Betrieb 
des an der gleichen Stelle befindlichen antiken Sanatoriums der Isis medica 
fortgeführt wurde, und wo, in enger Anlehnung an antike Gewohnheiten, der 
Tempelschlaf eine besondere Rolle spielte. Denn während die kranken Wall- 
fahrer in der großen Kirche schliefen, erschien ihnen, bald im Traume, bald 
aber auch in voller WirkHchkeit, das heilige Märtyrerpaar, und es erhielten 
die Patienten durch die himmlischen „allgewaltigen Ärzte" Verhaltungsmaß- 



regeln und Ratschläge zu allerhand Kuren, bei denen wieder das Wasser eine 
große Rolle spielte. Neben Ägypten müssen hauptsächlich in Kleinasien zahl- 
reiche christliche "Wasserheilstätten vorhanden gewesen sein, die den groß- 
zügigen Badebetrieb von Pergamon und anderen Orten in christlichem Ge- 
wände fortsetzten. Dazu gehört z. B. das Wallfahrtsheiligtum der hl. Thekla 
in Meriamlik. Bei einer vom byzantinischen Kaiser Zeno gestifteten großen 
Kuppelkirche, die einen wichtigen Baustein in der Geschichte der altchrist- 
lichen Baukunst bildet, wurde dort gerade gegenüber dem Eingang in das 
Atrium ein schöner Kuppelbau freigelegt, der sich mit seinen mit buntem 
Marmor verkleideten Wänden unzweifelhaft als eine Badeanlage erwies. 

Sie haben am Beginne unserer Ausführungen vernommen, wie die heil- 
samen Wirkungen des Bades von Galenos z.B. durch Ausscheidung schäd- 
licher Säfte erklärt und rationalisiert wurden. Diese Erklärungen gehen auf 
die Humoralpathologie zurück, wie sie vor allem durch Hippokrates, den 
Vater der antiken Medizin, gelehrt worden ist. Wir wissen aber(ii), daß 
der große Arzt von Kos die seelische Behandlung der Kranken dabei nicht 
vernachlässigte, wie das seine erstaunliche Kur an König Perdikkas, dem 
Sohne Alexanders des Reichen von Mazedonien beweist, dem er durch 
Deutung von Träumen aus schweren psychischen Konfhkten inzestuöser Natur 
zu völliger Gesundheit verhalf. Das wird unsere Vermutung verstärken, daß 
der Zusammenhang zwischen Heilbäderbetrieb und Psychotherapie, wie wir 
ihn nun im Laufe der Jahrhunderte und an verschiedenen Orten und unter 
verschiedenen religiösen Voraussetzungen beobachtet und skizziert haben, kein 
zufälliger und äußerlicher, sondern ein innerer und irgendwie notwendiger 
sein muß, und wir dürfen erwarten, daß die Aufhellung dieses geheimen Zu- 
sammenhangs uns den Weg zu weisen vermag, um den Rätseln des Heilungs- 
prozesses näherzukommen. 

Es ist kürzlich von zwei Psychoanalytikern der Versuch unternommen wor- 
den, bei heute noch lebenden primitiven Völkern einen Einblick zu gewinnen 
in die Mechanismen ihrer Heilungsprozeduren. Pf ist er (12) beschrieb die 
Behandlung eines melancholischen Navahoindianers, dessen Depression mit 
dem öfters wiederholten Traum von seinen toten Kindern begonnen hatte, 
durch einen verkrüppelten Medizinmann, vermittels magischer Zeichnungen. 
Hervorzuheben ist dabei, daß außer der Familie des Kranken alle seine Clan- 
brüder mit ihm die weite Reise zum Arzte unternahmen, dort für alle zwei 
Hütten bauten und sich in der einen durch Schwitzbäder vor der Zauber^ 
Zeremonie reinigten; zuletzt tat das auch und am ausgiebigsten der ver- 
krüppelte Medizinmann. In den magischen Zeichnungen, die aus farbigem 
Sand bestehen, werden in den vier Himmelsrichtungen zwei Götterpaare, 
Naturgottheiten, dargestellt. Der Kranke wird in den Mittelpunkt gesetzt, 



Rätsel und Wunder der Heilung 



183 



zuletzt der Sand über ihn geschüttet. In der neunten Nacht werden durch 
2000 Navahos, Männer, Frauen und Kinder, die Zeremonien durch einen 
Tanz um ein Feuer beendet, und der Kranke ist geheilt. 

Roheim (13) hat sich bei den an der Grenze von Kalifornien, Arizona und 
Mexiko wohnenden Jumaindianern hauptsächlich mit der Traumanalyse von 
Medizinmännern beschäftigt. Jeder Erfolg im Leben dieser Primitiven — 
berichtet er — hängt davon ab, was man geträumt hat. Vor allem aber hängt 
die Fähigkeit, Medizinmann zu werden, davon ab, daß man den erforderlichen 
Traum träumt. Aus der Analyse dieser Berufungsträume der Schamanen er- 
geben sich nun immer wieder ganz unverhüllte Darstellungen der Urszene, 
deren Erlebnis vom Träumer meist in den Mutterleib verlegt wurde. 

C. G. Jung, der bei zentralafrikanischen Stämmen psychologische Studien 
gemacht hat, ist der Auffassung, daß beim Primitiven das Halluzinieren noch 
eine normale Funktion ist, und daß sich die Halluzinationen der Medizin- 
männer dadurch von denen ihrer Genossen unterscheiden und auszeichnen, 
daß sie sich nicht auf ihr persönliches Schicksal beziehen, sondern auf das 
ihres Stammes, das darin vorausgesehen und darnach von den Sehern ge- 
leitet wird. 

"Wir wissen alle, daß es auch bei den modernen Kulturvölkern noch Wun- 
derstätten und Wundertäter gibt, die sich nur darin von denen früherer 
Zeiten unterscheiden, daß die heutigen Mittel der Verständigung und des 
Verkehrs ihre Propaganda und ihren Besuch ins Ungeheure gesteigert haben, 
und daß damit auch ihre suggestive "Wirkung derart erhöht worden ist, daß 
sie die Skepsis und den Unglauben der Zeitgenossen auszugleichen und zu 
überwinden vermag. 

Es seien davon nur drei erwähnt: Lourdes, Konnersreuth und Gallspach (14). 
Daß Lourdes, die weltberühmte "Wallfahrts- und Heilstätte, auffällige Paral- 
lelen aufweist zu den antiken und frühchristlichen Gnadenorten, ist schon 
hervorgehoben worden. Die Entdeckung der wunderwirkenden Quelle in 
einer im "Walde befindlichen Felsgrotte, über der später der Muttergottes die 
Wallfahrtskirche errichtet wurde, fällt in das Jahr 1858 und wird dem Töch- 
terchen eines armen Müllers, Bernadette Soubirous, zugeschrieben. Die 
Gegend von Lourdes galt damals als besonders fromm und wimmelte von 
Geheimnissen; da gab es singende Bäume, Steine, aus denen zu gewissen Zeiten 
Blut perlte, wilde Tiere, in denen sich angeblich der Teufel verborgen hielt. 
Frömmigkeit und ein unerschütterlicher Glaube an die Jungfrau Maria er- 
schien als das beste Abwehrmittel gegen die Fallstricke des Bösen. 

Bernadette wird als schwächliches, schon im Kindesalter an nervösem 
Asthma leidendes Mädchen geschildert. Die Jungfrau Maria erscheint über 
der Wundergrotte, die es trotz des elterlichen Verbots immer wieder auf^ 



104 Arthur Kielholz 



sucht, insgesamt iSmal und gibt sich zuletzt mit den Worten: „Ich bin die 
unbefleckte Empfängnis" zu erkennen. Das kleine südfranzösische Städtchen 
ist im Verlauf der y^ Jahre zu einem der berühmtesten Gnadenorte der 
katholischen Kirche geworden, von Millionen von Pilgern besucht, und seine 
zum Teil von Ärzten kontrollierten Heilungen, die sich immer wiederholen, 
müssen verblüffen. Zu den unerläßlichen Vorschriften des Glaubens- 
zeremoniells gehört es, daß jeder Kranke, auch solche mit schweren inneren 
oder gar ansteckenden Krankheiten, neben den Gebeten vor dem Bilde der 
Jungfrau auch eines oder mehrere Bäder in dem kalten, chemisch völlig in- 
differenten Wasser nehmen muß. Sie alle werden, ohne Wasserwechsel bis 
jo hintereinander, hineingetaucht und müssen einige Sekunden darin sitzen 
bleiben. 

Ähnlich wie Lourdes durch die Halluzinationen der Bernadette, ist Kon- 
nersreuth an der bayrisch-böhmischen Grenze im Fichtelgebirge durch die 
Passion der Therese Neumann zum weltberühmten Wallfahrtsort geworden. 
Wir haben von Pfarrer Pfenninger (15) in unserm Kreise von dieser moder- 
nen Stigmatisierten gehört, die wie die südfranzösische Ekstatikerin aus ärm- 
lichen Verhältnissen stammte und wie diese im Kreis von neun Geschwistern 
aufwuchs. Sie wird anläßlich der Heiligsprechung der hl. Theresia von Blind- 
heit und später durch Visionen derselben Heiligen von Lähmungen geheilt, 
später treten die Stigmata auf: sie erlebt jeden Freitag die Passion Christi an 
sich, vermag ohne Nahrung, nur vom Genuß der Hostie zu leben, und an 
ihrem Lager ereignen sich Wunderheilungen. Hoche (16) hat in einem 
kürzlich veröffentlichten Vortrag den Fall vom rein skeptischen Standpunkt 
aus beleuchtet und sich zum Schlüsse nur über das kurze Gedächtnis der Men- 
schen verwundert. Jede neue Generation sei wieder bereit, ein Wunder zu 
erleben, dessen Bestandteile für den Kundigen nur monoton wirkende Wieder- 
holungen alter Geschichten seien. 

Um den österreichischen Marktflecken Gallspach endlich ist es schon 
wieder stiller geworden. Aus allen Ländern der Welt kamen die Kranken, 
die sich mit den wunderwirkenden Strahlen des Schlossers und Schloßbesitzers 
Zeileis behandeln und heilen lassen wollten — in den besten Jahren kamen 
täglich etwa 1500 an die Reihe. Sie mußten sich nach Entrichtung eines be- 
scheidenen Obolus gruppenweise entkleiden und schoben sich in nicht enden- 
wollender Schlange in den spärlich erleuchteten Behandlungsraum mit elektri- 
schen Apparaten und Funkengeknister. Der Meister fährt mit einer glühen- 
den Geißlerröhre, die je nach der Bewegung bald stärker, bald schwächer auf- 
leuchtet, an der vorderen Körperseite des Kranken auf und ab. Aus der 
Stärke des Aufleuchtens will er Sitz und Ursache der Krankheit erkennen. 
Nachdem so die Diagnose festgestellt ist, folgt die eigentliche Behandlung 



Rätsel und Wunder der Heilung 



185 



mit dem Hochfrequenzstrom. Eine mit Metallstacheln versehene Aluminium- 
platte, aus welcher sehr abgeschwächte Ladungen auf den Körper blitzen, um 
ihm neue Lebenskraft einzuflößen, seinen Zellorganismus mit frischer Lebens- 
elektrizität zu sättigen — wie die in Gallspach üblichen Fachausdrücke lauten 
— wird an der Vorder- und Rückseite des Patienten auf- und abgeführt. 

Die Krankheit ist vom grauen Altertum bis auf den heutigen Tag in erster 
Linie aufgefaßt worden als eine Strafe der zürnenden Gottheit dafür, daß der 
Mensch abgewichen ist von ihren Geboten auf einen unerlaubten Irrweg. Er 
hat sich dadurch abgesondert von der Gemeinschaft, ist geflohen vor der 
Realität und hat sich, statt dem Über-Ich, d. h. dem Vorbild der vergött- 
lichten Eltern zu folgen, unter die Herrschaft der Dämonen des tierisch- 
triebhaften Es gestellt. Um geheilt zu werden, um die Zürnenden zu ver- 
söhnen, muß er den Weg zurückkehren zum Ursprung, zur Gemeinschaft, die 
ihm hilft. Er braucht dazu einen Vermittler, der gleich ihm einmal unter 
dem Zorn der Götter gelitten hat und dem es gelungen ist, diesen mit Erfolg 
zu überwinden. So der Halbgott Asklepios, so die Heroen Amphiaros und 
Trophonios, so die Märtyrer und Heiligen, wie Sebastian, Menas und Thekla, 
so der verkrüppelte Medizinmann der Navahos, so die asthmatische Bernadette 
Soubirous und die erblindete und gelähmte Therese Neumann, die schließlich 
noch mit den "Wundmalen des Heilands gezeichnet wurde. 

Es ist sicher kein Zufall, daß diese geheimnisvollen und wunderwirkenden 
Vermittler der Heilung unserer Zeit in Gebirgsgegenden aufgewachsen und 
wohnhaft sind, wo die Bevölkerung noch unberührt festhält an uralten 
Ahnungen und Überzeugungen von Dämonen und Hexen, wo in düstern 
Felsklüften und -grotten Quellen entspringen und rauschen, die aus den Tiefen 
des mütterlichen Erdreichs die Stimmen und Kräfte der dort verborgenen 
chthonischen Gottheiten ans Tageslicht befördern. 

Die Wallfahrt der kranken Pilger an diese örtlichkeiten bedeutet nichts 
anderes als eine Rückkehr der Verirrten zum Ausgang alles irdischen Lebens, 
zum mütterlichen Schoß. Und aus der Symbolik dieser Wallfahrten heraus 
verstehen wir nun auch die tiefere Bedeutung der Badeanlagen, die ja fast 
überall an solchen Orten entstanden sind und das Vorbild geliefert haben zu 
den später im Flachlande und in den Städten und Villen erbauten Thermen; 
wir verstehen die in den ältesten Thermen herrschende Dunkelheit, ihre Ver- 
kleidung mit rötlichen Steinen, die vielfach hervorgehoben wird; wir ver- 
stehen die Ausweitung der gewaltigen Wandflächen zu Nischen mit Halb- 
kuppeln, die halbkreisförmige Anlage der Außenwerke und die rätselhafte 
Dunkelheit der Schwimmsäle, die Jakob Burckhardt noch an den Ruinen 
der Kaiserthermen in Rom in Verwunderung setzten. Wir sind auch berech- 
tigt, anzunehmen, daß der genau vorgeschriebene Rundgang vom kalten ins 



lauwarme, dann ins Schwitzbad und zurück, der dem Badenden von den 
Ärzten vorgeschrieben war zur Befreiung von den schädlichen Säften, nichts 
anderes bedeutete als eine Rationalisierung des Vorgangs der Wiedergeburt 
im mütterlichen Schoß. 

Ich kann es mir nicht versagen, an dieser Stelle an die Vision Jakob 
Boehmes(i7) zu erinnern, die er als Hirtenknabe im schlesischen Gebirge er- 
lebte, wobei sich der Berg mit seinem Geäder öffnete und der Eingang der 
Höhle aus rotem Gestein gewölbt erschien. Dieses Erlebnis wurde von 
späteren Biographen des Mystikers für einen von ihm geglaubten Traum er- 
klärt. 

Und damit gelangen wir nun zu jenem schon einmal betonten Zusammen- 
hang zwischen Heilbad und Psychotherapie. Wir haben gezeigt, daß immer 
wieder seit Jahrtausenden an der Stelle, wo an der Stätte des Wirkens oder 
am Grabe des Heilgottes oder Heiligen eine heilende Quelle entspringt und 
ihm ein Tempel errichtet wurde, der kranke Pilger nach bestimmten Zere- 
monien und Opfern sich zum Schlaf niederlegen muß, um im Heiltraum zu 
erfahren, wie die Kur beschaffen sein soll, die ihn von seinem Leiden befreit, 
daß dieser Traum, in dem ihm meist der Gott oder Heilige selbst erscheint, 
von den Priestern oder Deutern, den Symbolois, ausgelegt wird. 

So wie die Wallfahrt zur heiligen Quelle und das Bad darin, bzw. in der 
von ihr gespeisten Felshöhle oder Therme symbolisch eine Rückkehr in den 
mütterlichen Schoß darstellt, so bedeutet ja auch das Traumerlebnis nach den 
Lehren der Psychoanalyse eine Rückkehr zu frühinfantilen Geschehnissen und 
Erfahrungen, und es kommen darin geheime Wünsche und Regungen zum 
Ausdruck, die, oft schon in der zartesten Jugend verdrängt, zu jenen Ver- 
irrungen Anlaß gegeben haben, die später als Neurose oder gar als Psychose 
das seelische Gleichgewicht des Kranken stören. Aus dem Bade steigt der 
Patient als Wiedergeborener empor; durch die Deutung seines Heiltraumes 
wird er von Fesseln erlöst, die ihn nur durch eine im Traum erlebte Rück- 
kehr in früheste Jugend wieder zum Tageslicht des Bewußtseins emporhoben 
und durch die Deutung klargemacht worden sind. Es kommt noch ein drittes 
Moment hinzu, das diese Regression zu primitivem Fühlen und Denken för- 
dert, nämlich der Umstand, daß alle diese wunderbaren und rätselhaften 
Heilungen inmitten einer Menschenmasse erfolgen, die zu diesen Stätten in 
großen Mengen hinpilgert, die durch eine geschickte Propaganda unterwegs 
und an den Toren — wir erinnern an die Bronzestelen von Epidauros und an 
die Votivsammlungen der christlichen Wunderorte — in Erwartung und 
Hoffnung in gleichem Sinne erregt und gespannt worden ist. Es fällt auf, 
wenn man eine Sammlung von Bildern von Wunderheilungen (8) durchblättert, 
wie darin fast ausnahmslos erwartungsvolle Mengen von Zuschauern den 



Rätsel und Wunder der Heilung 



187 



Heilenden und den Kranken umrahmen und mit ihren durch Staunen und 
Neugier verzerrten Mienen und Gesten den Vorgang des Wunders erwarten 
und begleiten. Hellpach(r8) hat das Gesetz aufgestellt, daß die Nivel- 
lierung und Primitivierung des einzelnen mit dem Umfang der Gemeinschaft 
wachse, und zwar hinsichtlich ihrer Geschwindigkeit und ihrer Gründlich- 
keit, und er weist die Möglichkeit nicht von der Hand, daß, je primitivere 
Schichten des Seelischen dabei aufgerührt werden, dann auch Anlagen auf- 
brechen, die überhaupt noch nie psychisch sich geäußert hatten, sondern 
völlig latent schlummerten. Daß sich in leidenschaftlich erregten Massen eine 
direkte psychische Übertragung auf telepathischem "Wege noch durchsetzen 
könnte, wie das vielleicht in den großen Insektenstaaten als ursprünglicher, 
archaischer Weg der Verständigung geschehe, ist eine jüngst von Freud (19) 
aufgestellte Hypothese. 

Wir glauben auch zu wissen, welche die geheimen Wünsche und Regungen 
sind, die in frühester Jugend verdrängt später zur Neurose oder sogar Ver- 
irrung des Geistes geführt haben. Nur dem Licht- und Blitzgott und seinen 
direkten Abkömmlingen ist ihre ungehemmte Erfüllung erlaubt; wer von den 
Sterblichen oder Halbsterblichen darnach getrachtet hat, wird mit dem Blitze 
erschlagen oder von den Dämonen verfolgt und gepeinigt. Es ist der Inzest 
und damit unlösbar verbunden der Haß, die Auflehnung und die Aggression 
gegen den gleichgeschlechtigen Elternteil. Zum Helfer aber und Vermittler 
der Heilung wird der, der als Halbgott oder Heiliger den Zorn des Gottes 
auf sich genommen und erlitten hat, wie Äskulap, wie Mithras, wie Se- 
bastian. So verstehen wir auch, daß der Wiedergeburt eine Unio mystica und 
damit eine Befruchtung vorausgehen muß, wir verstehen die Bedeutung des 
Heilstabs, auf den sich Äskulap stützt, der Schlange, die ihn überall be- 
gleitet und die in den Träumen des Tempelschlafes immer wieder dem Kranken 
erscheint, des Schlüssels, der die Türe zur Befreiung öffnet, wie verstehen den 
Ausspruch, welcher der Bernadette die Gewißheit über die Vision in der 
Felsengrotte von Lourdes verschaffte. 

Mithras wird dargestellt, wie er den Weltenstier opfert, um dadurch die 
Menschheit zu erlösen. Vom Kranken, der sich vom Zorn und Groll der 
Götter erlösen will, wird ebenfalls ein Opfer gefordert und muß dargebracht 
werden. Es kann sich dabei, wie Götz Berndt(2o) darzulegen versucht, 
nicht etwa nur um einen Tausch oder Kauf handeln, sondern um eine Er- 
neuerung des Menschen. Um eines höher gewerteten Zieles willen bringt der 
Opfernde in magischer Weise sich selbst einen schmerzlichen Verlust bei, 
wobei es zu einer inneren Umwandlung kommt. Wir haben gehört, daß in 
der Urzeit so der Erstgeborene zum Opfer gebracht wurde, daß dann an seine 
Stelle das Tieropfer trat als Symbol des dargebrachten Triebes. Später wurde 



i88 



Arthur Kielholz 



dieses durch Geldopfer, d. h. durch anale Gaben abgelöst. Schon in Epidauros 
wird der, welcher die Gottheit um das Opfer zu betrügen sucht, durch Un- 
glücksfall oder Mißgeschick bestraft. In antiken wie in christlichen "Wall- 
fahrts- und "Wunderstätten finden wir in mehr oder minder kostbarer Dar- 
stellung die geheilten Glieder als Votivgaben zurückgelassen und geopfert. 

So stellt sich die Heilung, auch wenn sie in der wunderbarsten "Weise 
momentan aufzutreten scheint, dar als ein komplizierter und von vielfachen 
Voraussetzungen abhängiger Prozeß. Sie setzt voraus den "Willen zur Be- 
freiung von der Krankheit, die ja häufig als willkommener Schutz und Zu- 
fluchtsort vor den Ansprüchen der "Welt und des Lebens im Ernst gar nicht 
aufgegeben werden will, — man denke nur an alle die Begehrungs-, Renten- 
und Kriegsneurosen, — sie setzt voraus einen Befreier, der die nötigen Ein- 
sichten womöglich durch eigenes Erleben erworben hat, den Glauben des 
Kranken an ihn und seine Heilkraft, einen Glauben, der am ehesten durch den 
suggestiven und kumulierenden Einfluß einer gleichgesinnten Gemeinschaft 
und eines eindrucksvollen Milieus ausgelöst und verstärkt wird. Sie setzt 
ferner voraus den Glauben an die grollenden Götter, deren Zorn die Krank- 
heit verursacht hat und die durch ein Opfer, das einen schmerzlichen Verlust 
für die eigene Persönlichkeit und eine "Umwandlung dieser bedeutet, versöhnt 
werden können, sie setzt den Willen voraus, ein solches Opfer eigenmächtig 
und ohne Vorbehalt darzubringen. 

Die Heilung besteht in einer Überwindung der Dämonen, die das Ich über- 
fallen und gefesselt haben, in ihrer Zähmung und Domestikation, in dem, was 
Paracelsus (21) ein Fegefeuer nennt. Der geniale, in unmittelbarer Nähe des 
Wallfahrtsortes Einsiedeln in der waldigen Sihlschlucht geborene und 
aufgewachsene Erneuerer der Medizin hat in großartiger Anschauung die viel- 
fachen Bedingungen und Abhängigkeiten von Krankheit und Heilung zu er- 
fassen und zu schildern verstanden. 

Es ist ohne weiteres klar, daß die Herbeiführung und Zusammenstellung 
aller dieser Voraussetzungen nie ein plötzliches Ereignis sein kann, wenn sie 
auch in der "Wunderheilung dem ahnungslosen Zuschauer so zu erscheinen 
vermag, sondern daß sie den Endeffekt einer lange vorbereiteten, gleichsam 
unterirdischen Revolution darstellt, die sich in verschiedenen Tiefen des Be- 
wußten und Unbewußten entwickelt hat. 

Man wird uns einwerfen, daß diese Darlegungen vielleicht für neurotische 
und psychotische Prozesse eine gewisse Richtigkeit haben mögen, aber nicht 
für organische, körperliche Krankheiten. "Wir sind aber mit Alkan(22) der 
Auffassung, daß die Erkenntnismöglichkeiten durch die menschlichen Sinnes- 
organe und durch das Experiment trotz der fortgeschrittenen und raffinierten 
Technik so beschränkt sind, daß wir die Grenze von Seele und Körper und 



Rätsel und Wunder der Heilung 



189 



damit ihren gegenseitigen Einfluß nicht mit Sicherheit zu bestimmen ver- 
mögen. Die Intuition und die Einwirkung des Arztes auf den Patienten sind 
irrationale Momente. 

Wir erleben es täglich, wie Wille zum Leben und zum Gesundwerden auch 
über die schwersten körperlichen Krankheiten und bei den elendsten physi- 
schen Verhältnissen den Sieg davonzutragen vermag, und wie andererseits bei 
völliger oder fast gänzlicher Abwesenheit des seelischen Einflusses, also bei 
Idiotien oder schweren Verblödungszuständen auch die „massigen" Infektionen 
oder erheblichsten Verletzungen beim Wegfall psychogener Angst- und Furcht- 
reaktionen durch die Heilkraft einer unverwüstlichen Natur ohne besondere 
ärztliche Künste überwunden werden. Wir sind daher überzeugt, daß das 
Wunder der Heilung auch auf dem Gebiete der Körperkrankheiten vorkommt. 
Jedenfalls dürfen wir mit Mayer(i4) behaupten, daß das Erkennen der 
psychischen Haltung eines Kranken, das Einfühlen in seine Persönlichkeit min- 
destens gleichwertig neben das technisch-wissenschaftliche Rüstzeug des guten 
Arztes gehört. 

Es bliebe uns noch übrig, an Hand einzelner kasuistischer Fälle zu zeigen, 
wie es auch in der modernen Heil- und Pflegeanstalt gelingt, gewisse rätsel- 
hafte Heilungen zu erzielen, und wie dabei Bäder-, Fieber- und Schlafkuren, 
suggestive Massenwirkungen, psychotherapeutische Maßnahmen, Übertragungs- 
phänomene usw. die gleiche Rolle spielen wie außerhalb der gelben Mauern. 
Die Zeit fehlt uns dazu. 



Literatur 

1. Laur -Beiart, Die Erforschung Vindonissas unter S. Heuberger. Sep. Abdr. aus 
Argovia, Bd. XLIII. Aaarau 193 1. S. 6. 

2. D. K r e n c k e r, Die Trierer Kaiserthermen. Ausgrabungsbericht und grundsätzliche 
Untersuchungen römischer Thermen. Verl. Benno Filser. Augsburg 1929. Sonderbeitrag II. 
Bäder und Badewesen der Römer. Nach antiken Schriftstellern dargestellt von Dr. H. 
Wachsler. 

3. Laur-Belart, Grabungen der Gesellschaft pro Vindonissa im Jahre 1930. Sonder- 
abdruck aus dem Anzeiger für Schweiz. Altertumskunde, Heft 3. 193 1. S. 26. 

4. Jakob Burckhardt, Cicerone. Ges. Ausgabe Verl. Benno Schwabe Co. Basel, Bd. I. 
1933- S.45ff. 

5. Jahresbericht der Gesellschaft pro Vindonissa 1930/31, Vortrag von Prof. Dr. Schaz- 
mann, Genf, über seine Ausgrabungen in Pergamon, namentlich des Asklepiostempels. S. i. 

6. Franz Spunder, Epidauros, die Stätte des Heilgottes. Atlantis V. Juli 1933. S. 385. 

7. Rud. Herzog, Die Wunderheilungen von Epidauros. Ein Beitrag zur Geschichte der 
Medizin und der Religion. Philologus. Suppl. Bd. XII, Heft 3. Leipzig, Verl. Dietrich 193 1. 

8. Oskar Rosenthal, Wunderheilungen und ärztliche Schutzpatrone in der bildenden 
Kunst. Verl. F.C.W. Vogel, Leipzig 192 j. S. 29. 

8a. Erwin Roh de, Psyche. Seelenkult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen. Alf. 
Kröner Verl., Leipzig. 



igo 



Arthur Kielholz: Rätsel und Wunder der Heilung 



$. Paul Sara sin, Helios und Keraunos oder Gott und Geist. Zugleich Versuch einer 
Erklärung der Trias in der vergleichenden Religionsgeschichte. Verl. Wagnersche Univer- 
sitätsbuchh. Innsbruck 1924. 

10. J. Ze Hing er, Bad und Bäder in der altchristlichen Kirche. Ref. in N. Z. Z. No. 1694 
und 1702. Sept. 1933. 

11. Gaston Baissette, Leben und Lehre des Hippokrates. Aus dem Franz. von Dr. B. 
Hegner. Hippokratesverlag Stuttgart-Leipzig 1932. 

12. Oskar Pf ist er. Instinktive Psychoanalyse unter den Navahoindianern. Image XVIIL 
1932. S. 81. 

13. Geza Röheim, Die Psychoanalyse primitiver Kulturen. Imago XVIIL 1932. S. 549. 

14. Ludwig Mayer, Lourdes, Konnersreuth oder Gallspach? Verl. Uehlin, Schopfheim 
(Baden) 1932. 

15. Bericht der Schweiz. Gesellschaft für Psychoanalyse. I.Quartal 1929. Sitzung vom 
2. März Pfarrer Pfenninger: „Die Stigmatisierte von Konnersreuth". Int. Zeitschr. f. Psa. 
XV, 1929. S. 377. 

16. A. E. Ho che. Die Wunder der Therese Neumann von Konnersreuth. Verl. J. F. 
Lehmann, München 1933. 

17. A. Kielholz, Jakob Boehme. Ein pathographischer Beitrag zur Psychologie der 
Mystik. Verl. F. Deuticke. Leipzig 1919. S. 38. 

18. Willy Hellpach, Elementares Lehrbuch der Sozialpsychologie. Verl. J. Springer, 
Berlin 1933. S. 721. 

19. Sigm. Freud, Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. 
Int. psa. Verl. Wien 1933. S. 77. 

20. Goetz Bern dt. Die psychologischen Grundlagen des Opfers. Ref. im Zentralblatt 
f. ges. Neurologie und Psychiatrie, Bd. 67. S. 98 und: Die Bedeutung des Opfers bei den 
Völkern. Ref. N. Z. Z. 1933, No. 17J2. 

21. Paracelsus, Volumen Paramirum (Von Krankheit und gesundem Leben). Verl. Eug. 
Diederichs. Jena 1928. S. loj. 

22. Alk an. Anatomische Organkrankheiten aus seelischer Ursache. Hippokratesverl. 
Stuttgart 1930. 



Zur Psychologie des Dionysisdien 

Von 

AlexanderMcttc 

Berlin 

In einem der letzten Abschnitte des „Nachsommers" läßt Stifter den Frei- 
herrn von Risach, den Besitzer des Asperhofs, über die seelischen Voraus- 
setzungen seines Lebenswegs berichten. Der Leser muß den Eindruck gewin- 
nen, hier dem wichtigsten Bekenntnis des Romans gegenüberzustehen. Die 
Daseinssphäre der geschilderten Personen findet nämhch in der Gestalt dieses 
Mannes ihre ausgeprägteste Verkörperung. Er ist das Vorbild der andern, der 
ideelle Mittelpunkt des Buches. Die einzelnen, deren Schicksalsfäden sich mit- 
einander verknüpfen, erblicken in ihm eine Art geistiges Oberhaupt, das die 
Losungen ausspricht, welche für ihre Lebensform bestimmend sind. 

Diese, die Lebensform des vereinigten Freundeskreises, ist der eigentliche 
Gegenstand der Dichtung. Der Roman ist recht arm an äußeren Gescheh- 
nissen. Er verfährt, was solche anbelangt, bezeichnend genug, indem er sie 
nahezu vollständig in einen Rückblick zusammenpreßt, der erst kurz vor dem 
Abschluß eingefügt wird. In seinem ganzen übrigen Verlauf nimmt er uns 
für Schilderungen in Anspruch, die mit beharrlicher Genauigkeit Interessen 
und Gepflogenheiten behandeln, in denen das Leben der kleinen Menschen- 
gruppe aufzugehen scheint. 

Es sind eine Reihe von Betätigungen und Gewohnheiten, die uns der Dichter 
als selbstverständliche Erscheinungsformen eines einheitlichen Gesamtzustan- 
des erleben läßt. Seine Menschen setzen ihre Lebenskraft ausschließlich für 
die Pflege des Schönen, Wohlgeratenen und Reifen ein. Ihnen allen ist ein 
starkes Verhältnis zur Kunst eigen. Aber diese Beziehung hat ihre Besonder- 
heit darin, daß sie sich vorwiegend auf die bildende Kunst erstreckt und deren 
Bereich andererseits in bestimmter Richtung überschreitet. Neben bildneri- 
schen Werken sind es andere schöne , Gegenstände, um die sich die Gespräche 
und Unternehmungen des Buches drehen. Eine erstaunliche Rolle spielt das 
Sammeln schöner Steine und Steinarbeiten. Kunsthandwerk, Pflege von Ge- 
wächsen und Blumen, aber auch bauliche Ausgestaltung der Wohnsitze der 
Familien, Feinheiten der Kleidung, des Schmuckes und der Formen des geselli- 
gen Umgangs werden unserm Geiste in fast ermüdender Kleinzeichnung vor- 
gestellt. Daneben und dazwischen begegnet uns ein ungewohntes Maß an 
Ehrerbietung vor dem ordnenden Willen der nach Alter, Besitz und Reife 

i) Nach einem Vortrag in der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft am 24. Ok- 
tober 1933. 



überlegenen Gestalten. Ihr autoritatives Recht behauptet sich im ganzen der 
Erzählung schlechthin überzeugend, auch dort, wo es sich tiefer Leidenschaft 
der Jüngeren in den "Weg stellt. 

Eine Welt, die durch äußeren Wohlstand der Sorge um die bloße Existenz 
enthoben zu sein scheint, unterwirft sich strengen Gesetzen. Ihr Leben ent- 
wickelt sich in Maß und Ordnung, nimmt gewaltige Versagungen in Kauf und 
bewegt sich auf einen Zustand zu, innerhalb dessen der Begriff des Schönen 
zum Alleinregenten wird. Dieses ist der Aspekt des Buches. Ein Bild seeli- 
schen Verhaltens, das Verwandtschaft mit der Symptomatik des Analcharak- 
ters aufzuweisen scheint und uns schon wegen seiner nachbarlichen Beziehun- 
gen zu Erscheinungsformen der Zwangsneurose nicht als wirklichkeitsferne 
Erfindung anzumuten braucht. 



Der Bericht Risachs, von dem die Rede ist, beweist, daß unser Vergleich 
auf berechtigten Voraussetzungen beruht. Wir erfahren aus ihm, daß der 
Herr des Asperhofs einen Teil seines Lebens dem Staatsdienst gewidmet hat, 
diesen Wirkungskreis aber trotz bedeutender Erfolge als seiner Persönlichkeit 
durchaus nicht entsprechend betrachtet. Er empfindet eine bestimmte Regung 
seines Wesens als die hervorstechendste und eigentümlichste. Es ist ein auf 
die Herstellung konkreter Gebilde gerichteter Schaffensdrang, der sich schon 
früh in einer Neigung zum Zeichnen und Formen bekundet hat. 

„Ich zeichnete mit einem Rotstifte" — heißt es — „Hirsche, Reiter, Hunde, Blumen, mit 
Vorliebe aber Städte, von denen ich ganz wunderbare Gestalten zusammensetzte. Ich machte 
aus feuchtem Lehm Paläste, aus Holzrinde Altäre und Kirchen. Ich nenne diesen Trieb 
Schaffungslust. Er ist bei vielen Menschen mehr oder minder vorhanden. Eine noch 
größere Zahl aber hat die Bewahrungslust, von der der Geiz eine häßliche Abart ist. Selbst 
in späteren Jahren trat diese Lust nicht zurück. Da ich einmal an unserem schönen 
Strome zu wohnen kam und im ersten Winter zum ersten Male das Treibeis sah, konnte ich 
mich nicht sattsehen an dem Entstehen desselben und an dem gegenseitigen Anstoßen und 
Abtreiben der mehr oder minder runden Kuchen. Selbst in den nächstfolgenden Wintern 
stand ich oft stundenlange an dem Ufer und sah den Eisbildungen zu, besonders der Ent- 
stehung des Standeises ... In den Jünglingsjahren trat eine weitere Seite dieses Triebes her- 
vor. Ich liebte nicht bloß Gestalten, sondern ich liebte schöne Gestalten. Dies war wohl 
auch schon in dem Kindertriebe vorhanden. Rote Farben, sternartige oder vielverschlungene 
Dinge sprachen mich mehr an als andere. Es kam aber diese Eigenschaft damals weniger 
zum Bewußtsein. Als Jüngling begehrte ich die Gestalten, wie sie als Körper aus der Bild- 
hauerei und Baukunst hervorgehen, als Flächen, Linien und Farben aus der Malerei, als 
Folge der Gefühle in der Musik, der menschlich sittlichen und der irdisch merkwürdigen 
Zustände in der Dichtkunst. Ich gab mich diesen Gestalten mit Wärme hin und verlangte 
Gebilde, die ihnen ähnlich sind, im Leben. Felsen, Berge, Wolken, Bäume, die ihnen 
glichen, liebte ich, die entgegengesetzten verachtete ich." 



Die weiteren Ausführungen behandeln die Problematik, die zwischen 
Neigung und Berufspflicht entstand. 

„In jedem Falle" — lautet die eigene Beurteilung — „waren die Kräfte, die sich in mir 
regten, dem Wirken eines Staatsdieners eher hinderlich als förderlich. Sie verlangten Ge- 
stalten und bewegten sich um Gestalten. So wie aber der Staat selber die Ordnung der 
gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen ist, also nicht eine Gestalt, sondern eine 
Fassung: so beziehen sich die Ergebnisse der Arbeiten der Staatsmänner meist auf Beziehun- 
gen und Verhältnisse der Staatsglieder oder der Staaten, sie liefern daher Fassungen, nicht 
Gestalten. So wie ich in der Kindheit oft den abgezogenen Begriffen eine Gestalt leihen 
mußte, um sie halten zu können, so habe ich oft in gereiften Jahren im Staatsdienste, wenn 
es sich um Staatsbeziehungen, um Forderungen anderer Staaten an uns oder unseres Staates 
an andere handelte, mir die Staaten als einen Körper und eine Gestalt gedacht und ihre 
Beziehungen dann an ihre Gestalten angeknüpft. Auch habe ich nie vermocht, die bloßen 
eigenen Beziehungen oder den Nutzen unseres Staates allein als das höchste Gesetz und die 
Richtschnur meiner Handlungen zu betrachten. Die Ehrfurcht vor den Dingen, wie sie an 
sich sind, war bei mir so groß, daß ich bei Verwicklungen, streitigen Ansprüchen und bei 
der Notwendigkeit, manche Sachen zu ordnen, nicht auf unseren Nutzen sah, sondern auf 
das, was die Dinge nur für sich forderten, und was ihrer Wesenheit gemäß war, damit sie 
das wieder werden, was sie waren, und das, was ihnen genommen wurde, erhalten, ohne 
welches sie nicht sein können, was sie sind. Diese meine Eigenschaft hat mir manchen 
Kummer bereitet, sie hat mir hohen Tadel zugezogen; aber sie hat mir auch Achtung und 
Anerkennung eirlgebracht." 

Es ist nicht schwer, die Parallele herauszuarbeiten, die zwischen einer An- 
zahl der hier genannten Eigenheiten und typischen "Wesenszügen des analen 
Charakterbildes wahrzunehmen ist. Ein gewisser Eigensinn in der Betrachtung 
der Dinge, ein ungewöhnliches Verlangen nach Ordnung, Sauberkeit, Reinheit, 
dazu eine Tendenz zum Festhalten und zum Schaffen geformter materieller 
Substanz lassen den Vergleich von vornherein als erlaubt erscheinen. "Wäre 
dies allein noch unzureichend, so könnten wir zur Vervollständigung des Ein- 
drucks auf Einzelheiten wie die beiläufige Erwähnung des Geizes, das Zeich- 
nen, das Spielen und Formen mit feuchtem Lehm und die Freude an dem 
Eisschollenschauspiel hinweisen. Doch der Gewinn dieser Betrachtung ist 
nicht allzugroß. "Wenn sie uns auf eine vielleicht bedeutungsvolle Beteiligung 
analer Tendenzen an der in dem Buche vorherrschenden Seelenhaltung auf- 
merksam macht, so ist diese unserem Verständnis damit noch nicht wesentlich 
nähergerückt. "Wir mögen eine noch größere Reihe wichtiger Elemente in 
diesem Sinne deuten können; die schwerer wiegende Frage, in welcher "Weise 
ein Strukturbild zustandekommt, das sich von anderen analen Phänomenen 
absondert, ist durch solche Ermittlungen überhaupt noch nicht berührt. 



Folgen wir anderen Deutungsversuchen, so muß vor allen sonstigen 
Nietzsches Definition des apollinischen Kunstprinzips Erwähnung finden, 

Imago XX/2 13 



194 Alexander Mette 



weil sie den großartigsten Versuch darstellt, den Sinn dieser Erscheinung mit 
weitgehend biologisch orientierten, wenn auch der Sache nach spekulativen 
Begriffen zu erfassen. Denn eins, was hierbei stillschweigend vorausgesetzt 
wird, nämlich, daß diese Stift er sehe Gestaltenwelt mit der apollinischen 
Kunstsphäre, also der klassischen Plastik und dem Epos der Griechen, gleich- 
zustellen ist, bestätigt uns alsbald die weitere Vertiefung. 

Nietzsche glaubte, das Wesen der griechischen Plastik und des homeri- 
schen Epos darin zu ergründen, daß er die Schönheit und Vollkommenheit, 
das Maßvolle und Dauergültige ihrer Gestalten aus einem traumhaften Er- 
leben ableitete, in welchem sich der apollinische Künstler aus der Vergänglich- 
keit und Verworrenheit der äußeren Wirklichkeit zur Anschauung der idealen 
"Wesenheiten erhob. Apoll, der Gott des Traumes, der Weisheit, des Maßes 
und des Lichtes wird von ihm als Inbegriff einer Seelenhaltung verstanden, 
welche der — Werden und Vergehen unterworfenen — menschlichen Sphäre 
Verkörperungen unvergänglicher Seinsgehalte gegenüberzustellen vermag. 
Das Schauen, das Innewerden des Sinnes oder Wesens und das unmittelbare 
öder mittelbare (plastische oder verdichtende) Nachschaffen des Erschauten 
sind die Elemente dieses Kunstbezirks. Es handelt sich in ihm um dieselbe 
Sehnsucht nach Gestaltenschöpfung und das gleiche Prinzip der Ehrfurcht 
vor dem Seienden, die uns in unserem Zitat begegnet sind. Wir fühlen uns 
daher zu der Frage genötigt und berechtigt, ob der Gesichtswinkel, den wir 
dort herangetragen haben, auch an das so erweiterte Phänomen angelegt wer- 
den kann. 

Der Gedanke, das apollinische Prinzip auf seinen etwaigen Gehalt an analen 
Strebungen zu untersuchen, braucht uns nicht allzu verwegen anzumuten, da 
die anale Komponente im bildnerischen Schaffen uns im allgemeinen gar nicht 
zweifelhaft erscheint. Was sich zunächst als Einwand melden möchte, die 
traditionelle Vorrangstellung des Auges und des Lichtes in der Sphäre Apolls, 
verliert bei näherer Betrachtung einen Teil seiner vermeintlichen Beweiskraft. 
Wir wissen, daß die optische Beziehung des Kindes zum Kot in der analen 
Phase große Bedeutung gewinnt, ja daß sie als die von den sonstigen Ver- 
boten am wenigsten behelligte — sozusagen als einziger erlaubter Ersatz für 
alles übrige — tatsächlich zu einer Art Vorrangstellung gelangt. So liegt es 
nicht so fern, wie es vermutet wird, zwischen beiden Bereichen eine Brücke 
zu schlagen. Wir wissen jedoch weiter, daß das Licht als Element des Reinen 
in polarem Verhältnis zum Gegensatz des Reinen, dem analen Schmutz, steht, 
und aus diesem Grunde nach der Verpönung des Schmutzes zu seinem Ver- 
treter werden kann. Das Weiße wie andererseits das Farbenprächtige, beides 
Elemente des Apollinischen, erhalten unserer Kenntnis nach einen Teil ihres 



Zur Psychologie des Dionysischen 



195 



seelischen Wertes aus der gleichen, dem Erwachsenen sehr schwer zugänglichen 
Vertauschung. 



Ein anderer Bestandteil leitet jedoch erst zu einem weiter ausholenden Stand- 
ort über. "Wir dürfen nämlich auch das Verlangen, etwas Unvergängliches zu 
schaffen, mit einer analen Situation in Vergleich bringen, und zwar mit der 
Enttäuschung des Kindes über die Vergänglichkeit seines ersten belangvolleren 
Schaffensprodukts. Lernt doch das Kind in seiner Beziehung zu dem analen 
Exkrement zum erstenmal in höchst konkreter Form die Vernichtung eines 
Stückes von seinem Selbst und noch dazu eines Stückes, mit dem wirklich 
ein Schaffensakt verknüpft war, kennen. Der Wunsch, etwas Dauergültiges zu 
produzieren, wird wohl nie die Verbindung mit dieser Quelle ganz verlieren, 
und sein Anteil an einer ausgesprochen auf Unvergänglichkeit Anspruch er- 
hebenden Produktion ist sicher nicht so leicht zu hoch beziffert. Wir haben 
guten Grund, gerade die apollinische Kunst als die am stärksten mit dieser 
Tendenz ausgestattete anzusehen, was in der folgenden Gegenüberstellung mit 
der dionysischen noch deutlicher werden wird. Das Bestreben, den geschaffe- 
nen Gestalten Ewigkeitswert zu geben, läßt sich bei ihr aus mannigfaltigen 
Einzelzügen nachweisen. Dahin gehört im innersten Räume ihrer Er- 
scheinungsweise die Ehrfurcht vor dem So-Sein jedweder Gestalt und das 
Verlangen, das in der äußeren Wirklichkeit vorgefundene Bild in das Abbild 
der dahinter verborgenen „Wesenheit" umzuwandeln, „Vorbilder" zu schaf- 
fen, die über die Anfechtbarkeit der mit Mängeln behafteten Individualität 
erhaben sind. 

Nietzsche bestimmt den Sinn der apollinischen Kunst ganz eindeutig in 
dieser Richtung. Der im apollinischen Traum befangene Künstler sieht nicht 
mehr auf die Individuen der wirklichen Umwelt. Die Scheinwelt, deren An- 
blick er genießt, hebt ihn aus den gewöhnlichen menschlichen Beziehungen 
heraus. Er liebt die Gestalten dieses Scheines, gelangt aber der wirklichen 
Umwelt gegenüber in jene Zweiteilung seiner Gefühle, von der wir bereits in 
dem Stift er- Zitat gehört haben. Es wird bei dieser Haltung nur ein Aus- 
schnitt aus der äußeren Welt geliebt, nämlich diejenigen Objekte, die der 
„Welt des Scheines" gleichen. Die anderen fallen der Verachtung anheim. 

Zunächst scheint dieses Verhalten mit jener Angabe in Widerspruch zu 
stehen, welche behaupten will, daß gerade die Ehrfurcht vor den Dingen ein 
Charakteristikum des Apollinischen sei. Richtig verstanden decken sich diese 
Tendenzen jedoch sowohl in ihrer Herkunft als in ihrer Auswirkung. Es ist 
offenbar das Eigentümliche der apoUinischen Struktur, daß sie den Menschen 
befähigt, seine grausamen Regungen durch Verneinung eines Teiles der Objekt- 



igB Alexander Mette 



weit ZU befriedigen, während in den höheren Bewußtseinsschichten, aber 
nicht nur in diesen, das entgegengesetzte Prinzip gleichzeitig verstärkt wird 
und sich an einer Auswahl erlesener "Wesen betätigt. In der einen wie in der 
andern Schicht spielt sich ein innerer „Verdauungsprozeß" an den Außen- 
dingen ab, dessen eines Resultat die Vernichtung (Verachtung), dessen anderes 
die Reinigung (Vollendung) ist. Beide können aber auch hintereinanderge- 
schaltet aufeinanderfolgen, und darin werden wir das Übliche und für das 
Strukturbild Typische zu erblicken haben. Die wirkliche Welt wird in ihm 
zuerst vernichtet, im negativen Sinne verdaut, dann kann, nachdem eine Um- 
wandlung ins Gegenteil (in die „Vollkommenheit") stattgefunden hat, eine 
sekundäre Wiederzuwendung erfolgen, innerhalb welcher nun dem Einzel- 
gebilde um so schonender begegnet wird. 

In der Praxis finden wir dieses Verfahren am einfachsten in dem Phänomen 
des apollinischen Totenkults dargestellt. Der Hymnus auf den verstorbenen 
Helden und sein plastisches Ehrenbild, die beide zu den apollinischen Wurzeln 
der griechischen Tragödie zu gehören scheinen, verraten uns viel über die un- 
bewußten Voraussetzungen dieses Geschehens. Die Idealisierung und Ver- 
ewigung des Verstorbenen, die große Weihe der Gestalt nach ihrem Tode, 
ihre Einreihung in die Oberwelt der Vorbilder, belehrt uns, wenn wir sie mit 
unserem Material vergleichen, über den komplizierten Bau der ganzen Er- 
scheinung. Es ist nämlich auch in der Welt, die Stifters Roman vor uns 
aufrichtet, ein Lebensbezirk gleichsam ausgelöscht, bevor das Gestalt gewinnt, 
was den Gehalt des Buches ausmacht. Die beiden Hauptfiguren, Risach und 
Mathilde, die die Lebensform der anderen bestimmen, sind auf dem Boden 
des Verzichtes auf ihre gegenseitige Verbindung in ihre spätere Daseinsart 
hereingewachsen. In Hinsicht auf unmittelbare Triebbeziehungen seiner 
Menschen zueinander verläuft der Roman außerordentlich ereignislos. Ihr 
Platz wird statt dessen von einem ungewöhnlich ausgebildeten, im Weiten 
wie im Kleinen sorgfältigst abgewogenen Gefühlskomplex gegenseitiger Ehr- 
erbietung eingenommen. Vom Tode ist nicht eigentlich die Rede, so wenig, 
wie von der Schöpfung neuen Lebens. Doch die Verlustliste, die der die Vor- 
geschichte behandelnde Rückblick zusammenstellt, reicht soweit, daß sie die 
Hauptgestalt lückenlos aller Angehörigen beraubt. So ist dieser Risach wirk- 
lich ein bereits vom Leben Verabschiedeter, und der „Nachsommer", den er 
genießt, eine olympische Ruhewelt, die sich allein an der Pracht der Gestal- 
tungen und der Anschauung ausgewählter Objekte sättigt. 



Wenn wir sagen zu dürfen glauben, daß im Unbewußten des apollinischen 
Künstlers ein Tötungsimpuls regiert, der dann sekundär in das Gewand der 



Zur Psychologie des Dionysischen 



197 



Ehrerbietung, Verehrung und Schonung gekleidet wird, so ist jedoch noch 
ein weiterer Gesichtspunkt hinzuzuziehen, um die Besonderheit des Phänomens 
zu treffen. Es muß nämlich auf das Fehlen einer tröstenden, der Grausam- 
keit aus dem Transzendenten entgegenkommenden Jenseitsidee hingewiesen 
werden. Die Idealisierung geschieht hier in einer Weise, bei der unmißver- 
ständlich an den Lebensattributen, den Eigenschaften und der Körperlichkeit 
der verehrten Gestalt festgehalten wird. Ihr Unvergänglichwerden vollzieht 
sich nicht durch Auflösung in eine geistige Entkörperung. Es handelt sich 
vielmehr um ein Nachschaffen, das sich die Wiederverkörperung zu ewiger 
Gegenwart zum Ziel gesetzt hat. Eine Leistung also, die der Wirklichkeit 
des Sterbens wie dem Tötungsimpulse mit ganz besonderem Aufwand in den 
Weg tritt. 

Diese Eigentümlichkeit des apollinischen Schaffens bliebe ungeklärt, sofern 
man nicht der großen Bedeutung narzißtischer Tendenzen in seinem Unter- 
bau gerecht würde. Den Tod zu leugnen, nicht sterben zu wollen, dies scheint 
eine entscheidende Grundlage solcher Manifestationen zu sein, und wir gehen 
gewiß nicht fehl, wenn wir uns diesen Abscheu aus einer sehr gesteigerten 
narzißtischen Besetzung des Ichs entstanden denken. Mit dieser Annahme 
läßt sich nun sehr viel von dem zuvor Beschriebenen in Einklang bringen. 
Das Gebaren der Stift er sehen Personen läßt sozusagen auf Schritt und 
Tritt (und der Leser begleitet sie auf einem reichlich langen Weg!) eine aus- 
geprägte narzißtische Empfindlichkeit erkennen. Sie verhalten sich wie ge- 
wisse ungewöhnlich artige Kinder, die das, was Eltern und Lehrer von ihnen 
fordern, unter Aufgabe anderer Befriedigungsmöglichkeiten von sich erzwin- 
gen, und die, nachdem ihnen dies zur Gewohnheit geworden ist, mit Selbst- 
verständlichkeit die Achtung vor ihrer eigenen Person erwarten, die sie ihrer- 
seits jenen entgegenbringen. Die Größe der Versagungen, die ihnen zugemutet 
werden, verstärkt in diesem Fall die Ehrerbietung vor dem gebietenden andern 
wie die ähnlich geartete Einstellung zum eigenen Ich. Es ergibt sich daraus 
jenes große, die ganze Person ergreifende Maßgesetz, nach welchem alle Hand- 
lungen geordnet werden. 

Träfe die ohne Frage irrige Voraussetzung zu, daß beim apollinischen Men- 
schen, ähnlich wie beim Kinde in der Latenzzeit, relativ geringe sexuelle 
Triebenergien bestünden, so wäre dieser psychische Zustand wenig proble- 
matisch. Doch es fehlt für diese Annahme jeghche Berechtigung. Das schein- 
bar konfliktlose „harmonische" Bild, das er äußerlich darbietet, würde gröblich 
mißverstanden, wenn man die Bedeutung der inneren Schaltungen, die wir 
skizziert haben, in ihrem quantitativen Werte unterschätzte. Es handelt sich 
um ein Nachgeben auf den Druck äußerer und dann in dieser spezifischen 
Weise verinnerlichter Gebote hin, und es entspricht dem durchaus, daß der 



aus der Vergangenheit nacherzählte Liebesroman zwischen Risach und Ma- 
thilde zwar mit Versagung und Verzicht geendet hat, aber doch alle Akzente 
echter Leidenschaft aufwies. 

"Wir kommen daher nicht umhin, die Ehrerbietung vor den Versagung 
heischenden Eltern und Elternvertretern als eine Reaktionsbildung gegen die 
auf sie gerichteten Todeswünsche aufzufassen, wobei wir nun allerdings einen 
Anteil an deren so weitgehendem Gelingen der ungewöhnlichen Stärke des 
Narzißmus zuschreiben. Die apollinische Struktur gestattet demnach in 
knapper Formulierung etwa folgende Interpretation: Es wird in ihr unter der 
Wirkung der elterlichen Verbote auf die Befriedigung der genitalen Inzest- 
wünsche verzichtet. Die Versagungen rufen jedoch unter starker Wieder- 
belebung anal-sadistischer Tendenzen lebhafte Tötungsimpulse wach. Diesen 
gesellen sich, aus dem gleichen Bezirk stammend, Bewahrungswünsche bei, 
denen aus der im Narzißmus wurzelnden und mitmobilisierten Verleugnung 
des Todes ein mächtiger Bundesgenosse entsteht. Die Tötung der zunächst 
geliebten, dann feindlich empfundenen Objekte wird auf dieser Basis durch 
ihre Verehrung und Verewigung ersetzt. Indem sie zu dauergültigen Vor- 
bildern erhoben werden, identifiziert sich das Ich nun gleichzeitig mit ihnen 
und erreicht somit auf einem Umweg doch noch, daß es sich vorstellen kann, 
von den ursprünglich begehrten Objekten geliebt zu werden. 



Vergleichen wir dieses Strukturbild mit dem der Zwangsneurose, so fällt 
vor allen Dingen auf, daß trotz der Übereinstimmung in dem Nachweis anal- 
sadistischer Triebe ein sehr deutlicher und wichtiger Unterschied besteht. Es 
fehlt dem apollinischen Zustand jene bedrückende Macht und Strenge des 
Über-Ichs, die für die Zwangsneurose charakteristisch ist. Trotz gewisser 
verwandter Züge wird hierdurch ein Gegensatz begründet, der ausschlag- 
gebend ist und der sich ja auch aus dem äußeren Erscheinungsbilde unge- 
zwungen ablesen läßt. 

Der apollinische Mensch vermag zu den verbietenden Objekten eine Ein- 
stellung aufrechtzuerhalten, die ihn davor bewahrt, die Destruktionstendenzen 
und ihre Auswirkungen in sein eigenes Inneres zu übernehmen. Er lebt nicht 
innerhalb eines wechselvollen Kampfes zwischen Haßbetätigung und Haßab- 
wehr, sondern erlangt auf dem Boden starker narzißtischer Ansprüche und 
Befriedigungen eine relative Freiheit, die durch das Maßgesetz begrenzt ist. 
Dieses, das wir als das ästhetische dem moralischen Gesetz gegenüberstellen 
müssen, erwächst aus dem eigentümlichen Ineinanderspiel der Regungen und 
Reaktionen, um deren Ermittlung wir uns bemüht haben. Seine Entstehung 
ist an das besonders geartete Zusammenspiel der namhaft gemachten Kräfte 




f 

^H geknüpft. Es ist daher nicht ein allgemeingültiges Gesetz der Menschen über- 
^B haupt, sondern das Gesetz dieses bestimmt organisierten Typus. 
^B Der Schaffensdrang, der uns als ebenfalls wichtiger Bestandteil der apollini- 

H sehen Haltung erscheinen muß, ist als solcher offenbar elementarer aus der 
^K Wiederbelebung der analen Situation abzuleiten. Zu dem, was er im apollini- 
^m sehen Menschen wird, gelangt er jedoch zweifellos auch erst durch die Be- 
H Ziehungen, die von dieser Quelle aus mit jenen anderen Strebungen aufgenom- 
H men werden. Eine der wichtigsten Verknüpfungen mit dem Narzißmus be- 
H ruht auf dem Umstand, daß das Verhältnis zu dem Produkt, um das es sich 
H hier handelt, ein Herrschaftsverhältnis ist, in dem das Ich sich als Allein- 
H regent fühlt. Dieses ist die Grundlage für die Möglichkeit jener Verschiebung 
des Narzißmus vom Ich auf das geschaffene Gebilde, welche die psycho- 
analytische Kunstwissenschaft seit langem in ihrer Bedeutung verstehen ge- 
lehrt hat. 

Für den apollinischen Menschen ist diese Stellung zu seinem Produkt grund- 
sätzliche Vorbedingung. 

„Ich hatte", heißt es in Risachs Selbstkritik, die wir dazu noch einmal heranziehen 
wollen, „von Kindheit an, freilich ohne es damals oder in den Jugendjahren zu wissen, 
zwei Eigenschaften . . . Ich war erstens gerne der Herr meiner Handlungen. Ich entwarf 
gerne das Bild dessen, was ich tun sollte, selbst und vollführte es auch gerne mit einer 
alleinigen Kraft. Daraus folgte, daß ich schon als Kind, wie meine Mutter erzählte, eine 
Speise, ein Spielzeug und dergleichen lieber nahm, als mir geben ließ, daß ich gegen Hilfe 
widerspenstig war, daß man mich als Knaben und Jüngling ungehorsam und eigensinnig 
nannte, und daß man in meinen Männerjahren mir Starrsinn vorwarf. Das hinderte aber 
nicht, daß ich dort, wo mir ein Fremdes durch Gründe und hohe Triebfedern unterstützt 
gegeben wurde, dasselbe als mein Eigenes aufnahm und mit der tiefsten Begeisterung durch- 
führte . . . Eine zweite Eigenschaft von mir war, daß ich sehr gerne die Erfolge meiner 
Handlungen von jedem Fremdartigen gesondert vor mir haben wollte, um klar den Zusam- 
menhang des Gewollten und Gewirkten überschauen und mein Tun für die Zukunft regeln 
zu können. Eine Handlung, die nur gesetzt wird, um einer Vorschrift zu genügen oder eine 
Fassung zu vollenden, konnte mir Pein erregen ... Ich wollte immer am Grundsätzlichen 
ändern und die Pfeiler verbessern, statt in einem Gegebenen nach Kräften vorzugehen, ich 
wollte die Zwecke allein entwerfen, und wollte jede Sache so tun, wie sie für sich am besten 
ist, ohne auf das Ganze zu sehen, und ohne zu beachten, ob nicht durch mein Vorgehen 
anderswo eine Lücke gerissen werde, die mehr schadet, als mein Erfolg nützt." 



Es ist ein Vorzug der Kunstlehre Nietzsches, daß sie dem Irrtum von der 
Gültigkeit eines bleibenden allgemeingültigen Formgesetzes von vornherein 
ausgewichen ist und damit auf der Seite derer steht, die der Mannigfaltigkeit 
der seelischen Erscheinungen besser gerecht zu werden wissen, als frühere 
Kunstbetrachter vermochten. Noch größer ist jedoch der "Wert, der dariij 
liegt, daß sie die Phänomene so zentral wie zunächst denkbar zu erfassen sucht, 



200 Alexander Mette 



indem sie die künstlerischen Erlebnisse, die sie behandelt, ganz in die Mitte 
ihrer philosophischen Spekulation rückt. 

Wir haben ihre Definition des Apollinischen benutzt, um mit unserer Dar- 
stellung möglichst bald in medias res zu gehen, und tun jetzt gut, uns des 
gleichen Mittels zu bedienen, wenn wir uns dem eigentlichen Thema dieser 
Erörterung zuwenden. 

Die Grundthese der Nietzsche sehen Kunstphilosophie ist die Behauptung, 
daß der Künstler nicht als subjektives Wesen schaffe, sondern zuvor einen 
Zustand erreiche, der ihn von seiner Subjektivität befreit. Beim apollinischen 
Künstler ist dieses Stadium im apollinischen Träumen gegeben. Die Erhebung 
zu den großen Bildern dieser Scheinsphäre beseitigt alle Reste seiner früheren 
Zuständlichkeit in ihm und macht ihn zum Offenbarer der Gehalte, die er 
erschaut. 

Der Weg zum dionysischen Schaffen verläuft gleichsam in umgekehrter 
Richtung. Der Gott des Rausches ist das Sinnbild eines Zustandes, in dem 
der Mensch seine bisherigen Vorstellungen und sein sonst empfundenes Ich- 
gefühl gegen eine Einswerdung mit dem All eintauscht. Taumel und Trun- 
kenheit lassen die Ansprüche und Begriffe der gewohnten Tageswelt schwin- 
den, während zugleich unter dem Eindruck der erlebten Grenzenlosigkeit 
die affektiven Regungen, Liebe und Haß zum Durchbruch gelangen. Dieses 
ist nach Nietzsches Definition der Zustand des lyrischen Schaffens. 
Archilochos, in dem er verkörpert ist, ist weit davon entfernt, Gestaltungen 
der olympischen Sphäre zu schaffen, wie Homer und die Plastiker es tun. 
Seine Dichtungen sind wilde Lieder der Leidenschaft, so zum Beispiel Ent- 
hüllungen seiner Begierde und seines Hasses vor den Töchtern des Lykambes, 
die ihn abgewiesen haben. 

Wir dürfen diese Affektentladungen nach Nietzsches Interpretation 
nicht als Äußerungen des Individuums Archilochos nehmen. Sie sind, 
richtig begriffen, Lautwerdung des Ur-Einen, das in der Tiefe der Individuali- 
tät als Grundstrom verborgen ist, und in das der Mensch, während der dich- 
terische Prozeß in ihm ablief, zurücktrat. Nur so ist die ihnen angemessene 
Würdigung möglich. Nichts wäre ungerechter, als diese Voraussetzung außer 
acht zu lassen. 

Wird hiermit der dionysische Künstler grundsätzHch unter den gleichen 
philosophischen Gesichtswinkel gestellt wie sein Gegenbild, so wird ihnen 
andererseits auch beiden die gleiche seelische Aufgabe zugesprochen. 
Nietzsche glaubt nämlich, in beiden Zuständen und ihren Mittlern die 
Aufgabe entdecken zu können, den griechischen Menschen über die Tatsache 
der VergängUchkeit zu trösten. In welchem Sinne er dies vom apollinischen 
Künstler behaupten konnte, ist uns bereits vertraut und unserer eigenen Auf- 



fassung zum Teil zunutze geworden. Was er analog dazu über den dionysi- 
schen aussagt, ist unschwer zu erraten: Dieser vermittelt seinen Zuhörern, in- 
dem er sie seine Affekte nacherleben läßt, das Erlebnis jener Einswerdung mit 
dem All und vermag sie dadurch aus ihrer Vereinzelung und damit aus der 
dieser anhaftenden Vergänglichkeit zu erlösen. 



Dieser philosophischen Konstruktion macht Nietzsche die Überlieferung 
des Dionysosmythos dienstbar, welche von der Zerstückelung des Gottes 
durch seine Feinde und seiner späteren Wiedergeburt handelt. Der Klage 
über die Zerreißung des Gottes entspricht eine tiefe Klage der Natur über ihre 
Zerreißung in Individuen, die im Taumel der dionysischen Feste zum Schwei- 
gen gelangt, weil das Individuum hier in das ganze des Ewig-Einen zurück- 
sinkt. 

Wir glauben an dieser Stelle die psychischen Grundlagen durchschimmern 
zu sehen, die Nietzsche in seiner bildlichen, zu Personifizierungen neigen- 
den Sprache beschreibt. Das Element der Zerreißung und Zerfleischung, das 
zum Kern des Dionysosmythos gehört, lenkt unsere Aufmerksamkeit nämlich 
auf die Thematik des Oralen, die für den Mythos wie den Kult des Gottes in 
beherrschendem Ausmaße kennzeichnend ist. 

Der Gott des Taumels und der Trunkenheit, den spätere Zeiten gern in 
seichter Verflachung seines ursprünglichen Sinnes als Inbegriff heiterer, gut- 
mütig-behaglicher Vergnüglichkeit reproduziert haben, war für die Griechen 
zugleich der exquisit grausame, furchtbare und unheilvolle. Die Mythen, die 
sein Tun und sein Geschick behandeln, wissen von grauenvollen Ausbrüchen 
der Blutgier. Wie er selbst von seinen Widersachern, in anderer Version so- 
gar von seinem Gefolge, zerfleischt wird, so gilt er seinerseits als schonungs- 
loser Vernichter, dessen Jagdleidenschaft und jähen Tötungsimpulsen tierisches 
und menschliches Leben zum Opfer fällt. 

Folgen wir Nietzsches Charakterisierung zunächst noch um ein weiteres 
Stück, so wird deutlich, daß er die der Gottheit innewohnende Ambivalenz 
außerordentlich tief empfunden hat. 

„Unter dem Zauber des Dionysischen", heißt es einerseits, „schließt sich nicht nur der 
Bund zwischen Mensch und Mensch wieder zusammen; auch die entfremdete, feindliche oder 
unterjochte Natur feiert wieder ihr Versöhnungsfest mit ihrem verlorenen Sohne, dem 
Menschen. Freiwillig beut die Erde ihre Gaben, und friedfertig nahen die Raubtiere der 
Felsen und der Wüste. Mit Blumen und Kränzen ist der "Wagen des Dionysus überschüttet: 
unter seinem Joche schreiten Panther und Tiger . . . Jetzt bei dem Evangelium der Welten- 
harmonie, fühlt sich jeder mit seinem Nächsten nicht nur vereinigt, versöhnt, verschmolzen, 
sondern Eins, als ob der Schleier der Maja zerrissen wäre und nur noch in Fetzen vor dem 
geheimnißvoUen Ur-Einen herumflatterte. Singend und tanzend äußerte sich der Mensch 



202 Alexander Mette 



als Mitglied einer höheren Gemeinsamkeit: er hat das Gehen und das Sprechen verlernt und 
ist auf dem Wege, tanzend in die Lüfte emporzufliegen." 

Djeser Schilderung steht an anderer Stelle der Hinweis auf ein lethargisches 
Element gegenüber. Nietzsche schreibt nämlich dem dionysischen Erlebnis 
zugleich ein Teilhaftwerden an einem unüberbietbar grausamen Wissen zu. 

„In diesem Sinne", heißt es, „hat der dionysische Mensch Ähnlichkeit mit Hamlet: beide 
haben einmal einen wahren Blick in das Wesen der Dinge getan, sie haben erkannt, und es 
ekelt sie zu handeln; denn ihre Handlung kann nichts am ewigen Wesen der Dinge ändern, 
sie empfinden es als lächerlich oder schmachvoll, daß ihnen zugemutet wird, die Welt, die 
aus den Fugen ist, wieder einzurichten. ... die wahre Erkenntnis, der EinbHck in die grauen- 
hafte Wahrheit überwiegt jedes zum Handeln antreibende Motiv, bei Hamlet sowohl als bei 
dem dionysischen Menschen." 

Die Seelenlage, die uns hier vor Augen geführt wird, entspricht unverkenn- 
bar Zuständen, die wir im Krankheitsbilde der Melancholie anzutreffen pfle- 
gen. Dem Melancholiker eignet sehr häufig gerade diese Beziehung zur Welt, 
bei der ein vermeintliches Besserwissen um das Letzte der Lebensfragen als 
Grund für einen vollständigen Ekel vor allem Handeln angegeben wird. "Wir 
erklären uns diesen Überdruß als einen Abkömmling des furchtbaren "Wider- 
streites, den wir im Melancholiker zwischen seinen kannibalistischen Wün- 
schen und ihrer Abwehr vorhanden wissen. Das schreckliche Tiefenbild vom 
Weltganzen, von dem er spricht, ist ein Spiegel seiner eigenen grausamen 
Regungen, Seine Furchtbarkeit ist gleichzeitig auch ein Ergebnis der Betäti- 
gung dieser Regungen, insofern nämlich jenes „Durchschauen", dessen er sich 
zu einem Teile rühmt, einen Ersatz für das Zerbeißen und Zerstückeln be- 
deutet, das sein Unbewußtes an den geliebten und gehaßten Objekten vor- 
nehmen möchte. 

Unser "Vergleich mit diesem klinischen Bilde lädt einigermaßen selbstver- 
ständlich dazu ein, der anderen Seite der dionysischen Haltung eine Be- 
ziehung zum Bilde der Manie zuzusprechen. Tatsächlich müssen wir diese 
Perspektive billigen, da sich bei weiterer Bearbeitung ein reichlicher Material- 
schatz ansammelt, der sie bestätigt. 



Zur Veranschaulichung der Zusammenhänge zwischen diesen Phänomenen 
soll uns in erster Linie ein Auszug aus einem Stoffgebiet dienen, das ich mehr 
deskriptiv in einer Monographie behandelt habe, deren baldige Veröffent- 
lichung in Aussicht steht. Es handelt sich um eine Dichtung und um einen 
Dichter, die alle typischen Züge des Dionysischen in bemerkenswerter Aus- 
schließlichkeit in sich vereinen. Der Dichter, Kurt Lieb mann, ist heute 
nicht mehr unbekannt, obwohl ein Teil seiner Publikationen zunächst auf 
hartnäckigen Widerstand stieß. Die Dichtung, die ich in meiner Monographie 



Zur Psychologie des Dionysischen 



203 



bearbeitete,^ wurde vor Jahren unter dem Titel „Entwerden" als Buch* ver- ' 
öffentlicht. Es ist ein Zyklus, dessen Einzelstücke zuerst im „Sturm" er- 
schienen sind. Liebmann gehörte seinerzeit dem Kreise der Expressionisten 
an. Später wurde immer mehr ein starkes Verhältnis zu Nietzsche in ihm 
herrschend, in dessen Rahmen er unter anderem in nähere Beziehung zu 
Rudolf Pannwitz trat. 

Der genannte Gedichtzyklus, das Erstlingswerk des Autors, wirkt auf den 
Leser wie eine Raserei entfesselter Affekte. Man hat ihm seitens der Kritik 
vorgeworfen, daß es bei großer sprachlicher Wildheit und rhythmischer 
Pracht zu tief in der Hölle der menschUchen Urinstinkte stecke, daß es ein 
ungestaltetes Chaos berge. Es handelt sich um außerordentlich zeilenreiche, in 
freien Rhythmen und ohne Strophenteilung geschriebene Dichtungen, die 
einen jagenden "Wirbel affektiver Geschehnisse zum Inhalt haben. Sie sind 
nicht nur überreich an Wortneubildungen, die der Autor zur Bezeichnung 
schwer wiederzugebender Empfindungen verwendet hat, sondern außerdem 
durch das stärkste Überbewerten der rhythmischen gegenüber den grammati- 
kalischen Forderungen sehr weit von der Umgangssprache wie von der epi- 
schen entfernt. Im Inhaltlichen fällt neben der Vorherrschaft des Trieb- 
haften eine Fülle, ja eine wahre Flucht von Verwandlungen auf, die die Flüssig- 
keit der Verwandlung in so charakteristischen Beispielen wie dem Märchen in 
Novalis' „Heinrich von Ofterdingen" noch gewaltig übertrifft. Es kann 
vielleicht von einer, immerhin auch nur ferneren, Ähnlichkeit mit manchen 
Whit man sehen Dichtungen die Rede sein. Die Thematik muß trotz des 
außerordentlichen Wechsels der Vorstellungen in ihrem Eigentlichen als ge- 
radezu monoton bezeichnet werden. Die Dichtungen behandeln nämlich in 
durchweg gleichbleibenden Abläufen das Erlebnis des darin geschilderten 
Mannes mit einer Frau. Die Partner machen Verwandlung auf Verwand- 
lung, Begegnung auf Begegnung durch, um Liebesakte zu erleben, in denen 
das gegenseitige Verschlingen, Einandereinverleiben und Wiedergebären das 
Hauptmotiv bildet. Auf diesem eigentümlichen Grundzug beruht, wie wir 
nicht mißverstehen können, die besagte, schier unendliche Verwandlungsflut. 
Den Abschluß nach dem wilden Wirbel macht eine Art Apotheose an das 
Licht, dessen Sphäre hier nicht der Sinn zufällt, den wir ihr im Bezirk des 
Apollinischen beigelegt haben, sondern jener der größten Sexuallibido-Ferne, 
den Sachs* in seiner Studie über die ravennatische Kunst entwickelt hat. 



2) Kurt Liebmanns „Entwerden"-Zyklus, Psychoanalytische Studie an einer expressio- 
nistischen Dichtung (geschr. 1932). 

3) Erschienen 1921, jetzt zu beziehen durch den Dion-Verlag, Berlin-Steglitz. 

4) Hanns Sachs, Kunst und Persönlichkeit. Image, XV, 1929, S. i f f . 



ao4 Alexander Mette 



Das für unsere Betrachtung aufschlußreichste Motiv erhält seine nackteste 
Ausprägung in den Schlußzeilen des zuerst entstandenen Gedichtes der Zyklus- 
reihe, das im Buch den dritten Platz einnimmt. Das Entscheidende offenbart 
sich an dieser Stelle in so prägnanter Fassung, daß ihre Zitierung genügt, um 
bereits alles Wesentliche erkennen zu lassen. 

In diesem Gedicht sind die beiden Liebenden in einer Stadt zueinander- 
getroffen und haben dort einen ihrer typischen Liebeskämpfe durchgemacht. 
Der Ausklang dieser Orgie ist eine Feuersbrunst, die die Stadt zerstört, und 
mit folgendem Freßakt beendet wird: 

„In den funkelnden Leibersturz, in das Überschäumen des zuckenden Fleisches 
springt der Hyänenhimmel. 

Reißt, schlägt, beißt, leckt, grunzt, trinkt Blut, Blut! 
Lange! Lange! Oh! 

Schweigen rennt durch wackelnde Gassen. 
Knurren. Bröckeln. Röcheln. 

Mondtiere huschen über das Pflaster. Schmatzen in Leichen. Schleichen kichernd von 
Gedärm zu Gedärm." 

Die "Welle von Blutdunst und Feuerschwaden, die uns hier, begleitet von 
den Kehl- und Rachenlauten der fressenden Ungeheuer, entgegenschlägt, 
flutet, immer zu neuen Aufgipfelungen bereit, durch das ganze Buch. Das 
riesige orale Bedürfnis des Dichters wird vielleicht am deutlichsten in einigen 
Wortneubildungen sichtbar, welche Objektteile durch Kontamination in Freß- 
bares verwandeln, oder Funktionen durch raubtierhafte Bilder in die Nach- 
barschaft einer oralen Betätigung rücken. So wenn von „Hirndotter" statt 
vom Hirn, von „Lachfrüchten" statt von Gelächter die Rede ist, oder das 
Greifen der Finger als „Mardern" umschrieben wird. 

Wir dürfen annehmen, daß die Stadt, die der Autor in Gestalt des über sie 
hereinbrechenden Unheils verzehrt, wie bei jenem Melancholiker Abrahams, 
der sich mit Nero verglich, ein Symbol der Mutter ist. Dem entspricht es, 
daß Fleisch, Blut, Beißen, Fressen, Schnappen, Züngeln, Stechen, Zähne, Kiefer, 
Schlund und Kehle mit Vorliebe gebrauchte Elemente in der Beschreibung 
der Liebesakte sind. Es geht dem Dichter, wie es dem mythischen Dionysos 
ergeht. Sein Leben spielt sich in ununterbrochener Gemeinschaft mit dem 
weiblichen Geschlecht ab, das mit ihm in den Zustand der Raserei, des zer- 
störenden Wahnes gerät. Im Mythos gipfelt diese merkwürdige Symbiose in 
einem Akt, den Winterstein mit Recht als Regression des Inzestwunsches 
auf die kanniballstische Stufe bezeichnet hat, der Zerfleischung und Ver- 
zehrung des Gottes durch die ihn umgebenden Frauen.^ Der Inhalt des Lieb- 
mann sehen Zyklus bewegt sich eigentlich dauernd um diesen Pol herum, ob- 

j) A. Winter st ein, „Der Ursprung der Tragödie". Int. Psa.- Verlag, 1925. 



2ur Psychologie des Dionysischen 



ao5 



wohl er nicht der einzige bleibt, denn auch die gegenteilige Situation steht, 
wie wir schon gesehen haben, dauernd auf dem Sprunge, sich zu verwirk- 
lichen. Auch hierin bleibt die Parallele mit dem Mythus gewahrt, denn die 
Dionysosmythen berichten uns auch das Umgekehrte, nämlich die schonungs- 
lose Tötung von Frauen seitens des Gottes. 



Die wechselseitige Beleuchtung, in die wir unseren Gegenstand rücken, in- 
dem wir bald vom Mythos auf die Liebmannsche Dichtung, bald von 
dieser auf die Symptomatik der Melancholie übergehen, hat den Nachteil einer 
gewissen Unübersichtlichkeit. Wir werden zu diesem Verfahren jedoch ge- 
nötigt, weil trotz der notwendigerweise knappen Fassung neben anderem auch 
der Beweis erbracht werden muß, daß die herangezogene Dichtung nicht nur 
dem Vergleich mit der einen, sondern mit beiden Seiten standhält. Die "Wesens- 
art der dionysischen Dichtung und Kunst ist so sehr viel weniger im allge- 
meinen Bildungswissen sichergestellt, daß ihre Behandlung mit ganz anderen 
Schwierigkeiten zu rechnen hat als die der apollinischen. Zum Teil beruht 
dies allerdings auf dem Doppelgesicht, das sie trägt, und insofern gehören die 
Anforderungen, die an ihren Interpreten herantreten, eigentlich mit zu ihrem 
Wesen. Auch darin nämlich gleicht sie, bzw. die Struktur, aus der sie er- 
wächst, der Lebenssphäre des Zirkulären, der seine Umwelt durch die extreme 
Gegensätzlichkeit seiner Zustände überrascht. 

Ein weit zurückliegender Versuch einer Selbstdarstellung, die Liebmann 
als Einleitung zu einem Vortragsabend verlas, ist geeignet, uns in der Erkennt- 
nis dieser Tatsache zu unterstützen. 

„Der Urgrund meines Wesens", sagt er, „ist äußerster organischer Pessimismus, der nichts 
mit erworbener Menschenverachtung des am Leben irgendwie Gescheiterten zu tun hat, der 
durchaus auch um das befreiende Lachen weiß. Es ist jenes Leid, von dem Blüher in der 
,Christologie' sagt: Es fällt den Menschen an, wenn er, wie König Xerxes auf dem Thron 
von Abydos sitzend, unter sich sein Heer und seine Flotte ihm zu Ehren Kampfspiele auf- 
führen sieht und plötzlich zu weinen beginnt und seinen Ruhm und seine Macht vergessend, 
klagende Worte über die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins ausstößt. — Oder das 
Leid kann kommen wie zu jenem Oskar Wilde, der im Kerker schmachtend, in sein Tage- 
buch schreibt: ,Die Melancholie ist das wahre Geheimnis des Lebens...' Dieses immanente 
Leid ist der Grundzug meines Wesens. Nur aus diesem Grundzug ist das Optimistische, 
oder besser Leidüberwindende, Strahlende, Kristallbauende, Säulenhafte, Tänzerische meiner 
Gestaltungsart zu verstehen. Aus einem barbarischen Chaos einer auf mich einstürzenden 
Wüstwelt, rette ich mich durch äußerstes Zusammenpressen des Erlebnisstromes. Ich kann 
Ihnen mitteilen, dieser Prozeß der äußersten Kondensierung springt beim Schaffen in die 
Physis über. Ich arbeite in Bewegung. Tanzend fast. Ich lebe die Empfindung, als spitzte 
sich mein Körper unendlich zu, als schnellte ich aufwärts. So entsteht unter Absplitterung 
aller Menscherinnerung, alles Gefühlshaft-Nebensächlichen diese Form." 



Man muß, um den zweiten Teil dieser Auslassung richtig einschätzen zu 
können, wissen, daß der Autor ein hervorragender Vorleser ist, dem die be- 
zwingende Gewalt seines Vortrages häufig öffentlich attestiert wurde. Seine Vor- 
tragsart gleicht nämlich der hier beschriebenen Produktionsweise. Es ist ein 
elementares Herausstoßen in ihr gegenwärtig, das jede Pathetik ersetzt. Der 
Zuhörer fühlt sich von einem riesenhaften rhythmischen Strom überflutet, 
hinter welchem ein vulkanisches Drängen zu toben scheint. Der Körper des 
Sprechers scheint, wie es hier beschrieben ist, ganz unter die Herrschaft des 
Sprachprozesses zu geraten, so daß ohne Zutagetreten von sichtbaren Mit- 
bewegungen in der Tat der Eindruck des Tänzerischen entsteht. 

Haben wir die Beschreibung hierdurch vervollständigt, so läßt sich der 
Sinn des Phänomens nach mehreren Richtungen hin deuten. Es handelt sich 
offenbar' um einen Entladungsakt, und es bekräftigt diese Auffassung, daß der 
Autor seine Dichtungen selbst besonders gern als „Kaskaden", „Wortstürze", 
mitunter auch als „Fontänen" bezeichnet hat. Eine andere von ihm bevor- 
zugte Nominierung war „Wortgeburt". Fügen wir hinzu, daß er sie zeit- 
weise als Delikte, Bluttaten, ja Morde empfinden konnte, und daß die Inter- 
valle zwischen der Entstehung der einzelnen Dichtungen auffällig groß waren! 



Ohne Zweifel birgt sich hinter diesem Nebeneinander eine vielfältige Deter- 
minierung des Schaffensaktes. Soviel dürfte jedoch gewiß sein, daß er dem 
Dichter die Möglichkeit verschafft, den oralen Sadismus auf eine Weise zur 
Abfuhr zu bringen, die einerseits die Depression zum Abschluß bringt, 
andererseits aus einem bislang noch unverstandenen Grunde der Verurteilung 
seitens des Über-Ichs zu entgehen vermag. 

Über das erstere klärt uns zu einem Teil ein wichtiger Beleg aus der Feder 
des Dichters auf, der uns nicht sehr weit vom bereits Erörterten fortführt. 
Liebmann hat in einem kleinen Essay die seiner Dichtung verwandte Pro- 
duktion August Stramms interpretiert. Der Aufsatz kann durchaus für ihn 
selber gelten. Und in ihm heißt es nun (im Auszuge): von den Worten — 
„sie zischen, peitschen, hacken, quadern, tropfen speien . . . Und haschen sich 
und halten sich und streichen, umarmen, beißen, morden sich" ... — , von 
den Menschen: „Sie zücken und tanzen wie Schwerter. Zerhacken einander. 
Stechen. Schwirren. Biegen. Fliegen. Umeinen." 

Wir verstehen, daß dies eine Verschiebung seines Sadismus von den Objek- 
ten auf das Schaffensprodukt ist, daß es dem Autor also gelingt, in der eigen- 
tümlichen Art seiner Produktion ein Stück von der Gesamtmenge seines De- 
struktionstriebes zu binden. Die erwähnte „Absplitterung aller Menscherinne- 
rung, alles Gefühlshaft-Nebensächlichen" wird uns nun als eine Absage an 



Zur Psychologie des Dionysischen 



207 



alle weicheren Empfindungen verständlich, die diesen Vorgang stören könnten. 
Gleichzeitig fällt von dieser Stelle aus ein Licht auf das von Nietzsche Ge- 
meinte, wenn er auch Archilochos als seiner menschlichen Subjektivität 
entrückt auffassen zu müssen glaubte. Diese zunächst wenig einleuchtende 
Charakterisierung erweist sich als berechtigt, wenn damit ausgesagt werden 
soll, daß der dionysische Künstler einen Teil seines Selbst aus sich entläßt, 
wenn er seinen sadistischen Antrieb in der gestaltzerstörenden Formung und 
in der Erlebniswelt seiner Personen zur Betätigung bringt. Er verfährt dabei 
gerade umgekehrt wie der apollinische, der diese sowohl von seinem Gestal- 
tungsmittel wie von seinen zunächst getöteten Gestalten peinlichst zurück- 
hält. 

Es meldet sich jedoch sogleich ein zweiter Gedanke in uns, wenn wir unsere 
Aufmerksamkeit auf die merkwürdigen Benennungen des Dichters '- richten. 
Sie sind von einer etwas frappierenden Simplizität und vielleicht gerade darum 
mit dem Kennzeichen einer beachtenswerten Ursprünglichkeit versehen. Auf 
den ersten Blick scheinen sie in der Mehrzahl dem urethralen Bezirk anzu- 
gehören. Doch wenn von hier aus auch eine Determinante in sie herein- 
wirken mag, die sogar unser Interesse verdient, so dürfte diese kaum die wich- 
tigste sein. Es ist weit wahrscheinlicher, daß das Phänomen des Erbrechens 
in ihnen repräsentiert wird. Zu dieser Annahme nötigt einmal der in dem 
Ausdruck „Wortsturz" gegebene massive, für urethrale Vorstellungen zu aus- 
ladende Bedeutungsgehalt. Dasselbe ist aber auch von einer Wendung aus 
dem Begleitbrief eines neuen Manuskripts zu sagen, welche lautet: „Hier — 
die Steilfontäne überklatscht Dich." Wir entnehmen ihr, daß das Bild der 
Fontäne nicht das eines dünnen Strahls, sondern das eines voluminöseren 
Niedersturzes ist. In dem Essay über Stramm heißt es von diesem, daß er 
„den Kosmos seiner Werke aus sich herausbrach". Schließen wir daran noch 
an, daß Lieb mann diesen Dichter „Mund des All-Einen" nannte, und daß 
eine seiner eigenen Gedichtfolgen „Der feurige Mund" betitelt ist, so wird das 
Vorwiegen des oralen Sinnes in jenen Begriffen für uns zur Gewißheit. 

Damit ist uns aber der Weg zu einer erheblichen Erweiterung unseres 
Wissens geebnet. Darf der Entladungsakt nämlich als ein Vorgang betrachtet 
werden, der nicht allein örtlich-körperlich, sondern auch psychisch über- 
wiegend in das Gebiet des Oralen gehört, so wird damit nicht nur früher 
Ermitteltes erneut unterstrichen, sondern es ergibt sich auch ein Ausblick 
auf einen spezifischen Mechanismus, der das Verhältnis des dionysischen 
Menschen zur Introjektion und ihren Nachwehen betrifft. Um die Formulie- 
rung gleich voranzustellen: die dem dionysischen Menschen eigentümliche 
Struktur scheint darauf zu beruhen, daß er im Gegensatz zu dem sonst nah- 
verwandten Zirkulären imstande ist, das geliebte und dann gehaßte Objekt, 



ao8 Alexander Mette 



das er sich introjiziert, auf dem "Wege des Brechaktes wieder aus sich heraus- 
zustoßen und sich so von dem unangenehmen Gast, der das Verhältnis 
zwischen seinem Über-Ich und seinem Ich verdüstert, zu befreien. 

Ohne eine Korrektur kann diese Auffassung uns allerdings nicht ganz be- 
friedigen, weil die soeben entworfene Struktur, die Abraham bereits geschil- 
dert hat, durch negative Eigenschaften von dem Typus, den wir im Auge 
haben, absticht. Es handelt sich um Menschen, „denen das kaum Aufgenom- 
mene sogleich wieder zum Munde herauskommt", Personen von äußerster 
Ungeduld, die gewiß nicht zu der intensiven Formungsarbeit imstande wären, 
die der dionysische Mensch zu leisten vermag. Man könnte daran denken, 
daß es richtig wäre, ihn in eine Mittelstellung zwischen diesem Charakter und 
dem echten Melancholiker zu gruppieren. Doch die Lösung, mit der sein 
Strukturbild treffend erfaßt wird, ist eine andere, zu der uns unsere Betrach- 
tung in Kürze weiterführen wird. 



Zunächst möchte ich das Hauptsächliche unserer Untersuchung zum Teil 
durch einige Nachträge befestigen. Es handelt sich dabei im wesentlichen 
um Belege für die Rolle des Oralen in der Psyche unseres Dichters sowie um 
Bekundungen des Destruktionstriebes, der Ambivalenz und der psychischen 
Depression. 

„Es gibt Menschen," — heißt es in einer Tagebuchnotiz aus seiner Schülerzeit — „tra- 
gische Gestalten, in deren Blut ein dunkler Wille, eine dunkle Sehnsucht kreist, die sich in 
künstlerischen Gestaltungen dokumentiert, vor deren freien Fluß sich aber immer dumpfe 
Verhältnisse, in denen der Mensch lebt, und die Moral und ethische Gesetze legen. Es gibt 
Künstler — unglückliche — (unglückliche?) Individuen, die von der Nachwelt wenn nicht 
vergessen, so doch zu dem Begriff zerronnen (Goethe) getan werden, — Künstler sage ich, 
die ihrem Blut folgend, nur schaffen können, wenn sie, keinem Gesetz gehorchend, den 
Becher ihrer Lüste und bösen Leidenschaften bis zur Neige kosten und dann in plötzlichen 
Besinnungen an ethische Prinzipien und zugleich in höchsten Ekstasen nur Abgerundetes 
schaffen können, die schließlich ohne Lüste und Leidenschaften nichts mehr gestalten können 
und wie jene Blüte der Nacht ihren Kelch schließen, verleuchtet, voller Scheu vor dem 
Tag." 

Zwei weitere Eintragungen des Siebzehn- bzw. Achtzehnjährigen: 

„Dichten heißt wie ein Schwamm lechzend, saugend ein Dasein führen, immer mit dem 
Gefühl einer unbestimmten Angst auf eine Ekstase zu harren, die den Schwamm in die ge- 
reizten Finger nimmt, pressend, bis er alles: Materie und Idee, Leid und Lust austräufeln 
läßt — gestaltet und belebt von den "Wehen der Ekstase." — „Bin ich einmal mit einem 
Individuum (ich spreche vorwiegend vom "Weib) in Berührung gekommen, so sauge ich das 
"Wesen, sein Herz und Hirn auf, schütte sein Herzblut in mich herüber, — und so lebt 
jeder einmal von mir berührte Mensch wie eine Spukgestalt in mir fort; ob ich mich seines 
Verkehrs entziehe, kommt hierbei nicht in Betracht. Ich kann nur zeitweise hassen, muß 



dann wieder Heben! Jedes Wesen, ob in konventioneller Liebe berührt, oder im Straßen- 
graben geschmeichelt, gestreichelt, jedes Wesen! (Qual!)." 

Aus der Zeit der beginnenden dichterischen Produktion: 

„Ich werfe in meinem Zimmer das Literarische durcheinander. Unruhe. Fünf Minuten 
Lesen, und zwar Altes (z.B. Baudelaire). Dann Musik. Am liebsten Beethoven, Bach. 
Plötzliches Anziehen. Großer Spaziergang. Bewußtloses Herausstammeln. Bevorzugung 
einsamer Alleen, weiter Chausseen. In Dumpfheit nach Hause. Auf das Sofa legen. Lesen. 
Musik. Plötzlicher Hunger. Sehr viel essen. Heute morgen aß ich heißen Rotkohl, Beef- 
steak, Bratkartoffeln mit sehr viel Zwiebeln. Zigaretten. Nachmittags rase ich in den Koch- 
stedter Forst. Dieses taumelnde Leben ist das Vorzeichen eines Schaffensaktes. Diese Qual 
kann sehr lange dauern. Kann auch wieder zurücksinken zu einem geruhigen bürgerlichen 
Leben, ohne daß ich einen schöpferischen Moment gefunden habe." 

Wiederum etwas später: 

„Ich sauge beispielsweise ein Straßenbild oder eine alte Gasse auf und gestalte dieses Er- 
lebnis ..." — „Mein Seelen- und Hirnbecken ist fast voll wieder, die Blutfontäne kann 
wieder rubinen steigen!!... Ich bin in beschwingter Erregung. Höre, wie ich mich jetzt, da 
der Punkt da ist, zur Produktion zwinge (auch — etwas später dann — gewaltig gezwungen 
werde). All die gesammelten Notizen, Einsichten, Splitter, schreibe ich hintereinander auf 
eine Quartseite. Gehe damit heute Abend in ein großes, großartiges Caf^. Darin die Spuk- 
gestalten lateinischer Dekadenz. Dort bekomme ich dann lesend-schauend die letzte Kon- 
zeption." 

"Wir entnehmen diesen Auslassungen nichts Neues, doch sie bereichern 
unseren Besitz an Details. Dabei können wir nicht übersehen, daß in dem 
psychischen Haushalt des Dichters auch anale Tendenzen eine Rolle spielen. 
Wir hätten ihr Mitwirken bereits bei der Feuersbrunstvision erwähnen können, 
wo sie in dem Element des Leichenschmauses und in dem Gedärm-Motiv in 
Erscheinung treten. Gegenüber der Bedeutung des Oralen ist dieser Bestand- 
teil jedoch nur von sekundärem Belang. Der Akzent liegt auf der Seite des 
Oralen, welche sich, wie wir sehen, in ihrem rezeptiven Ast teils als Sauge- 
lust, teils als Freßgier offenbart. Die Entäußerung des Inhalts wird an einer 
Stelle überraschend ungewaltsam als ein Austräufeln vorgestellt. Andere 
Elemente, der Hinweis auf die Ekstase und das Bezwungenwerden im Pro- 
duktionsakt, deuten hingegen wieder das Eruptive an. 



Wir haben vorher bereits der urethralen Determinante eine gewisse Kon- 
zession gemacht. Ein weiteres Stück unseres Materials führt uns von hier zu 
einem neuen Gesichtspunkt herüber. Ebenfalls aus der Schulzeit ist nämlich 
ein dichterischer Versuch des Autors erhalten, der sich formal stark an die 
Epenübersetzungen, die man in der Schule liest, anlehnt, und in dem folgende 
Episode enthalten ist: 

Imago XX/s ,, 



„Von Strahlenbündeln umzuckt 

in der Hand eine Schale wiegend 

stand, halb Mann halb Weib, ein Wesen 

auf einer Welt und winkte, winkte. 

Strich sich lächelnd über die acht gespannten 

Brüste, aus denen unaufhörlich Milch in 

weitem Bogen sich in die Schale goß. 

Und die ward niemals voll. 

Liebkoste sein männliches Glied, 

dem reichlich Samen enttropfte, zur Milch strömend. 

öffnete die Lippen und winkte, winkte. 

Und wie nach langen Jahren fieberhaften Umhertastens 

Jemand wieder in die Heimat kommt und brennend 

den Boden küßt, die alten Stätten, wo er 

als Kind lachte, weinend umarmt 

und in die Glanzaugen der Mutter sieht, 

so erfaßte es mich jetzt. 

Keuchend stolperte ich die lange, lange Straße hinunter 

mit vorgestreckten Händen, 

die die wiegende Schale packen wollten, 

rannte, stolperte, richtete mich wieder auf, rannte 

und sah immer wieder mit Glutaugen nach dem winkenden Bild." 

Diese Vision („Wolkenerlebnis" betitelt) ist zunächst einmal ein in seiner 
Überzeugungskraft kaum zu überbietender Beweis für die Persistenz der 
großen oralen Bedürfnisse des Autors. Sie zeigt uns aber ferner, daß der Sinn 
jenes Austropfens Beziehungen zur Harnröhre unterhält, und zwar zum 
männlichen Organ, welches anscheinend nicht als Vollzugsglied zweier Funk- 
tionen, sondern einfach als Flüssigkeitsspender aufgefaßt wird. Mann und 
Weib teilen sich hier in die Aufgabe zu nähren. Die Rückwendung von der 
genitalen zur oralen Stufe kann kaum glücklicher versinnbildlicht werden. 
Es taucht dabei unwillkürlich die Erinnerung an das Bildelement des urinieren- 
den Knaben in einer so vorwiegend dionysischen Kunst wie der der Hoch- 
renaissance und des Barock auf, ein Motiv, das zum Beispiel Betrachtern von 
Rubens' „Bacchanal" Freude zu machen pflegt. 

Auf dem tiefen Boden unserer Untersuchung verstehen wir die Lust an der 
„Harmlosigkeit" solcher Putten aus ihrer antagonistischen Beziehung zu dem 
alles andere als harmlosen Affektkampf, der in ihrer nächsten psychischen 
Nachbarschaft tobt. Der Dionysosmythos spielt bekanntlich zur Hälfte im 
gleichen Bezirk. Dieser Teil, der von der Wartung und Pflege des Knaben 
durch das Gefolge seiner Ammen handelt, ist sogar der gemeinhin bekanntere. 
In ihm waltet jene Fülle üppigster oraler Versorgung, die die heitere Seite 
des Kultes und der Feste bedingt. Die Vollständigkeit des typischen Bildes 
dieser Feiern, auf dem sich die blutgierigsten Tiere: Panter und Tiger, fried- 



1 



Zur Psychologie des Dionysischen 



lieh vor den bekränzten Wagen spannen lassen, läßt eigentlich nichts zu 
wünschen übrig. Die Natur ist eine so fruchtbare Spenderin geworden, daß 
das Individuum die Erlebnisse, die sich seinem regredierten Inzestverlangen 
anbieten, vorübergehend als genußvoll genug empfindet, um mit diesem 
Stück Wirklichkeit im Augenblick voll versöhnt zu sein. 



Mit diesem Gedanken haben wir die Bedeutung jener Wunschphantasie 
jedoch noch keinesfalls erschöpft. Es muß nämhch weiter gefolgert werden, 
daß die Rückkehr zu einer Auffassung, in welcher das männliche Organ als 
Spender flüssiger Nährstoffe verstanden wird, eine, wie immer bedingte, 
jedenfalls tiefe Verneinung der spezifisch männlichen Eigenschaften in sich 
schließt. Damit deckt sich denn auch die eigenthch wenig männliche Erschei- 
nung der dionysischen Gottheit, sein teils kindlicher, teils von weiblichen 
Zügen durchsetzter Charakter, der sehr im Gegensatz zu der Gestalt Apollos 
steht. 

Man hat den dionysischen Zustand, wohl nicht zuletzt durch die über- 
lieferte Verehrung von Phallussymbolen im Kult verleitet, vielfach als Orgie 
männlicher Zeugung und Genitalkraft mißverstanden. Wir müssen der Mei- 
nung derer beipfhchten, die dieses Element auf einen relativ schmalen Raum 
begrenzen, und machen uns dabei ein näher bestimmbares Bild von seiner 
Geltung. 

Der dionysische Mythos verteilt bekanntlich das vorgeburtliche Leben des 
Gottes (ein Zug, der in abgewandelter Fassung in Liebmanns „Entwerden" 
wiederkehrt, obwohl dem Dichter die Mythen in der Entstehungszeit der 
Dichtung unbekannt waren) in zwei Abschnitte: er wird erst im Schoß der 
Semele getragen, dann, nach ihrem Feuertode, von Zeus, der ihn in seinen 
Schenkel einnähen läßt. Sollte dies nicht den Sinn haben, die Genitalfunk- 
tionen der beiden Eltern einander anzugleichen, ihre Unterschiedlichkeit zu 
verneinen und das Genitale selbst dort in Abrede zu stellen, wo es sich in der 
Lebensgeschichte am wenigsten verleugnen läßt? „Wir müssen", sagt der 
Dionysosrepräsentant einer späteren Liebmannschen Erzählung" zu seiner 

Partnerin, „Mann und Weib zugleich sein Du mußt den Fels 

der Stirn, ich die zarte Biegung der Hüfte haben." Ein anderer Dichter, 
dessen oralen Impulsen nachzuspüren wahrscheinlich eine dankbare Aufgabe 
wäre, Walt Whitman, spricht in seinen „Grashalmen" aus: 

„Ich singe das weibliche ebensogut wie das männliche Prinzip", — „von Mann und Weib 
werde ich zeigen, daß ein jedes nur des anderen gleiches ist." 



6) „Kreuzigung". Dion- Verlag, Berlin-Steglitz. 



212 Alexander Mette 



Diese Losung scheint wirklich ein Inhalt der gebärdenreichen Genossen- 
schaft des Gottes und seiner Begleiterinnen zu sein. Im Tanz, im Rasen, in 
der Zerstörung wie im Genuß der Nahrungsfülle bilden sie eine homogene 
Gemeinschaft. Es ist jedoch trotz dieser Angleichung ein Unterschied, und 
zwar, wenn man so sagen will, „zugunsten" der weiblichen Seite wahrzu- 
nehmen. Ihr fällt nämlich die Rolle des Produzierens und Spendens zu. Sie 
wird zum schaffenden Teil und gleicht dem Bilde der Natur, das diese 
Lebenshaltung sich in ihren lichten Phasen entwirft. Beim Manne ist diese 
Übereinstimmung nicht vorhanden. Er vermag sie nur auf dem "Wege der 
Identifizierung zu erreichen. 



Mit diesem Gedanken nähern wir uns nun dem letzten Fragenkreis unseres 
Phänomens. Gehen wir davon aus, daß die Angleichung der Geschlechter in 
der Betätigung des oralen Sadismus wie der destruktionsfreien frühoralen 
Tendenzen eine vollkommene sein kann, so ergibt sich doch der soeben er- 
wähnte Gegensatz, da das männliche Geschlecht dabei nur die Rolle des Kon- 
sumenten spielt, der so hoch bewertete Spendenschatz der Natur aber doch 
wohl in ihm den "Wunsch erregen muß, selbst Natur, selber weiblich zu sein. 
Diese Sehnsucht bietet den verdrängten inzestuösen Regungen ein Strombett 
an, in dem sie neben der unmittelbaren oralen Beziehung zum "Weibe einen 
zweiten Hauptweg für ihre indirekte Befriedigung vorgezeichnet findet. Der 
dionysische Mensch unterscheidet sich, wie wir jetzt erkennen, vom Melan- 
choliker und vom Manischen durch eine sehr weitgehende Identifizierung mit 
dem "Weibe. Er gelangt in der Produktion zu einer Nächbildung jener weib- 
lichen Funktion, von deren Ergebnissen er seiner gesteigerten oralen An- 
sprüche wegen so sehr abhängt: dem Gebären von Früchten und neuen 
Geschöpfen. "Wir beginnen jetzt zu erkennen, in welcher Hinsicht er in 
seiner Struktur von dem Bilde jener Spielart des oralen Charakters unter- 
schieden werden muß, die wir zuvor kurz skizziert haben. "Wir verstehen 
auch, daß von Lieb mann die Bezeichnung „"Wortgeburt", deren Erklärung 
wir ausgewichen sind, als synonymer Begriff mit den übrigen näher erörterten 
verwendet werden konnte. Endlich rückt auch die Austragung und Geburt 
des Dionysos durch den Mann Zeus in eine neue und schärfere Beleuchtung. 

Der Brechakt ist, so lautet die nunmehr korrigierte Formulierung, nicht 
allein eine "Wiederausstoßung des Introjizierten, er bedeutet zugleich eine 
Geburt, durch welche der Gabentisch der Natur bereichert wird wie durch 
die echten Gebärerinnen. Die Üppigkeit, das Prangende, die unermeßliche 
Fruchtbarkeit der Feste, während welcher, wie der Mythos berichtet, Reb- 



stock und andere Nährpflanzen in einem Tageslauf grünen, blühen und 
Früchte tragen, ist Sinnbild dieser Doppelrolle, die der Schaffensakt im Seelen- 
innern einnimmt. Es handelt sich im Gegensatz zu den üblichen Ausklängen 
der Melancholie nicht lediglich um eine Ausscheidung des Introjizierten, 
durch die das normale Verhältnis zwischen Über-Ich und Ich wiederher- 
gestellt wird, ebenso nicht um den der Manie eigentümlichen Besetzungs- 
entzug vom Über-Ich zum Ich herüber, obwohl alles dieses in naher Nach- 
barschaft liegt und an dem Produktionsakt in schwer zu bezeichnenden Men- 
genverhältnissen beteiligt ist. Dionysos ist jedoch in keiner Verfassung voll- 
ständig in der melanchoHschen Struktur unterzubringen. Er ist ein ewig 
schwangerer Gott, dessen Introjektionen dank seiner Weiblichkeit sehr leicht 
zu Keimen werden und dessen Über-Ich— Ich-Konflikt daher nicht die gleiche 
Abgrundtiefe erreicht, die wir beim Melancholiker kennen. 

Trotzdem haftet der so folgenreichen Identifizierung mit dem Weibe ein 
Nachteil an, dessen Erwähnung uns auf einen noch ungeklärten Bestandteil 
zurückleitet. Es ist nicht recht einzusehen, welches Schicksal dem phallischen 
Narzißmus in einer Seelenhaltung beschieden wird, die sich seiner, obwohl 
sie in der Aufarbeitung der kindlichen Regungen doch offenbar nicht das 
Optimum erreicht hat, anscheinend mit Erfolg zu entledigen vermag. Eine 
naheliegende Vermutung läuft auf die Frage hinaus, ob nicht ähnlich wie 
beim apollinischen Künstler auch hier eine Verschiebung narzißtischer Ten- 
denzen auf das Schaffensprodukt zustandekommt, in welche auch der phalli- 
sche Narzißmus mit aufgeht? Tatsächlich darf von einer Besetzung der 
dionysischen Schöpfungen mit narzißtischer Libido die Rede sein. Auch hier 
betrachtet der Urheber, wie uns manche Belege lehren könnten, sein "Werk 
als ein Stück seines selbst, dem der höchste Wert zukommt. Unsere Frage- 
stellung zielt jedoch auf einen spezielleren Sachverhalt ab, nämlich darauf, 
ob sich in dieser Erscheinung Züge verraten, die uns etwas über den Konnex 
mit dem Phallus aussagen. 



Wenden wir uns an die Charakterisierung seiner Dichtung, die Lieb- 
mann in der früher zitierten Vorrede zu einem Vortragsabend entworfen 
hat, so möchten wir diese Frage mit Ja beantworten. Er betont darin neben 
dem „Strahlenden" und „Tänzerischen" das „Kristallbauende, Säulenhafte" 
seiner Kunst. Das sind eigentümliche Wendungen zur Bezeichnung von 
lyrischer Formung, Worte, über deren Härtegehalt man sich wundert. Sie 
sind aber durchaus typisch in seinem Munde und haben zum Beispiel zahl- 
reiche Analogien in einem Vortrag über „Tanz und tänzerische Dichtung" 



21^ Alexander Mette 



auf dem ersten Tänzerkongreß,^ in dem die Begriffe „kristallinisch" und 
„dynamisch" im Mittelpunkt stehen. 

Härte und Kraft, Kristallisation und eine vom Nur-Menschlichen losge- 
löste Bewegung des Körpers, diese Inhalte sind es, welche den künstlerischen 
Wert des Geschaffenen für den Dichter außer Zweifel stellen. Wir begreifen, 
daß das die positive Beantwortung unserer Frage bedeutet. Aber wir werden 
uns weiter damit zu befassen haben, daß uns dieses Element mit den eben 
entwickelten Zusammenhängen auseinanderzubringen scheint. "Wie ist es mög- 
lich, lautet unser nächstes Problem, daß gerade diese Regungen ihren Platz 
behaupten können, wenn der Dichter im Schaffensakt, wie wir angenommen 
haben, auf den Höhepunkt seiner Identifizierung mit dem Weibe gelangt? 

Seine Lösung wird uns durch eine Selbstdarstellung in einem noch unver- 
öffentlichten Roman erleichtert, der in einer längeren Episode die Entstehung 
des ersten Zyklusgedichtes behandelt. Der Dichter schildert den Verlauf in 
folgenden, für uns leicht durchsichtigen Stationen: 

Er befindet sich auf einem Dampfer und begegnet dort zufällig einem Gleichaltrigen, 
von dem er sich sehr angezogen fühlt. Dabei entstehen zwei Assoziationenkreise in ihm. 
Einerseits fühlt er sich an ein Jugendbildnis der Bettina erinnert. Andererseits erscheint ihm 
der Fremde wie ein muskulöser südländischer Hafenarbeiter und er muß an eine Schlägerei 
zwischen Rimbaud und Verlaine denken, wobei er jenen mit dem obsiegenden Rimbaud 
gleichsetzt. 

An einer der nächsten Haltestellen verläßt er selbst den Dampfer und bemerkt, daß der 
Fremde ebenfalls aussteigt und ihm nun folgt. Er empfindet das Verfolgtwerden als eine 
weibliche Lage und muß daran denken, daß in diesem weiblichen Vorangehen und Den- 
anderen-nach-sich-Ziehen eigentlich das Aktivere liegt. 

Als jener ihn eingeholt hat, stürzt er selbst unversehens zu Boden. Es entwickelt sich 
dann ein Gespräch zwischen ihnen, das sich alsbald Literarischem zuwendet. 

Sein neuer Bekannter hat einen Gedichtband bei sich, den er ihm warm empfiehlt, 
während er zugleich einen bekannteren jungen Autor als wenig zukunftsreich und unbe- 
deutend beurteilt. Er seinerseits nimmt für jenen Partei. Beide lesen zur Verteidigung 
ihrer Ansicht Dichtungen ihrer Autoren vor. 

Hierbei ergibt sich nun, daß der Dichter selbst durch die Art seines Vortrags den Freund 
für seine zuvor vertretene Ansicht gewinnt, obwohl er inzwischen deutUch erfaßt hat, daß 
nicht diese Dichtungen, sondern jene anderen die wertvolleren sind. Er empfindet in ihnen 
jenes Element der Härte, mit dem wir uns soeben beschäftigt haben, und fühlt sich dadurch 
in einen allmählich anwachsenden Inspirationszustand versetzt. 

Er verabschiedet sich von seinem Gesprächspartner, als die produktive Stimmung einen 
gewissen Grad erreicht hat und sucht die "Waldeinsamkeit auf, um den Schaffensakt in sich 
auswirken zu lassen. Hier ist es nun zunächst ein Zustand der Schwangerschaft kurz vor 
der Geburt, den er körperlich und geistig erlebt. Er nimmt eine Art innere Befeuerung, 
ein Einströmen gewaltiger Kräfte in sich wahr und glaubt das Schicksal zahlloser Menschen 
vorauszuempfinden. 

7) Abgedruckt i. d. Königsberger Hartungschen Zeitung vom 5. Juli 1927. 



Zur Psychologie des Dionysischen 



215 



Nach kurzem verändert sich sein Gefühl jedoch erneut. Er verspürt einen immer wilderen 
Aufruhr in sich, reißt seine Kleider vom Leibe und fühlt sich, nur mit einer Gürtelhose an- 
getan, selbst wie ein Schiffsarbeiter, wie er ihn vorher in dem Fremden sah. In diesem 
Zustande wirft er sich auf die Erde, wühlt Kopf und Körper in das feuchte Moos und 
schreibt nun in rasender Eile Zeichen um Zeichen auf das Papier. 



"Wie wir sehen, folgt hier im letzten Stadium des Produktionsprozesses eine 
männliche Besamung der Erde, während kurz davor der weibliche Gebärakt 
sich anzumelden schien. Der Dichter vereinigt laut dieser Beschreibung also 
tatsächlich beide Möglichkeiten in sich. Er ist vorläufigem Anschein nach 
also nicht an die weibliche Identifizierung gebunden, sondern identifiziert 
sich, wenigstens vorübergehend, mit der Gestalt eines kräftigen Mannes. 

Es ist wertvoll, den Umstand, daß seine phallische Betätigung auf einer 
Identifizierung beruht, nicht aus dem Auge zu lassen. Ferner müssen wir aber 
dem Dichter dafür danken, daß er in seiner Ausgestaltung jener Episode so 
detailliert verfahren ist und uns sogar über seine Einfälle unterrichtet. Diesen 
entnehmen wir nämlich, daß es mit der Männlichkeit des Fremden seine 
eigene Bewandtnis hat. Sie muß einen etwas fragwürdigen Eindruck auf uns 
machen, da einmal unter den Assoziationen, die zu ihm auftauchen, eine 
weibHche mit unterläuft, und da er ferner in den Gedankengängen des 
Dichters mehrfach als der Passive und Unterlegene erscheint. Die Roman- 
stelle, die alle Einzelheiten ausführlich schildert, geht darin, wie wir nachzu- 
tragen haben, weiter, als es unser Bericht ohne allzu große Weitschweifigkeit 
vermag. Sie setzt hinter die Männlichkeit dieser Figur selbst ein ziemlich 
großes Fragezeichen, indem sie sie als einen Typus kennzeichnet, der hinter 
beträchtlichem Aufwand an äußerer Motorik und Gedanklichkeit eine starke 
Beeinflußbarkeit im Gebiete des Willens birgt. 

So ist dieses Identifizierungsobjekt nicht gerade geeignet, den Eindruck 
bestehen zu lassen, als ob es jenes andere mit einem gegenteiligen Gehalt ab- 
gelöst habe. Dagegen gibt der rasche "Wechsel der bald männlich, bald weib- 
lich gearteten Vorstellung von seinem Geschlecht Anlaß ztx der Erwägung, 
ob sich in diesem auffälligen Schwanken des Dichters nicht eine innere Un- 
sicherheit äußert, die auf einer Abschwächung seines Unterscheidungsver- 
mögens für den Geschlechtergegensatz beruht. Denken wir an die "Wolken- 
phantasie, so ergibt sich eine hohe "Wahrscheinlichkeit für die Annahme, daß 
es für sein Unbewußtes keineswegs leicht ist, das Bild des Mannes wieder aus 
dem so überwiegend weiblich charakterisierten Doppelwesen herauszuheben. 
Schließlich ist diese Vermutung nicht viel mehr als ein anderer Aspekt ge- 
wisser früher erörterter Funde. Seine Dampferbekanntschaft erscheint unter 



2i6 Alexander Mette 



dieser Voraussetzung als eine weniger imposante Neuauflage jener penis- 
besitzenden, aber unzweideutig weiblich empfundenen Zwittergestalt. 

In dieser Perspektive ist der Ansatzpunkt für den phallischen Narzißmus 
im Schaffensakt und seine Verknüpfung mit dem Produkt nicht mehr so 
problematisch, wie es zunächst erschien. Er ist in der phallischen Seite der in 
tieferer Schicht als omnipotent bisexuell aufgefaßten "Weiblichkeit gegeben. 
Der Dichter gelangt in seiner Identifizierung mit ihr, also innerhalb seiner 
übernommenen Weiblichkeit selber, gleichsam bis an den Rand einer Be- 
tätigungsmöglichkeit, die seinen phallischen Narzißmus momentan befriedigt 
und seine Bindung an das Produkt Zustandekommen läßt. Er eliminiert in 
diesem Augenblick scheinbar seine Männlichkeit aus dem umschließenden 
Inhalt des Weiblichseins. Er eliminiert sie scheinbar, nicht wirklich; denn 
diese Herausstellung geschieht nur aus narzißtischen Gründen. Sie tritt gerade 
deswegen so unterstrichen und vernehmlich aus dem Gesamtrahmen hervor, 
so wie jene Phallussymbole im Festkult des Gottes, die wir als gleichgeartete 
Erscheinung würdigen müssen. Ebenso dürfte es übrigens um den von 
Dionysos ererbten Bock bestellt sein, dem wir im "Wappenschild unseres 
beliebtesten Rauschgetränks und auf dem Krug des Biertrinkers begegnen. 



Was uns diese letzten Ausführungen über die ferneren Konsequenzen der 
Identifizierung mit dem Weibe zu sagen haben, geht über das vorerst damit 
verfolgte Thema nun noch weit hinaus. Wir müssen dem dionysischen Men- 
schen auf dieser Grundlage nämlich die Möglichkeit zubilligen, sich eigent- 
lich mit allem und jedem gleichzusetzen, da schließlich eins wie das andere 
auf dieser großen Folie Unterkunft findet. Dies erklärt uns die in tiefem 
Gegensatz zur apollinischen Kunst stehende Unvoreingenommenheit des 
dionysischen Künstlers in der Wahl seiner Stoffe. „Ich werde Gesänge der 
Leidenschaft singen und sie ihren Lauf nehmen lassen", heißt es bei Whit- 
man, „und auch eure Lieder, ihr geächteten Verbrecher; denn ich sehe euch 
mit Augen der Verwandtschaft an und nehme euch mit mir so gut wie 
andere." 

Nicht nur der Unterschied der Stoffwahl, auch der der Form leitet sich 
jedoch aus dieser inneren Wurzel ab. Denn die Aufgabe des dionysischen 
Künstlers läuft nicht darauf hinaus, vollendete Bilder einer erschauten Schein- 
welt mit seinem Ausdrucksmittel nachzugestalten, sondern die unendlich 
vielfältige Innenwelt, die ihm aus seinen Introjektionen und Identifizierungen 
entsteht, auszudrücken, oder wie wir gesagt haben: herauszubrechen. Er ist 
daher der Wortfinder und Ausdruckspräger katexochen. Er steht vielleicht 
dem tiefsten Wesen der Sprache (Kleinpaul setzt „Sprechen" in letzter 



* 



Zur Psychologie des Dionysischen 



217 



Schicht mit „Brechen" gleich)^ näher als jeder andere zivilisierte Mensch und 
ist ihm in ganz anderem Maße ausgehefert als sein Antipode, der einen 
Sprachleib baut, in dem er seine plastische Gestaltenwelt widerspiegelt. Fritz 
Strich hat an einem bildungsmäßig allgemein wohlbekannten Ausschnitt 
der Literaturgeschichte die bis ins feinste der formalen und inhaltlichen 
Elemente herabreichende Gegensätzlichkeit der beiden Bezirke äußerst geist- 
voll dargetan.^ Es würde ein zwar mühevolles, aber kaum allzu schwieriges 
Unterfangen sein, ein Überwiegen tiefliegender oraler Tendenzen auf der 
einen der beiden großen Linien sicherzustellen. Mit einigen wenigen Angaben 
für diesen Sachverhalt einzutreten, muß als zu unzulänglich erscheinen, als 
daß es ratsam wäre. Es sei daher nur soviel gesagt, daß neben Liebmann 
und Whitman, in deren nächste Nachbarschaft zweifellos das Phänomen 
Nietzsche gehört, die große Mehrzahl der romantischen Künstler tritt." 



Strich entwickelt als die beiden Grundbegriffe, mit denen der Unver- 
gänglichkeitsanspruch des künstlerischen Menschen befriedigt wird, den der 
Vollendung und den der Unendhchkeit. In dem ersteren erkennen wir die 
Tendenz zur Verewigung des Vollkommenen, die entscheidende Wunsch- 
regung des apollinischen Künstlers wieder. Der letztere bezeichnet den Aus- 
klang der dionysischen Produktion, in welcher alle Wertbegriffe in der Un- 
entschiedenheit zwischen den Gegensatzpaaren: Beißen und Saugen, Intro- 
jektion und Herausbrechen, Männlich und Weiblich aufgelöst werden. Ein 
Teil davon ist das „Jenseits von Gut und Böse". 

Die tragische Dichtung, in welcher nach Nietzsches Konzeption die apol- 
linische und die dionysische Haltung ineinander verwachsen, enthält das eine 
neben dem andern. Wir können uns der Synthese, die in ihr entsteht, hier 
nicht mehr widmen. Einen Ausblick darauf vermag aber jene Hyperionstelle 
Hölderlins zu geben, die lautet: 

„Eines zu sein, mit allem, das ist Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen. 
Eines zu sein mit allem, was lebt in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der 
Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden. — Eines zu sein mit allem was lebt! 

8) R. Kleinpaul, „Das Stromgebiet der Sprache", Leipzig 1892. 

9) Fritz Strich, „Deutsche Klassik und Romantik", München 1922. 

10) Von psychoanalytischer Seite hat A. A. Brill das Thema Dichtung und Oralbefriedi- 
gung („Über Dichtung und orale Befriedigung", Imago, XIX, 1933) behandelt. Seine Arbeit 
macht einen allgemeinen Zusammenhang zwischen Dichten und oralerotischer Fixierung 
wahrscheinlich. Mit Fragen der Typenscheidung setzt sie sich nicht besonders eingehend 
auseinander. Sie bringt jedoch durch ein sehr vielseitiges Material aus der Literatur, Kranken- 
fällen und Kinderbeobachtungen einen weitgespannten Überblick über das mannigfaltige 
Vorkommen dieser Verbindung. 



2l8 Alexander Mette: Zur Psychologie des Dionysischen 

Mit diesem Worte legt die Tugend den zürnenden Harnisch, der Geist des Menschen den 
Zepter weg, und alle Gedanken schwinden vor dem Bilde der ewig-einen Welt, wie die 
Regeln des ringenden Künstlers vor seiner Urania, und das eherne Schicksal entsagt der 
Herrschaft, und aus dem Bunde der Wesen schwindet der Tod, und Unzertrennlichkeit, 
ewige Jugend beseliget, verschönert die Welt." 

Hier ist wirklich beides vereinigt. Wir gewahren neben der Verabschiedung 
der strengen Gewalten eines zuvor offenbar als beengend empfundenen Über- 
Ichs (worin sich die orale Fixierung bekundet) die Beziehung zur apollinischen 
Ewigkeitswelt und einem ästhetischen Sein vollendeter Schönheit. 

Emil Lorenz hat in seiner Studie „Chaos und Ritus"^^ den Gedanken aus- 
gesprochen, daß die Zeit des Überganges zum Ackerbau (die auch der Pflege 
des "Weines und der Gärungsgetränke gedeihlicheren Boden gegeben haben 
wird) eine Verschiebung im Psychischen zur Folge haben mußte, indem sie 
einerseits ein neues Verhältnis zur Mutter als Nährspenderin, andererseits 
eine Entthronung des Vaters aus früherer Vorrangstellung erwirkte. Die 
Vegetationskulte, die er aus diesem Aspekt durchleuchtet, weisen eine von 
ihm selbst kenntlich gemachte Verwandtschaft mit Erscheinungen des griechi- 
schen Dionysismus auf. In einer eingeflochtenen Bemerkung stellt er ihrem 
wesentlich weiblichen Gepräge das Apollinische als männliches Prinzip gegen- 
über. "Wir müssen dieser Auffassung ganz beipflichten, wie es auf dem Wege 
unserer Darlegung schon einmal in einer Gegenüberstellung der Gottheiten 
geschah. 

Im tragischen Kunstwerk nun gewinnt das eine neben dem anderen Prinzip 
geistigen Raum. Der Vaterteil des Über-Ichs tritt im Kampf um Recht und 
Unrecht, um Schuld und Sühne, sichtbar in Szene. Diese Haltung erreicht 
der tragische Künstler durch eine Abschwächung des manischen Anteils im 
Schaffensakt, die auf jener Hereinnahme der Beziehung zur Ewigkeitssphäre 
in das Gesamtbild dieses Produktionsaktes und der ihm entsprechenden 
Seelenhaltung zu beruhen scheint. Die beiden "Wurzeln vereinigen sich also 
wirklich zu einem Dritten, das mehr ist als eine bloße Summation. Wir 
können, wie ich es schon in einer früheren, weniger tiefdringenden kleinen 
Studie über die „Geburt der Tragödie" als unerläßlich empfand,^^ nicht genug 
die Spürkraft eines Geistes rühmen, der ohne den Boden der Erkenntnisse 
Freuds soweit in das Spiel der menschlichen Seele hereinzuloten vermochte, 
wie Nietzsche es in der Aufstellung der drei Bezirke: apollinisch, dionysisch 
und tragisch getan hat. 

ii) Emil Lorenz, „Chaos und Ritus". Über Herkunft der Vegetationskulte. Imago, 
XVII, 193 1. 

12) Alexander Mette, „Nietzsches Geburt der Tragödie in psychoanalytischer Beleuch- 
tung". Imago, XVIII, 1932. 



l 



MITTEILUNGEN UND DISKUSSIONEN 



Zur Psychopathologie alltäglicher telepathischer 

Erscheinungen 

Bemerkungen zu dem Aufsatz von I. Hollös^ 

Von 
Paul Schilder 

New=york 

Freuds Kapitel über „Traum und Okkultismus" (in den neuen Vorlesungen zur 
Einführung in die Psychoanalyse) hat in analytischen Kreisen das Interesse an Fragen 
okkulter Art neu belebt. Obwohl Freud sich nicht ausdrücklich dahin äußert, daß 
Telepathie (Übertragung von Gedanken ohne jedwede Vermittelung von Sinnes- 
organen) wirklich existiere, so läßt doch seine ganze Darstellung keinen Zweifel 
übrig, daß er an Telepathie glaubt und lediglich aus Gründen wissenschaftlicher Vor- 
sicht die volle Evidenz abwarten will. I. Hollös ist jedoch über solche Zweifel 
hinaus. Er sieht die Existenz telepathischer Phänomene als erwiesen an und be- 
trachtet telepathische Phänomene sogar als so alltäglich, daß er es als nicht erstaun- 
hch ansieht, daß er in lo oder 12 Jahren mehr als fünfhundert Fälle sammeln 
konnte, in denen das Denken des Analytikers und des Analysierten in telepathischer 
Abhängigkeit voneinander waren. Ja, er ist der Ansicht, daß solche Phänomene in 
der alltäglichen psychoanalytischen Arbeit von größter Bedeutung sein könnten. 

Man mag zunächst die Frage stellen, warum der Analytiker an okkulten Phäno- 
menen als Analytiker besonderes Interesse haben sollte. 

Man könnte meinen, daß die Existenz der Telepathie eine Tatsachenfrage sei, für 
deren Feststellung und Erforschung analytische Kenntnisse nicht nötig seien. So 
liegt z. B. auch die Frage, ob drahtlose Telegraphie möglich sei, jenseits analytischer 
Kompetenz. In der Tat sind sehr viele okkulte Forscher völlig unabhängig von der 
Psychoanalyse zu der Ansicht gekommen, daß Telepathie existiere. Das Erlebnis A 
der Person X ruft ein analoges Erlebnis A^ in der Person Y hervor. Aber hier 
ergeben sich bereits Abweichungen. A^ ist nicht immer völlig identisch mit A. 
Eine geHebte Person (Y) stirbt und die Person X sieht den Tod von Y. Man mag 
alle möglichen Variationen ausdenken. Die Uhr von X mag genau um die gleiche 
Zeit stehen bleiben, wenn Y stirbt und X mag die Gedanken haben, daß das Stehen- 
bleiben der Uhr den Tod des Y bedeute. Je größer der Unterschied zwischen A 
und Aj, desto schwieriger wird die objektive Feststellung des telepathischen Tat- 
bestandes. Man könnte versuchen, diesen Tatbestand experimentell herzustellen. 
X nimmt sich vor, so lebhaft das Erlebnis A zu haben, daß es Y affiziert und Y 
nunmehr A^ erlebt. Ich habe in Versuchen mit bekannten „Telepathen" niemals 

i) Diese Zeitschrift XIX, 1933. S. J23 — J46. 



Paul Schilder 



solche Resultate erzielt. Ich stehe daher der Annahme telepathischer Erscheinungen 
dieser Art ablehnend gegenüber, wenn ich mir auch bewußt bin, daß meine Er- 
fahrung auf diesem Gebiete unzureichend ist. Aber wie immer die Entscheidung 
fallen möge — Untersuchungen dieser Art sind nicht analytisch. Analytisch ist es 
vielmehr belanglos, ob ein Individuum seine Erlebnisse auf telepathischem oder nicht 
telepathischem Wege erlebt. Auch vom Standpunkt der analytischen Technik würde 
es keinen sehr großen Unterschied machen, wenn der Analysierte seine bewußten 
Gedanken auf den Analytiker übertragen würde. Es wäre in mancher Hinsicht viel 
bedenkhcher, wenn die bewußten Gedanken des Analytikers dem Patienten bewußt 
würden. Die Alltagserfahrung spricht mit Entschiedenheit gegen eine derartige 
Übertragung. Der Analysierte verrät keine Kenntnis der bewußten Gedanken des 
Analytikers. Aber Hollös ist sehr wenig an dieser bewußten Übertragung inter- 
essiert. Er findet, daß die auftauchenden Einfälle der Patienten nicht seine Ge- 
danken logisch fortsetzen, sondern zu ihnen in einem frei assoziativen Verhältnis 
stehen wie der Trauminhalt zum latenten Traumgedanken. „Es herrscht der Pri- 
märmechanismus". Fast alle Beispiele H.s zeigen in der Tat eine „symboHsche" Be- 
ziehung zwischen A und A^. Nur Zahlen scheinen eine Ausnahme zu machen, sie 
erscheinen unverändert, wenn auch in anderem Zusammenhang. Auch Freud legt 
auf diesen „symbolischen", den Gesetzen des Ubw. folgenden Zusammenhang .beson- 
deres Gewicht. Wird aber A^ das symbolische Äquivalent von A, dann würde die 
Kenntnis der analytischen Symbollehre in der Tat ein wichtiges, ja unumgängUches 
Hilfsmittel zur Erforschung telepathischer Phänomene. Sollte eine solche tele- 
pathische Übertragung möglich sein und kein allzu seltenes Vorkommnis darstellen, 
dann wären die Folgerungen für die analytische Theorie und Praxis geradezu un- 
übersehbar. Hollös unterstreicht die erfreulichen Möglichkeiten. Die telepathische 
Übertragung hilft dem Analytiker zum Verständnis des unbewußten Seelenlebens 
des Kranken, aber bei genügend fester Übertragung würde der Analysand ja auch 
die Anschauungen und „Vorurteile" des Analytikers „empfangen" und in symboli- 
scher Sprache darstellen. Der Analytiker wäre so in Gefahr, all das von dem 
Patienten zu hören, was er dem Analysanden telepathisch übertragen hat, und er 
wird es noch dazu in einer Sprache hören, die ihm besonders vertraut und wichtig 
ist, in der Sprache des Ubw. 

Es ist also eine brennende Frage, ob die von Hollös beschriebenen Phänomene 
wirklich als telepathisch angesehen werden können. Mir selbst ist die symbolisch- 
telepathische Übertragung seit langem ein Problem gewesen. Als ich mit Hanus- 
s e n, der in der Nachkriegszeit den Ruf eines großen Telepathen genoß, experimen- 
tierte und einen runden Tisch lebhaft vorstellte, zeichnete Hanussen einen Kreis, 
von dessen Peripherie einige Linien (5) strahlenartig ausgingen. Die Zeichnung legte 
mir den Gedanken einer symbolischen Übertragung nahe. Dieses Beispiel bheb aber 
vereinzelt und wenn als A genügend bestimmte Vorstellungen gewählt wurden, waren 
die telepathischen Resultate geradezu beschämend negativ. Ich habe seit langer Zeit 
Koinzidenzen mein Augenmerk zugewendet und werde einige hier anführen. 

In einer der psychoanalytischen Vereinigungen sind zwei Kollegen, die eine ge- 



Psychopathologie alltäglicher telepathischer Erscheinungen 



221 



wisse Ähnlichkeit miteinander aufweisen. Während sich der Lebensweg des einen (M) 
erfolgreich gestaltet hat, ist der andere aus meinem Gesichtskreis entschwunden; 
ich treffe eines Tages den erfolgreichen Kollegen und denke an seinen Quasidoppel- 
gänger (N), dessen Name mir jedoch nicht ins Gedächtnis kommen will, obwohl 
ich angestrengt nachdenke. Am nächsten Morgen erhalte ich aus fernen Landen 
einen Brief, der von einem Rechtsanwalt geschrieben ist, dessen Name gleichfalls N 
ist. Er ist bereits auf dem Briefumschlag zu lesen. Nun ist N (zumindest in meinem 
Kreis) ein seltener Name. Ich kenne außer N nur eine Person, die den gleichen 
Namen trägt. Er hat, nebenbei bemerkt, ein tragisches Ende gehabt. Der Brief des 
Rechtsanwaltes enthält die Mitteilung, daß eine Patientin, die ich lange (und er- 
folglos) behandelt hatte, vor mehr als Jahresfrist gestorben war und mir eine kleinere 
Summe vermacht hatte. Ich kann mich nicht erinnern, an diese Patientin gedacht 
zu haben, seit ich sie aus den Augen verloren hatte. Ich erzähle die Geschichte 
absichtlich mit Einzelheiten. Die analytische Deutung meines Namensvergessens ist 
durchsichtig. Ich protestierte offenbar gegen die Feindseligkeit, die mir mein „Un- 
bewußtes" gegen M zumutete und die sich in dem Vergleich mit N ausdrückte. 
Aber es ist schwer, eine Verbindung zwischen M, N und meiner Patientin herzu- 
stellen. Diese war ein recht schwieriges Problem, sie hatte die anderen Ärzte un- 
geduldig gemacht. Der Ernst ihres körperlichen Leidens war von berühmten Ärzten 
nie recht anerkannt worden. Sie war schließlich für Jahre ins Bett geflüchtet, aus 
dem sie keine Psychotherapie hervorlocken konnte. Vermutlich gelang es ihr, sich 
auf diese Weise schließlich zu töten, da ihre Neurose es ihr verbot, ihrer Knochen- 
tuberkulose die entsprechende Pflege zukommen zu lassen. Ich hatte mich, als ich 
die Aussichtslosigkeit energischerer Psychotherapie erkannt hatte, auf die Rolle des 
Trösters beschränkt, wofür mir die Patientin dankbar war. Ich mag mich für meine 
von der Patientin attestierte „Güte" auf den Rücken geklopft haben. Mein Ver- 
gleich zwischen M und N konnte berechtigte Zweifel an meiner eigenen Gütigkeit 
hervorgerufen haben. Aber der Brief war lo Tage vorher abgesendet. Der Rechts- 
anwalt N ist mir unbekannt. Er lebt in einer Stadt, in welcher ich niemals gewesen 
bin. Warum wurde sein Name gerade an diesem Tage wirksam? Es ist wahr, ich 
traf M. Ich denke nicht immer an N, wenn ich M treffe. Hat die telepathische 
Wirkung des Briefsenders hier eingewirkt? Ich antworte unbedenklich mit einem 
Nein. Es ist eine Koinzidenz, aber keine Telepathie. Die Koinzidenz drängt sich 
mir stärker auf als anderen, weil ihre Wahrnehmung mein Ubw-Erleben zur Voraus- 
setzung hat. Dies ist m. E. der Grund, warum — wie auch Hollos hervorhebt — 
solche Ereignisse auf den Fernstehenden keinen besonderen Eindruck machen. Man 
fühlt sich ertappt. Gewiß schmeichelt, wie Hollos hervorhebt, jede „Koinzidenz" 
dem Narzißmus, das eigene Leben erscheint sinnvoller, als es vermutlich ist, aber der 
Narzißmus ist nicht der alleinige Erklärungsgrund, daß die anderen an unseren 
Koinzidenzen so wenig interessiert sind. 

In einem anderen Beispiel ist der Charakter des erstaunlichen Zusammentreffens 
noch deutlicher. Ich habe an den Herausgeber einer wissenschaftlichen Buchfolge 
in einer mir sehr wichtigen Angelegenheit einen Brief zu schreiben; ich habe diesen 



Paul Schilder 



Brief am Montag teilweise abgeschlossen, kann ihn aber wegen gewisser technischer 
Schwierigkeiten nicht abschicken; die Angelegenheit beschäftigt mich lebhaft. Am 
Nachmittag des gleichen Tages hypnotisiere ich eine Patientin, die wegen einer 
Amnesie ins Spital eingeliefert worden war; (ich tue das gegenwärtig nicht so selten). 
Es ist natürlich von besonderer Wichtigkeit, die Adresse der Patientin zu erfahren. 
Zu meiner Überraschung wohnt die Patientin (wie sie sich in der Hypnose erinnert) 
in einer Straße, die den Namen des Herausgebers trägt. Obwohl, wie man mir 
versichert, der Name des Herausgebers nicht sehr ungewöhnlich ist, kann ich mich 
doch nicht erinnern, diesen Namen jemals anderswo angetroffen zu haben. Die 
Existenz einer solchen Straße war mir völlig unbekannt (und konnte mir auch der 
Sachlage nach nicht bekannt sein, da es sich um eine unbedeutende Straße in einem 
Vorort handelt, von dem ich niemals gehört hatte). Die Patientin kann nicht 
amnestisch geworden sein, weil sie in dieser Straße wohnt; ihr vbw. Denken an diese 
Straße könnte mich verleitet haben, sie zu hypnotisieren, obgleich das weit hergeholt 
erscheint. Die Namensgleichheit ist aber lediglich ein Zusammentreffen. Mein In- 
teresse macht das Zusammentreffen bedeutsam. Der Brief wurde am Morgen des 
nächsten Tages abgesendet. 

Bemerkenswerter ist das nächste Beispiel. Die Probleme und Haltungen des Ana- 
lytikers spielen diesmal keine Rolle. Es handelt sich um eine Koinzidenz in der 
Analyse zweier Analysanden, R. und S.; beide sind ungefähr in der loo. Stunde (sie 
haben nicht zu gleicher Zeit begonnen). S. wünscht nicht, daß es bekannt werde, 
daß er in Analyse ist, ich habe daher Vorsorge zu treffen, daß er nicht mit Leuten 
zusammenstoße, die er möglicherweise kennt. R. ist ein solcher Analysand. An 
einem Sonntag muß ich die Stunden so legen, daß die Stunde von S. der Stunde von 
R. folgt. Ich mache S. daher aufmerksam, er solle lieber etwas später kommen. 
S. beschäftigt sich lebhaft mit dem Gedanken, wer diese andere Person sein könnte. 
R., in dessen Analyse Kastrationsmotive immer mehr in den Vordergrund treten, 
bringt an diesem Tage einen längeren Traum, der sich zunächst um ein Pferd mit 
kurzen Hinterbeinen dreht. SchHeßlich will er in ein Haus gehen, aber der Schlüssel, 
den er hat, paßt nicht, er fühlt Verwirrung. Jemand folgt ihm, er erblindet und 
versucht wegzurennen, dann pocht er laut an das Tor. 

Die Einfälle bringen eine große Neugierde, die Ausscheidungs- und Sexualfunk- 
tionen der Tiere betreffend, zum Vorschein. Er glaubte, daß der Sexualverkehr der 
Tiere anal stattfinde. Seine Augen machen ihm gegenwärtig zu schaffen. Er glaubt, 
daß er seine Augengläser wird abändern müssen — (er ist kurzsichtig). Er fürchtet, 
zu erblinden. — Ein Buch von Kipling kommt ihm in den Sinn. 

S. kommt in der folgenden Stunde. Er war am Tage vorher zum Augenarzt ge- 
gangen. Er hatte Homatropin eingetropft bekommen und sah den ganzen Tag sehr 
schlecht. Es ist seit 9 Jahren das erste Mal, daß er seine Augen untersuchen läßt. Die 
Phantasie drängt sich ihm auf, ob er lieber blind oder taub sein würde oder was 
geschehen würde, wenn er nicht gehen könnte. Sein "Wunsch geht zur Aufgabe der 
Objektbeziehungen, besonders der sexuellen und zu einem Zurückgleiten auf prä- 
genitale und narzißtische Stufen. 



Psychopathologie alltäglicher telepathischer Erscheinungen 



823 



Keiner der beiden Analysanden hatte vorher von Erblindung gesprochen. Niemals 
vorher waren die Stunden beider einander unmittelbar gefolgt. Blindheit hat 
auch in den folgenden 80 Stunden beider Patienten niemals wieder eine Rolle gespielt. 
Ich habe mir natürlich die Frage vorgelegt, inwieweit eigene ubw. Tendenzen die 
Analysanden beeinflußt haben könnten. Soweit eine solche Antwort überhaupt 
möglich ist, muß sie mit Nein beantwortet werden. 

Ist es denkbar, daß S. eine telepathische Botschaft an R. abgab, den er möglicher- 
weise überhaupt nicht kennt und von dessen Kommen zum Analytiker er gewiß 
keine Ahnung hatte? Die „Augen"erlebnisse beider Analysanden spielten sich ab, 
bevor sie zum Analytiker kamen. R. wußte nicht, daß ein Analysand seiner Stunde 
folge, den er nicht „sehen" sollte. Würde man gleichwohl einen Zusammenhang an- 
nehmen, so wären die Wege der Telepathie sehr schwer verständlich. Zeitlich fallen 
die beiden Erlebnisse nicht zusammen; in dem einen Falle ist es der Nachmittag und 
Abend (S.), in dem anderen Nacht (im Traum) (R.). In dem einen Falle ist es ein 
flüchtiger Gedanke (S.), in dem anderen eine volle Wahrnehmung (R.). Man 
sieht, wie viele kleinere Unstimmigkeiten in einem solchen Beispiel, das zunächst 
schlagend erscheint, unterlaufen. A und A^ stehen nicht in einem eindeutigen zeit- 
lichen Zusammenhang und sind nicht völlig identisch, ganz zu schweigen davon, daß 
A und Ai trotz äußerer Ähnlichkeit analytisch eine verschiedene Bedeutung haben. 

Wenn man Freuds und Hollös' Beispiele durchsieht, so findet man die gleiche 
Unstimmigkeit. Die Patienten berichten in drei aufeinanderfolgenden Stunden, daß 
sie fürchten, verrückt zu werden. Der Name Forsith hat Ähnlichkeit mit dem 
Wort foresight — Vorsicht — (vgl. Freud). A und A^ stehen hier in denselben 
komplizierten Beziehungen wie manifeste und latente Traumgedanken. Das hat 
Hollös sehr klar formuliert. Er hat auch viele solche Beispiele gesammelt. Eine 
Patientin spricht von Husarenrostbraten, er selbst denkt an 20, was in Ungarisch 
huszon heißt. (Hollös macht meistens nur ungenaue Angaben über die Zeit, die 
zwischen seinen Gedanken und der Bemerkung des Patienten verstreicht.) 

Wenn man aber den Zusammenhang zwischen A und Aj für gegeben ansieht, 
sofern nur eine entfernt symbolische Beziehung besteht, ist der Willkür Tür und 
Tor geöffnet. Ich habe in meinen Studien über Gedankenentwicklung darauf ver- 
wiesen, daß das Denken mit Hilfe schematischer Diagramme in raschen Schritten 
vom Allgemeinen zum Konkreten fortschreitet und weite Strecken der Denkmöglich- 
keiten durchläuft. Auf diesem Wege, dem Wege durch die „Sphäre", werden die 
Denkmöglichkeiten sehr rasch erschöpft. In der Tat gibt es typische Symbole, 
die jedem Analytiker geläufig sind; anders ausgedrückt: die Sprache des Systems 
Ubw. weist in allen menschlichen Wesen tiefe Gemeinsamkeiten auf. Ähnlichkeiten 
zwischen Gedanken werden sich daher im allgemeinen häufen müssen, je tiefer man 
in die symbolische Sphäre hinuntersteigt. Die Zahl der Gegenstände, die für das 
System Ubw. von Belang sind, ist notwendigerweise von vornherein begrenzt. Aber 
wie Marbe gezeigt hat, sind auch die Möglichkeiten selbständigen Denkens in einem 
Kulturkreise sehr begrenzt. Menschliche Wesen haben sehr wenig Originalität. Ana- 
lytiker und Analysierter gehören im allgemeinen dem gleichen Kulturkreis und ahn- 



284 Siegfried Bernfeld und Sergej Feitelberg 

liehen sozialen Schichten an. Mögen die Äußerungen des Analytikers auch spärlich 
sein, er hat doch eine charakteristische Ausdrucks- und Denkweise, die vom Ana- 
hsierten aufgenommen wird (zum großen Teil durch Identifizierungen im 
System Ubw.). Zieht man all diese Möglichkeiten in Betracht, so wird man 
zu der Ansicht kommen, daß sowohl die Beispiele Freuds als auch die 
Beispiele von Hollös erklärt werden können, ohne daß man die An- 
nahme einer Übertragung ohne Hilfe der Sinne annimmt. Der Beweis telepathischer 
Phänomene ist nicht erbracht. Es ist möglich, daß die Psychoanalyse ihn erleichtern 
kann. Besondere methodische Vorsichtsmaßregeln werden unumgänglich sein. Es ist 
auch mir wahrscheinlich, daß die telepathische Übertragung, falls sie existiert, sich 
eher der Mechanismen des Ubw., als der Mechanismen des Vbw. und Bw. bedienen 
dürfte. Aber das sind vorläufig nur Gedankenspielereien. Man mag allerdings der 
Ansicht sein, daß ein jedes Spiel für den Ernstfall vorbereite und daß es gut sei, daß 
die Psychoanalyse gedanklich gerüstet sei, die telepathischen Phänomene ihrem 
Kreise einzuordnen, falls sie wirkHch einmal bewiesen werden sollten. Man mag 
aber auch der Ansicht sein, daß es voreilig ist, die theoretischen Möglichkeiten 
durchzudenken, bevor Tatsachen festgestellt sind. 



Bericht über einige psycho^rphysiologische 

Arbeiten 

Von 

Siegfried Bernfeld und Sergej Feitelterg 

Wien 

Unsere Aufsätze über „Energie und Trieb" in der „Imago"' fanden einiges, wenn 
auch nicht durchaus wohlwollendes Interesse. Balint und Czillag,^ Kapp,' Pen- 
rose* haben in längeren Ausführungen grundsätzliche Bedenken und eine Reihe von 
speziellen Einwänden vorgebracht. Wir haben bisher nur auf die Bemerkungen von 
Balint und Czillag in einer kurzen Erwiderung geantwortet^ und dies auch, wie 



i) Bernfeld-Feitelberg, Das Prinzip von Le Chatelier und der Selbsterhaltungstrieb. 
Image XV. 1929. — Bernfeld-Feitelberg, Über psychische Energie, Libido und deren 
Meßbarkeit. Imago XVI. 1930. — Bernfeld-Feitelberg, Über die Temperaturdifferenz 
zwischen Gehirn und Körper. Ibid. — Bernfeld-Feitelberg, Der Entropiesatz und der 
Todestrieb. Ibid. — Sonderausgabe unter dem Titel: Bernfeld-Feitelberg, Energie und 
Trieb; psychoanalytische Studien zur Psychophysiologie. Intern. Psychoan. Verlag. 1930. 

2) Michael Balint u. Paul Csillag, Zur Kritik der Libidometrie nach Bernfeld und 
Feitelberg. Imago XVIL 1931. — Balint u. Csillag, Schlußbemerkungen. Ibid. 

3) Reginald O. Kapp, Comments on Bernfeld and Feitelberg's „The Principle of Entropy 
and the Death Instinct". Intern. Journ. of Psa. XIL 1931. 

4) L. S. Penrose, Freud's Theory of Instinct and other Psychobiological Theories. 
Intern. Journ. of Psa. XII. 1931. 

5) Bernfeld-Feitelberg, Erwiderung auf Balint und Csillag. Imago XVIL 193 1. 



Bericht über einige psycho-physiologische Arbeiten 



225 



wir betonten, bloß ungern, weil unsere theoretischen Ansätze von Anfang an ledig- 
lich als Arbeitshypothesen gedacht waren, die neue experimentelle Forschungen an- 
regen sollten. Es kommt uns nicht darauf an, unsere Vermutungen theoretisch zu 
verteidigen; wir sind gerne bereit, sie gegen andere zu vertauschen und fühlten uns 
nicht beschämt, wenn sie widerlegt würden. Es ist die Aufgabe einer Arbeitshypo- 
these, die Fragen so zu stellen, daß sie verifiziert oder falsifiziert werden können. 
Aber eben darum ist die Diskussion, soweit sie nicht auf experimentell gewonnenen 
Fakten ruht, wenig fruchtbar. Sie könnte freilich formale Widersprüche oder sach- 
liche Unmöglichkeiten aufdecken. Die genannten Autoren haben wenigstens nicht 
an wesentlichen Punkten solche imanente Kritik geübt. Wir glaubten daher, für 
das Interesse, dessen Symptom jene Aufsätze sind, nicht besser danken zu können, als 
daß wir die Zeit abwarteten, in der wir konkrete Resultate vorlegen könnten. 

Inzwischen haben die experimentellen Studien, die wir bald nach Erscheinen von 
„Energie und Trieb" begannen — und noch fortsetzen — , solche ersten Ergebnisse 
gebracht. Einiges davon wurde an nicht leicht zugänglicher Stelle veröffentlicht, 
einzelnes in Vorträgen mitgeteilt, manches wird vermutlich noch eine Zeitlang un- 
publiziert bleiben. Es ist daher vielleicht erwünscht, wenn wir hier summarisch 
über die bisherigen Ergebnisse, soweit sie für die Leser dieser Zeitschrift Interesse 
haben mögen, vorläufig berichten. 

Die Theorie, die wir vorlegten und von der wir erwarten, daß sie das Problem 
der Messung der Libido und der psychischen Phänomene ins Stadium der experimen- 
tellen Entscheidbarkeit erhebt, ruht auf drei miteinander verbundenen Grundan- 
nahmen: 

1. Zwischen dem Zentralapparat (Gehirn) und dem Körper besteht eine physi- 
kalisch meßbare Spannung, die im Ruhezustand der Person ansteigt, bei Leistungen 
der Person sinkt. Wir nannten diese Spannung das Potential der Person. 

2. Der Wahrnehmungsvorgang ist an Übertragung von Energie aus der Außen- 
welt in das „System Person" gebunden. Die physikalischen Kräfte leisten an den 
Sinnesorganen Arbeit, die wir die Reizarbeit nannten. Erreicht die Reizarbeit eine 
bestimmte Größe, so findet eine Wahrnehmung statt. Dieses Quantum Reizarbeit 
nennen wir Schwellenarbeit und sagen: die Schwellenarbeit ist konstant. 

3. Beim Wahrnehmungsvorgang sinkt das Potential der Person; die Wahrnehmung 
geschieht auf Kosten des Potentials. 

Für die Richtung unserer experimentellen Arbeit ist noch die Hoffnung entschei- 
dend, daß sich für die Beziehung zwischen Schwellenarbeit und Potential der Person 
eine bestimmte Funktion wird angeben lassen. In diesem Falle ließe sich das Poten- 
tial der Person im sinnespsychologischen Experiment, also erst eigentlich praktisch 
möglich, messen. In erster Annäherung läßt sich der psychoanalytische Begriff der 
Libido mit dem physikalischen Begriff des Potentials der Person identifizieren. Man 
könnte daher, wenn unsere erste Annahme sich bewahrheitet, von der Möghchkeit 
einer Libidometrie sprechen. Die zweite Annahme ist an sich von der ersten un- 
abhängig; läßt sie sich aber zugleich mit der ersten verifizieren, so eröffnet sich ein 
praktisch gangbarer Weg zur Libidometrie. Bei Verifizierung der Annahme von der 

Imago XX/i. ,, 



Konstanz der Schwellenarbeit und Falsifizierung der Annahme vom Potential der 
Person würde zwar die psychologisch so wichtige Frage der Meßbarkeit psychischer 
Phänomene wenn auch noch lange nicht gelöst, so doch in ein neues und sehr inter- 
essantes Stadium der Diskussion gehoben, aber der Psychoanalytiker würde an ihr 
zunächst kein unmittelbares Interesse nehmen. 

Unsere Arbeiten haben sich bisher aus mancherlei z. T. technischen Gründen mehr 
mit der Schwellenarbeit als mit dem Potential befaßt. Wir beginnen aber, dem 
Interesse des Psychoanalytikers folgend, unseren Bericht mit den Bemühungen um 
die Libidometrie. In der „libidometrischen Berechnung", die wir auf Grund unserer 
Annahmen an den Protokollen aus der vorliegenden Gehirntemperatur-Literatur vor- 
nahmen,® hatte sich uns ergeben, daß zwischen Gehirn und Körper eine Temperatur- 
differenz besteht, die bei Arbeitsleistungen der Person sinkt, im Ruhezustand steigt. 
Dieses gesetzmäßige Verhalten der Temperaturdifferenz war bisher unbekannt. Es 
kommt uns nun darauf an, diesen Befund an eigenen Tierexperimenten zu prüfen. 

Zwei Einwände, die in Diskussionen häufig erhoben wurden, brauchten uns nicht 
zu entmutigen, waren aber bei der beabsichtigten Versuchsanordnung mit zu be- 
rücksichtigen. I. Das Potential der Person, wenn es ein solches gebe, müsse ein 
elektrisches sein; Untersuchungen von Crile und die Zellforschung der Prager 
Schule sprächen tatsächlich dafür. "Wir hatten diesen Einwand berücksichtigt und 
erwarten in der Temperaturdifferenz nun einen Faktor, allerdings einen als Indikator 
brauchbaren, zu finden. 2. Wenn es auch jenes Verhalten der Temperaturdifferenz 
gebe, so sei es doch ganz ungewiß, woher es rühre. Es könnten sehr zahlreiche Ur- 
sachen auf diesem wenig durchschauten schwierigen physiologischen Arbeitsgebiet 
maßgebend sein. In unserem Zusammenhang ist die Klärung der Frage, wie das 
Potential jeweils zustande kommt, noch unwichtig. Es genügte für unsere Absicht, 
daß zwischen den Potentialänderungen und den Handlungen der Person feste Zu- 
ordnungen bestehen. 

Ehe die eigentliche Prüfung der vermuteten Verhältnisse beginnen kann, war eine 
Reihe von beträchtlichen technischen Schwierigkeiten zu bewältigen. Die bisher ver- 
wendeten Methoden der Gehirntemperaturmessung mußten sow;ohl in bezug auf die 
Operationstechnik als auch in bezug auf das Meßverfahren bedeutend abgeändert 
und entwickelt werden. Diese Arbeit wird gegenwärtig in Gemeinschaft mit Doktor 
Hans Lampl durchgeführt. 

Viel weiter ist die Prüfung der Annahme von der Konstanz der Schwellenarbeit 
gediehen. Wir haben diese Aufgabe z. T. aus technischen Gründen mit dem Studium 
des Drucksinnes begonnen und damit ein Gebiet betreten, auf dem, von einigen 
wenigen Ansätzen, die vielleicht als Vorarbeiten angesprochen werden könnten, ab- 
gesehen, von Grund auf neu anzufangen war. Alle die so zahlreichen Untersuchun- 
gen zur Physiologie und Psychologie des Drucksinnes arbeiten nämlich mit Ge- 
wichten, d. h. soweit sie überhaupt quantitative Zwecke verfolgen, mit d,er Kraft- 
komponente der Energie. Reizarbeit bestimmt sich aber als Produkt von Kraft mal 
Weg. Der Weg, der hier in Rechnung zu stellen wäre, ist der Weg, den ein als Reiz 



6) Über die Temperaturdifferenz... Imago XVI. 1930. 



Bericht über einige psycho-physiologische Arbeiten 



227 



auf der Haut lastendes Gewicht nimmt, also die Eindellung des Gewebes, die es er- 
zeugt. Er wird in der Elastometrie als Eindringungstiefe bezeichnet. Durch Modifi- 
zierung der Apparate, die ihrer Messung in der Elastometrie dienen, gelangten wir 
zu einer genügend leicht handhabbaren Methode, die gestattet, die Messung der Ein- 
dringungstiefe in die Psychologie einzuführen und mit ihrer Hilfe die Reizarbeit zu 
berechnen und ihre Beziehung zur Wahrnehmung, d. i. zur Unterschiedsschwelle zu 
bestimmen. Es ergab sich, daß tatsächlich die Unterschiedsschwellenarbeit konstant 
ist bei Druckreizen von mittlerer Fläche und mittlerem Gewicht.'' 

Wenn eine verhältnismäßig so komplizierte Hypothese, deren Verifizierung seit 
Fechner mit je anderen Mitteln und unter recht verschiedenen Gesichtspunkten 
vergeblich gesucht wird, sich auf einem willkürlich gewählten Sinnesgebiet in einem 
beliebigen Wertebereich so gut bestätigt, so darf angenommen werden, daß weitere 
Forschung zu einer Verallgemeinerung des Gesetzes führen wird. Aber man wird 
um so sorgfältiger prüfen, ob diese Verallgemeinerung experimentell erreichbar ist, 
und um so vorsichtiger weitere Schlüsse ziehen. Bisher haben wir die Gültigkeit 
des Gesetzes für den Drucksinn, in bisher noch nicht publizierten Arbeiten, auch 
bei kleinen Gewichtswerten, bei kleinen Flächen und bei Druckpunkten erwiesen, 
so daß für den Drucksinn die Konstanz der Unterschiedsschwellenarbeit bis zur 
Schmerzgrenze gilt. Diese neuen Experimente wurden von uns gemeinsam mit 
Dr. Marseille ausgeführt. 

Die Sinnespsychologie hat es bekanntlich mit zweierlei Schwellen zu tun. Als 
Reizschwelle bezeichnet man (beim Drucksinn) das geringste Gewicht, das hinreicht, 
eine gerade merkliche Druck- (Berührungs-) Empfindung zu bewirken. Als Unter- 
schiedsschwelle bezeichnet man den Gewichtszuwachs, der ausreicht, um eine Ände- 
rung eines lastenden Gewichtes oder den Unterschied zwischen zwei sukzessiven Be- 
lastungen wahrnehmbar zu machen. Es war bisher nicht geglückt, diese beiden 
Schwellen in einem einzigen Gesetz zu erfassen. Für die Unterschiedsschwelle gilt 
(als erste Annäherung) das Webersche Gesetz; aus ihm ergibt sich aber die Reiz- 
schwelle nicht. Im Kraftmaß (Gewicht) bestimmt, läßt sich die Reizschwelle über- 
haupt bloß als Faktum registrieren, nicht gesetzlich verstehen. Wir durften an- 
nehmen, daß diese Schwierigkeiten sich bei Bestimmung der Schwellen im Energie- 
maß (Schwellenarbeit) beheben würden. Nach unserer Auffassung tritt ja immer 
dann eine Wahrnehmung ein, normaler Wachzustand und normale Aufmerksamkeit 
vorausgesetzt, wenn am Sinnesorgan ein bestimmtes Arbeitsquantum geleistet wurde. 
Es müßte dabei gleichgültig sein, ob die Arbeit am Organ in seinem Ruhezustand 
(Reizschwelle) oder bereits im Erregungszustand (Unterschiedsschwelle) beginnt. Be- 
rechnungen bestätigten diese Annahme.^ Die Experimente, die wir seitdem 
zusammen mit Dr. W. Marseille durchführten, ergaben deutlich den Satz: Die 
Reizschwelle und die Unterschiedsschwelle sind im Energiemaß gleich. Somit läßt 
sich im Energiemaß die Reizschwelle als Spezialfall der Unterschiedsschwelle für das 



7) Bernfeld-Feitelberg, Deformation, Reizbarkeit und Unterschiedsschwelle. Archiv 
für die gesamte Psychologie. Bd. 83. 1932. 

8) Archiv für die gesamte Psychologie. Bd. 83. S. 240 u. 254. 



228 



Siegfried Bernfeld und Sergej Feitelberg 



Vergleichsgewicht Null ableiten; dasselbe Gesetz bestimmt das Verhalten beider 
Schwellen. 

Mit diesen Befunden ist der Drucksinn bis zur Schmerzgrenze im Sinne der Natur- 
wissenschaft meßbar geworden. Ist nämlich eine kleine Anzahl von Konstanten 
bekannt — welche Eigenschaften des Gewebes angeben und außerhalb des psycho- 
logischen Experimentes bestimmt werden — , so genügt eine einzige Schwellenmessung, 
um alle weiteren Schwellenerlebnisse vorauszusagen.^'^ 

Wir möchten nicht versäumen, einige Präzisierungen anzumerken, die vermutlich 
manche Leser als Einschränkung des "Wertes unserer Arbeiten einschätzen werden. 

1. Wir glauben nicht „Empfindungen" zu messen; sondern wir messen Schwellen. 
Die Unterscheidung ist minutiös aber in der seit Fechner so langwierig, leiden- 
schaftlich und ergebnislos um das Problem der Empfindungsmessung geführten 
Diskussion sehr bedeutsam. Dem Psychoanalytiker darf die Messung „bloß" von 
Schwellen genügen, da er die Schwellen nicht für minder psychisch hält als die 
Empfindungen. Unsere Meßweise ermöglicht, als Fortschritt über die üblichen 
Methoden hinaus, die Schwellenarbeit in Erg (oder einem beliebigen konventionellen 
Maßsystem) auszudrücken. 

2. Die Abänderungsschwellen und Vergleichsschwellen werden meistens ununter- 
schieden als Unterschiedsschwellen zusammengefaßt. Unsere Untersuchungen ver- 
anlassen, diese beiden Schwellen schärfer voneinander zu trennen. Wir haben unsere 
Sätze an Abänderungsschwellen gewonnen und bisher nur an ihnen geprüft. 

3. Das Schwellenerlebnis, auf das sich unsere Aussagen beziehen, läßt sich als Ef- 
lebnis: „Da ist etwas (Neues)" umschreiben. Es ist dies das qualitätsärmste Schwel- 
lenerlebnis, das auffindbar ist, und ist mit einem Minimum an Selbstbeobachtung zu 
gewinnen. Für alle jene qualitätsreicheren Erlebnisse, mit denen, meistens völlig 
undifferenziert, die üblichen Drucksinnesuntersuchungen arbeiten, sind unsere Be- 
funde nicht geprüft. 

Die Untersuchungen, über die wir hier berichten, fügen der Methodik der Psycho- 
logie und Physiologie des Drucksinnes, die bisher, soweit sie überhaupt quantitativen 
Fragen zugewendet war, mit dem Kraftmaß auszukommen suchte, das Energiemaß 
als nicht minder leicht handhabbares hinzu. Als in unserem Zusammenhang freilich 
nebensächliches, aber für manche psychologischen und physiologischen Fragestellun- 
gen wichtiges Resultat ergibt sich sogar noch eine dritte Meß weise für Schwellen, 
nämlich die Bestimmung der Gewebsdeformationsschwelle, also die Messung in einer 
Art Extensitätsmaß, das sich bei unseren bisherigen Arbeiten sehr gut bewährte und 
als sehr nützlich erwies. Dieses Maß ruht auf der bisher unbekannten Tatsache, daß 
die relative Deformationsschwelle (analog der relativen Gewichtsschwelle) kon- 
stant ist.' 

Wir sprachen oben davon, daß zur Bestimmung der Schwellenarbeit gewisse Ge- 
webseigenschaften bekannt sein müssen. Es ist natürlich keine psychologische, son- 



8 a) Mit Hilfe einiger Formeln, die wir in unserer Arbeit im Archiv f. d. ges. Psycho!., 
Bd. 83, mitteilten und ausführlich entwickelten. 
9) Arch. f. d. ges. Psychol. Bd. 83. S. 239. 



Bericht über einige psycho-physiologische Arbeiten 



229 



dern eine physiologische Aufgabe, die Werte dieser Konstanten zu ermitteln. Die 
derzeitige Situation der Gewebsphysiologie bietet dem Psychologen diese nötigen An- 
gaben aber nicht. Wir mußten daher die für unsere Zwecke wichtigen Fakten in 
Anknüpfung an die elastometrische Forschung zu gewinnen suchen. Es glückte uns 
empirisch eine Deformationsgleichung aufzustellen, die in erster Annäherung die 
Beziehung zwischen Eindringungstiefe, lastendem Gewicht, Gewebsdicke und den 
Kraftkomponenten im Gewebe gut ausdrückt, also gestattet, durch ein physiologi- 
sches Druckexperiment die relevanten Eigenschaften des Gewebes zu berechnen.'« Um 
die genauere Analyse der Kraftkomponente im Gewebe (Differenzierung zwischen 
Elastizitäts- und Viskositätsfaktoren usw.) bemühen wir uns. Eine unserer Ver- 
mutungen," daß dem Luftdruck dabei eine wichtige Rolle zukomme, bewährt sich 
nicht oder jedenfalls nicht ohne Komplikation.^^ Diese Experimente stellte Dr. Mar- 
seille in der Überdruckkammer des Wiedner Krankenhauses, Wien, an. Von aller 
Deutung abgesehen, enthält unsere Deformationsgleichung einen gewissen Fortschritt 
gegenüber dem bisherigen Zustand der Elastometrie, der nicht nur für physiologische 
Probleme und für eine Reihe klinisch-medizinischer Fragen von Bedeutung sein kann, 
sondern sie auch auf eine Anzahl praktischer Aufgaben anwendbar macht. 

Scheinen schon die drucksinnespsychologischen Arbeiten vom unmittelbaren In- 
teresse des Psychoanalytikers weit abzustehen, so mögen diese gewebsphysiologischen 
Untersuchungen erst recht als ganz abwegig erachtet werden. Demgegenüber möch- 
ten wir jedoch darauf hinweisen, daß eine quantitativ fundierte Erforschung der 
Psychologie und Physiologie des Ektoderms, als dem Organ der erogenen Zonen, 
doch zu Ergebnissen führen könnte, die unsere psychoanalytische Theorie nahe an- 
gehen. 

Die Fremdartigkeit, die unsere Untersuchungsgegenstände und -weisen für den 
Psychoanalytiker haben mögen, wird vielleicht noch durch folgende Erwägung ein 
wenig abgebaut. Man ist gewohnt anzunehmen, daß die physiologische Basis aller 
belangvollen psychischen Prozesse zentraler Natur ist. Was soll bei dieser von uns 
keineswegs bestrittenen Grundanschauung das Studium der Sinnesphysiologie und 
Sinnespsychologie, also peripherer Prozesse? Leider erlaubt der derzeitige Stand der 
Forschung nur selten, bei recht schwierigen Anordnungen und meist recht strittigen 
Ergebnissen die zentralen physiologischen Prozesse konkret zu studieren und daher 
jene Grundannahme als Arbeitshypothese wirklich fruchtbar zu machen. Der ideale 
Weg wäre, aus den Eigentümlichkeiten der peripheren Prozesse diagnostische Schlüsse 
auf die zentralen ziehen zu können. Er wird natürlich vielfach bestritten. Wenn 
er zu keinem definitiven Resultate führt, so liegt das z. T. daran, daß die peri- 
pheren Prozesse sich der quantitativen Fassung so schlecht fügen wollen. Unsere 
Untersuchungen sind bemüht, diesen Mangel soweit wie möglich zu korrigieren. 
So hat etwa die Schule von Weizsäcker erfolgreich versucht, durch Drucksinnes- 

10) Arch. f. d. ges. Psychol. Bd. 83. S. 207. ~^ 

11) Über psychische Energie... Imago XVI. 1930. 

12) Unsere Argumentation in der Erwiderung auf Baiin t-Csillag zu dieser Frage wird 
durch diesen Befund nicht berührt. 



Prüfungen die Diagnose von Tumoren und die Differentialdiagnose zwischen korti- 
kalen und subkortikalen Schädigungen zu erreichen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß 
die Einführung der Reizarbeitsmessung einen wesentlichen Fortschritt gegenüber den 
rein qualitativen Untersuchungen auf diesem klinisch so wichtigen Gebiet bringen 
wird. Dies sei als ein, und zwar bereits jetzt zur experimentellen Erprobung reifes 
Indiz dafür erwähnt, daß einer der Fortschrittswege zur Erkenntnis der relevanten 
zentralen Vorgänge über die Erweiterung unserer Kenntnisse von den peripheren 
Prozessen führt. 

In unserer theoretischen Arbeit (Imago) hatten wir die Frage der Messung der 
psychischen Phänomene und der Libido in Anknüpfung an das Weber-Fechner- 
sche Gesetz diskutiert und eine bestimmte Deutung des "Web er sehen Gesetzes, die 
unseren Absichten günstig wäre, vorgeschlagen. Es mußte bei dieser Darstellungs- 
weise unklar bleiben, wieweit unsere Grundannahmen und die aus ihnen folgenden 
Untersuchungen, also auch die Ergebnisse, über die wir hier berichten, von der 
Gültigkeit dieses Gesetzes, von einer der bekannten Deutungen desselben und von 
der weitschichtigen widerspruchsvollen Diskussion um es abhängig sind. Wir unter- 
streichen, was aus diesem vorliegenden Bericht wohl deutlich geworden sein mag, 
daß offenbar sowohl unser Satz über die Konstanz der Schwellenarbeit als auch 
über die Def ormationsschwelle ebenso wie die Deformationsgleichung von dem 
ganzen Problemkreis, der sich um das Weber-Fechnersche Gesetz entwickelte, 
völlig unabhängig sind. Das Web er sehe Gesetz wird durch unsere Ergebnisse nicht 
berührt, seine Gültigkeit oder Ungültigkeit beeinflußt unsere Grundannahmen und 
Befunde nicht. 

Hingegen scheinen unsere Untersuchungen geeignet, zum Verständnis des Web er- 
sehen Gesetzes etwas beizutragen. Bekanntlich ist das Web er sehe Gesetz in seiner 
alten Formulierung gewiß nicht mehr als eine Annäherung, die nur für eine mittlere 
Wertstufe (des Gewichtes etwa) gilt. Soll es die empirischen Ergebnisse auch bei 
kleinen Werten richtig ausdrücken, so bedarf es einer Korrektur. Der Reizzuwachs 
ist nämlich nicht proportional dem bereits lastenden Gewicht, wie das Web ersehe 
Gesetz verlangt, sondern diesem Gewicht vermehrt um einen bestimmten Betrag, 
der so gewählt ist, daß er nur bei kleinen Gewichten das Resultat der Rechnung 
merklich verändert, bei größeren vernachlässigt werden kann. Wir sprechen nur 
von diesem korrigierten Web er sehen Gesetz.'* 

Es macht eine Aussage über dieselbe Sehwelle, von der sowohl unser Schwellen- 
arbeitsgesetz als auch unser Deformationsschwellengesetz spricht. Unterstellen wir 
die Richtigkeit aller drei Gesetze, so müssen sie denselben Sachverhalt von je einem 
anderen Gesichtspunkt aus darstellen, und es müßte eine innere sachliche Beziehung 
zwischen ihnen bestehen. Formal müßten sie, da sie in mathematischer Formu- 
lierung vorliegen, auseinander ableitbar sein. Tatsächlich ist so das Web er sehe Ge- 
setz aus jedem der beiden anderen und der Deformationsgleichung mathematisch zu 
gewinnen, und zwar beaehtlicherweise in der empirisch bewährten, korrigierten 
Form. Der sachliche Zusammenhang ergibt sich aus der Überlegung, daß die Reiz- 

13) Imago XVI. S. 98. — Arch. f. d. ges. Psychol. Bd. 83. S. 243. 



Otto Fenichel: Analyse einer Namensverwechslung nach zwanzig Jahren 



231 



arbeit als Produkt von Kraft mal Weg definiert ist. Ist die Schwellenarbeit lion- 
stant, so muß es möglich sein, sie als Funktion der Kraft, also des Gewichts, oder 
als Funktion des Wegs, also der Eindringungstiefe, darzustellen. Der erste Aus- 
druck ergibt das Weber sehe Gesetz, der zweite unser Deformationsschwellengesetz. 
Mißt man die Schwelle im Kraftmaß, durch Gewichte, oder im Extensitätsmaß, durch 
Eindringungstiefen, so ergibt sich die Konstanz der relativen Unterschiedsschwelle 
(der Quotient des Web ersehen Gesetzes und des Deformationsschwellengesetzes), 
mißt man sie im Energiemaß, so erhält man für die Unterschiedsschwelle ein kon- 
stantes (benanntes) Arbeitsquantum.^* Die Konstanz der Schwellenarbeit ist also das 
umfassendere Gesetz, aus dem sich das Web ersehe als Aussage über den einen 
Kraftfaktor der Reizarbeit ergibt. 

Was man das Problem der Deutung des Web er sehen Gesetzes zu nennen pflegt, 
erfährt danach eine recht einfache Lösung. Diese Frage nach der Deutung lautet in 
unserem Zusammenhang: Warum hat die Sehwellenarbeit, als Funktion der Kraft 
ausgedrückt, die bekannte Form des Webersehen Gesetzes? Weil die physiologischen, 
physikalischen Eigenschaften des Gewebes sie erzwingen — lautet dann die Antwort. 
Sie entspricht ungefähr dem, was man seit Wundt die physiologische Deutung des 
Web er sehen Gesetzes nennt. Unsere Deformationsgleiehung — die jene physio- 
logischen, physikalischen Eigenschaften des Gewebes bestimmt — bringt also in ge- 
wissem Sinn eine, soviel wir sehen die erste, Verifizierung dieser seit langem um- 
strittenen Deutungsmöglichkeit. Soweit das Web er sehe Gesetz eine Eigentümlich- 
keit des Psychischen, der Wahrnehmung, erfaßt, würde sich diese psychische Eigen- 
tümlichkeit also auf ein physiologisches Faktum aufbauen. Wir gewinnen hier wieder 
von einer neuen Seite her Anschluß an die von Freud immer vertretene Auffas- 
sung, daß die psychischen Eigentümlichkeiten auf einer physiologischen Gesetzmäßig- 
keit beruhen. 



Analyse einer Namensverwechslung nach 
zwanzig Jahren 

Von 

Otto Fcnichcl 

Oslo 

Freud rechnet die Phantasie, man sei als Kind durch einen Erwachsenen verführt 
worden, die so viel häufiger vorkommt als wirkliche Verführungen, zu den „Urphan- 
tasien" und hat die entschuldigende Verleugnung der autoerotischen Betätigung und 
der ödipuswünsche des Kindes als ihren Sinn erkannt. Sie ermöglicht, sieh in schuld- 
freier Weise sexuellen Gedanken hinzugeben. 

14) Arch. f. d. ges. Psychol. Bd. 83. S. 258. 



232 



Otto Fenichel 



Dies bestätigte die Analyse einer kleinen Fehlhandlung, die zwanzig Jahre nach 
dem Vorfall vorgenommen werden konnte. Es handelt sich um einen Patienten mit 
einer ganz ungewöhnlich starken Sexualhemmung, die einer unbewußten Fixierung an 
die Mutter entspricht. Analytisches Material hatte bereits die Annahme nahegelegt, 
daß Inzestwünsche und Schuldgefühle ihren verdichteten Ausdruck in der unbewußten 
Phantasie gefunden hatten, von der Mutter zu sexueller Betätigung verführt worden 
zu sein. Der Patient hatte diese Deutung zunächst noch nicht akzeptieren können. Kurze 
Zeit darauf kam er auf eine merkwürdige Fehlerinnerung zu sprechen, die ihm, als 
er ein kleiner Junge war, in der Religionsstunde passiert war. Er war über die Ge- 
schichte Josephs befragt worden, hatte sich aber nicht mehr des Namens Potiphai 
entsinnen können. Vom Lehrer um eine Antwort gedrängt, hatte er, im Glauben, 
sich nun endlich des richtigen Namens zu entsinnen, zum Gelächter der ganzen Klasse 
ausgerufen: „Tatacky!" Er wisse, setzte der Patient gleich fort, auch noch die 
Erklärung dieser seltsamen Ersatzbildung. Er habe sich das Wort „Potiphar" ein- 
prägen wollen, indem er an das Wort „Pfote" dachte; als er nun gefragt wurde, 
habe sich statt dessen das Synonym „Tatze" vorgedrängt, und davon habe er 
„Tatacky" gebildet. 

Es Stellte sich heraus, daß der Patient auch jetzt nicht wußte, wer Potiphar war. 
Er meint, sein Weib habe den Joseph geköpft, so eine Kastrationsphantasie ver- 
ratend, merkt aber dann, daß er Potiphars Weib mit der Salome verwechselt. Der 
Analytiker, meint er, würde „köpfen" mit „kastrieren" übersetzen, aber er könne 
versichern, daß die Geschichte von Potiphars Weib nichts mit dem Penis zu 
tun habe. — Sie habe aber gewiß etwas mit der Sexualität zu tun, erwidere ich, und 
erzähle ihm die Geschichte von Potiphars Weib. Ja, meint der Patient, jetzt erinnere 
er sich an die Geschichte, aber das habe man ihnen in der Schule doch sicher nicht 
erzählt! — Ich hielt es für aussichtsreicher, nicht darüber zu diskutieren, sondern 
um weitere Einfälle zu bitten. So hörte ich jetzt, daß „Tatacky" der Name eines 
Kaufmanns war, dessen Namensschild er auf dem Schulweg lesen konnte. Es hätte 
also nahe gelegen, daß ihm, wenn er „Tatze" dachte, der daran anklingende Name, 
den er kurz vorher gelesen hatte, in den Sinn kam. — Es müsse also das Wort „Pfote" 
gewesen sein, an das er schon beim Lernen des Namens Potiphar hatte denken 
müssen, was auch dessen Wiederauftauchen verhinderte, meinte ich; die Pfote, die 
Hand sei also anstößig gewesen. Der Patient beeilte sich, das zu verneinen: Dann 
hätte ihm ja auch das bedeutungsgleiche Ersatzwort „Tatze" nicht einfallen dürfen. 
Überhaupt, meint er dann in vollem Widerspruch zur Wirklichkeit, wäre ja der 
Unterschied zwischen „Potiphar" und „Tatacky" nicht so groß; in beiden Worten 
kämen fast die gleichen Buchstaben vor (!), nur gerade das „Po" fehle in „Tatacky". 
Also, meinte ich, sei das „Po" anstößig. Jetzt wisse er, rief der Patient unwillig, wo 
ich hinaus wolle; ich dächte gewiß an den „Popo". — Nun, ich konnte ein gutes Indiz 
für meine Deutung vorbringen. Wäre die „Pfote" in „Potiphar" einfach durch eine 
„Tatze" ersetzt worden, so hätte das Ersatzwort bestenfalls „Tacky" heißen können. 
Es zeigte aber eine Reduplikation der Silbe „Ta" und hieß „Tatacky", und verriet 
so, welche Veränderung der Patient unbewußt mit dem ursprünglichen Worte vor- 



Analyse einer Namensverwechslung nach zwanzig Jahren 



23a 



genommen hatte. Die anstößige Reduplikation, die es in ein „Popotiphar" verwandelt 
hätte, war auf das Ersatzwort verschoben worden. 

Nun konnten wir erraten, was in dem kleinen Jungen vorgegangen war, als er 
die Geschichte von Potiphars Weib hörte. Sie hatte in ihm den Wunsch geweckt, 
ebenso behandelt zu werden wie Joseph. Auch seine Mutter sollte ihn verführen, 
wobei er sich vorstellte, daß die Verführung durch eine Verbindung von „Hand" 
(Pfote, Tatze) und „Popo" erfolgt, sei es, daß die Hand der Mutter sein Gesäß be- 
rührt oder umgekehrt. Diese Phantasie mußte aus Kastrationsangst verdrängt werden 
und damit auch der Name „Potiphar". 

Einige Zeit darauf berichtete der Patient folgenden Traum: 
^ Ich hin hei Hindenburg eingeladen. Dann bin ich mit seiner Frau im Kinder- 
zimmer, bin stolz darauf, habe aber Angst, ich könnte mich blamieren. Dann geht 
dort im Kinderzimmer eine Füllfeder kaputt und alles fließt voll Tinte." 

Zur Traumsituation fiel ihm die Offiziersmesse im Kriege ein, wo die Blamage- 
gefahr sehr groß gewesen sei; besonders wenn nicht nur die Vorgesetzten, sondern 
auch ihre Damen anwesend waren, habe man auf der Hut sein müssen, um nirgends 
zu beleidigen. Er erinnere sich eines Leutnants, der ein Verhältnis mit der Frau des 
Obersten hatte. In welch unangenehmer Situation sei der doch gewesen: Sei er nett 
zu seiner Geliebten, so beleidige er den Vorgesetzten, andernfalls die Frau, die ihn 
doch daraufhin bei ihrem Mann verleumden könnte. — Aufmerksam gemacht, daß er 
hier wieder zur Potiphargeschichte gekommen sei, wendete er sich dem zweiten Teil 
des Traumes zu: Die Füllfeder sei wohl ein Penissymbol. Zur freien Assoziation 
gemahnt, erinnerte er, scheinbar ohne die Mahnung an Potiphar zur Kenntnis zu 
nehmen, Schulgeschichten; sie haben in der Schule mit Tinte geschmiert, er habe 
das zwar nicht mitgemacht, aber sich schuldig gefühlt, wenn es die andern taten; 
er erinnerte den merkwürdigen Geruch der Schultinte, den Streich, Karbid ins 
Tintenfaß zu werfen, worauf Gestank und Gasentwicklung auftraten, und erinnerte 
nun ein bisher vergessenes Traumstück: „Aus der Füllfeder kam unter merkwürdigen 
Geräuschen Preßluft heraus." 

Nun wußten wir, welche Füllfeder im Kinderzimmer kaputt gegangen war. (Daß 
Hindenburg den Vater, seine Frau also die Mutter bedeutet, dürfen wir wohl 
ohne weiteres annehmen.) Tatsächlich hat er noch als größeres Kind mehrmals die 
Hosen beschmutzt und ist dafür bestraft worden. Nichts anderes kann die Blamage 
sem, die in Gegenwart der Erwachsenen droht. Wenn die anal gedachte Potiphar- 
geschichte mit dieser Blamage in Zusammenhang gebracht wird, so ist nun der Doppel- 
smn der Verführungsphantasie, Entschuldigung für den Inzest und Inzest zugleich 
zu sein, klar: Einmal ist sie eine Entschuldigung — nicht er hat in die Hosen ge- 
macht, sondern die Mutter hat ihn dazu verführt — , das andere Mal bringt sie 
Gelegenheit, anale Berührungen mit der Mutter sich auszudenken, zu denen vielleicht 
auch die Beschmutzungen realen Anlaß geboten hatten. Die Scham, die damals in 
Wirklichkeit bestand, soll durch die Verführungsphantasie aus der Welt geschafft 
werden. Freilich gelingt das nicht ganz. Denn aus Scham mußte nicht nur das an 



all dieses mahnende Wort „Potiphar" vergessen werden, sondern die Blamage fand 
ja selbst ihre Wiederholung, indem die ganze Klasse über das Wort „Tatacky" in 
Lachen ausbrach. 



Kann eine ncucricrnte Sprache zur Sprache 
des Unbewußten werden? 

Wortspiele in Träumen von hebräisch Denkenden 

Von 

Immanuel Vclifcovsfcy 

Tel»Aviv 

Die Frage der Identität der TraumsymboHk in Sprachen verschiedener Herkunft 
ist von weitgehender Bedeutung; ihre Lösung kann auf viele Gebiete der Psychologie 
(Genese der Sprache, Begriffsbildung, kollektives Unbewußtes, Vererbungsmneme 
usw.) Licht werfen. 

Da ich die Analyse oft in hebräischer Sprache durchführe, so hoffe ich, durch den 
Vergleich der Symbolik in der semitischen und in den indogermanischen Sprachen, 
die voneinander weiter entfernt sind als die verschiedenen Zweige des Indogermani- 
schen, einmal zur Klärung dieses Problems beitragen zu können. Als Vorarbeiten 
habe ich „Psychoanalytische Ahnungen in der Traumdeutungskunst der alten Hebräer 
nach dem Traktat Brachoth" (Psa. Bewegung, V. 1933) und die vorliegende Arbeit 
zur Veröffentlichung bestimmt. 

In dieser Studie will ich die Existenz des unbewußten Denkens im Hebräischen 
(erst neu wiedererlebte Sprache, keine Vererbungsmnemen) nachweisen und durch die 
angeführten Beispiele den Reichtum der Wortspiele in Träumen der hebräisch Den- 
kenden ahnen lassen, gleichzeitig für dieses gehäufte Auftreten von Wortspielen im 
Hebräischen eine Erklärung zu geben versuchen. 

Ein Begriff kann dank der Ähnlichkeit der Form, der Eigenschaften, der Funk- 
tionen, der Art der Entstehung oder dank der Ähnlichkeit des Wortklanges an die 
Stelle eines zweiten treten. Das Symbol (entstanden durch Ähnlichkeit der Form, 
Eigenschaft, Funktion oder Entstehungsart) ist nicht oder nicht unbedingt an den 
Sprachausdruck gebunden. Je mehr das Symbol Wortklangähnlichkeit behält, um 
so mehr verliert es von seiner Wirkung. 

Umgekehrt ist es beim Wortspiel: es ist gelungen, wenn nur die Ähnlichkeit im 
Wortklang, sonst aber keine Ähnlichkeit besteht. 

Da die Wortspiele ihrem Wesen nach an die Sprache gebunden sind, sind sie in 
jeder Sprache verschieden. 

Die Entscheidung über die richtige Erfassung der Symbolik in einer auf diesem 
Gebiete noch kaum bearbeiteten Sprache kann man erst nach vieler Erfahrung 
treffen. Die Wortspiele aber, wenn gelöst, verleihen der gefundenen Traumdeutung 



Kann eine neuerlernte Sprache zur Sprache des Unbewußten werden? 



235 



sogleich Sicherheit. Haben wir ein Wortspiel in einem Traum verstanden, so wissen 
wir im allgemeinen, in welcher Sprache der Analysand träumt, welche die Sprache 
seines Unbewußten ist. 

In den Träumen der aus verschiedenen Sprachkulturen und Ländern stammenden 
neuen Bevölkerung Palästinas kommen nicht selten Wortspiele vor, die aus "Wort- 
klängen zweier Sprachen — hebräisch und russisch, hebräisch und arabisch, hebräisch 
und deutsch oder jiddisch usw. zusammengesetzt sind. (In einem Lande mit einer 
nach ihrer Herkunft polyglotten Bevölkerung stellt die Analyse große sprachhche 
Anforderungen an den Analytiker.) 

Zur Illustration wollen wir einige Träume, in welchen ein und derselbe Begriff 
— „Maus" — vorkam, hier wiedergeben. Eine Patientin träumt am Abend der Lotterie- 
ziehung, bei der auch sie ihr Glück versucht, von Mäusen. „Mäuse" heißen im 
Jiddischen: „Maisiech", im Hebräischen: „Maslech" — „Dein Glück". Sie wünscht 
sich den Gewinn. (Übrigens fiel wirkUch jenen Abend ein größeres Los auf ihre 
Nummer.) 

Ein anderer Patient träumt: „Mäuse wühlen in seinem Leibe". Es bedeutet: er hat 
Gewissensbisse. 

Mäuse sind Nagetiere. Gewissensbisse heißen im Russischen „ugrisenia sovesti" 
(Gewissensnagen). 

Gewissensbisse — im Hebräischen „mussar klajoth" (Das Gewissen in den Nieren 
oder Eingeweiden). 

In Verschmelzung dieser zwei Sprachausdrücke kamen die „Nagetiere" (Mgmewza) 
in die „Eingeweide" (klajoth). 

In dem Traume eines dritten Kranken sind die „Mäuse" (hebr. „achbar") seine Pro- 
zeßgegner (arabisch „chbar"). (Diesen Traum bringe ich weiter unten in extenso.) 

Auch ein vierter träumt von einer Maus (im Jiddischen „Maisei"). Der Traum 
deutete in diesem Falle aber nicht auf ein hebräisches "Wortspiel, sondern einfach auf 
eine Schülerin aus der in Palästina bekannten Landwirtschaftlichen Schule von Frau 
Maisei. 

(Die symbolische Überdetermination lassen wir in diesen wie auch in allen hier an- 
geführten Träumen beiseite.) 

Ein weiteres "Wortspiel aus zwei verschiedenen Sprachen: Ein Familienvater aus 
dem Norden des Landes, der sich zwecks Behandlung seiner Impotenz seit einigen 
"Wochen in der Stadt befindet, sieht im Traume: „Einer läuft suchend und fragend 
herum, um Kalk zu kaufen. Der Träumende sagt ihm: Was sorgst du dich darum, 
dort bei deinem Hause ist doch eine Grube voll Kalk." 

Ich stelle an ihn die Frage, ob er einer Dame ein Geschenk gemacht hat, um sie 
für sich zu gewinnen. 

Der Patient wird verlegen. Er hat seine Frau, der er immer treu war, zu Hause 
bei der Landwirtschaft gelassen. Hier lernte er eine Dame kennen, die er mittels 
emes Geschenkes zu erobern versuchte. Er rechtfertigte sich vor seinem Gewissen: 
er muß das Behandlungsresultat (Erreichung der Potenz) prüfen. Die Bekannte 
willigte aber nicht ein. ... 



Diese Geschichte hatte er in der Analyse verheimlicht. Der Patient war gespannt 
zu erfahren, wie die Analyse des Traumes dieses aufdecken konnte. 

,,Sid" heißt im Hebräischen — „Kalk". 

„Sit" heißt im Arabischen — „Dame". 

Er wollte sie vergebens „kaufen". (Er ist selbst der Suchende.) „Dort bei deinem 
Haus" anwortet er sich selber, „hast du immer deine Frau zur Verfügung (Grube 
von Sid)". 

In dem Traum eines Neurotikers stand „Koss" (im Hebr. Trinkglas) für „Kuoss" 
(Vagina im Arab.) — ein weniger schönes Wortspiel, da „Trinkglas" auch als Symbol 
für Vagina stehen konnte. 

Wir kommen nun zu den Wortspielen, die sich allein der hebräischen Sprache 
bedienen. 

Ein Patient sieht sich wiederholt in Träumen auf einem Schiffe fahrend: ,,nossea" 
— „fährt", „b'onija" — „auf einem Schiff". Ein fast gleicher Wortklang in einer 
anderen Transkription bedeutet: „nosse" — „ist verheiratet", „anija" — „mit einer 
Armen". Er warf seiner Frau innerlich vor, daß sie ohne Mitgift war; sein Bruder 
hat eben sehr reich geheiratet. (Auch die phonetische Assoziation zu Onanie ist 
offensichtlich.) 

Dieser ehrgeizige Patient befindet sich in vielen Träumen in einem großen Saal — 
„Ulam"; er wünscht, in der großen Welt {,,Olam") eine Rolle zu spielen. Er hat 
viele Schwierigkeiten von selten eines früheren Kollegen, der sein Vorgesetzter ge- 
worden ist und von dem das Gerücht geht, er hätte Veruntreuungen begangen. Der 
Patient träumt: er will in Gesellschaft gehen; die Hosen passen gut, aber der Rock 
ist unbrauchbar. Es ist kein Paar mehr. „Rock" ■ — „M'il" „der Obere" („der Vor- 
gesetzte") wird von derselben Wurzel „M'il" gebildet. „Veruntreuung" ist „M'ila". 

Bei einem anderen Träumer fand ich „Beged" — „Anzug" für „B'gida" — „Un- 
treue". 

Zwei Patienten sahen im Traum einen Neger — „Kuschi". Dies bedeutete „Hin- 
dernis, Mißgeschick" — „Koschi" (wird auch „Kuschi" ausgesprochen). Der eine 
Träumende, ein Regierungsbeamter, kam in Ungunst und wurde auf eine Provinz- 
stelle versetzt. Sein Neger verkauft Karotten — „Geser". „Gsera" bedeutet „Un- 
gunst". (Sexuelle Überdetermination ist offensichtlich.) 

Manchesmal können die Wortspiele gehäuft auftreten und machen den Traum zu 
einem Wortspielrätsel. 

Ein Gutsbesitzer, der wegen eines Stückes Land mit den benachbarten Arabern 
prozessiert, träumt: „Mäuse sind in einen Kübel hereingefallen. Sie springen und 
versuchen, durch ein Loch im Deckel herauszukommen. Der besorgte Träumer be- 
deckt das Loch mit einer Kachel". 

Dieser Traum ist ein nicht weniger als fünffaches Wortspiel. 

„Maus" heißt hebr. „achhar" ; „chbar" heißt arabisch „Bittsteller, Ankläger" (oben 
erwähnt). 

„Hereinfallen in einen Kübel" — ,,lipol b'pach", eine im Hebr. oft gebrauchte 
Redewendung für Pech haben, hereinfallen. 



Kann eine neuerlernte Sprache zur Sprache des Unbewußten werden? 



237 



„Springende" (Mehrzahl) hebr. „kofzim" aber auch „Reflektanten" siad „Kofzim". 
„Loch" ist hebr. „hör". — Wie heißt der Boden, um den der Prozeß geht? — 
„Hör el Wasa" nennt der Patient den arabischen Ortsnamen. 

Es bleibt noch die Kachel unerklärt. „Beabsichtigen Sie eine Straße durch Ihren 
Boden Hör führen zu lassen, um Ihre Rechte zu stärken?" — „Richtig, ich fahre 
doch jetzt ins Regierungsamt, um dieses durchzusetzen. (Kachel und Chaussee 
sind von derselben "Wurzel „R'zif" gebildet.) 

Die mit ihm prozessierenden Araber, die ungerechterweise auf seinen Boden Hör 
reflektieren, sind hereingefallen; sie werden Pech haben. Er hofft, daß die Führung 
einer Chaussee durch seinen Boden seine Rechte noch mehr sichern wird. 
Dieser Angstneurotiker verschob seine Affekte auf seine Prozesse. 
Oft betrifft das Wortspiel Eigennamen. 

So träumte ein junger Patient, der an schweren Haßausbrüchen gegen seine Mutter 
litt, daß er in kurzem Hemd das Fahrrad des Retters der Strandstation besteigen 
will und es nicht kann. 

Kurzes Hemd — Symbol der Kindheit. Fahrrad („Zweirad" im Hebr.) wird als 
Symbol für die Brüste verstanden. So ist anzunehmen, daß der Retter (hebr. „Mazil") 
hier an Stelle der Mutter steht. „Sieht er der Mutter ähnlich?" — „Nein." „Wie ist 
der Name der Mutter?" — ,,Ima-Zila" antwortet er. 

Ein anderer Traum von ihm ist ein Wassertraum. Er reicht einem im Meere 
Badenden ein Tau. Der Badende erinnert ihn an seine Mutter. „Tau" — ,,Chevel", 
(pluralis brevis „Chevle") „Geburtswehen" — „Chevle leda". Wassertraum — Ge- 
burtstraum. 

Einer träumte von einem Maulesel. „Der Maulesel" — im Hebr. ,,Preda" stand 
im Traume für eine „Frida". (P und F im Hebr. derselbe Buchstabe.) 

Ein Patient, der aus einer reichen Familie stammt, liebt ein Mädchen aus einer 
Arbeitersiedlung. Aus Überzeugung verdient er sein Brot als einfacher Plantagen- 
arbeiter, allerdings ohne seine Familie, mit der er in Spannung lebt, zu verlassen. 
Er sieht im Traume schwarze Enten, die er hüten muß, und die ihn an der Zu- 
sammenkunft mit seinem Mädchen verhindern. Ente — hebr. „Bar-avas" , sein 
Familiennname ist ,,Barvas". 

In diesen Traumbeispielen sind die Eigennamen versteckt. Im nächsten Beispiel 
ist es umgekehrt; ein Name ist gegeben, seine Bedeutung muß enträtselt werden. 

Der Träumer des obenerwähnten Geburtswehentraumes träumt wieder von einem 
Tau, das in Richtung der Kolonie Petach-Tikwa gespannt ist. Die Kolonie Petach- 
Tikwa, die auch „Mutter der Kolonien" genannt wird, steht für „Mutter". 

Hier nähern wir uns den Begriffsspielen, die wir von den Wortspielen dadurch 
unterscheiden wollen, daß sie nicht nach dem Wortklang, sondern nach dem Satz- 
sinn konstruiert sind. Das Begriffsspiel ist eine Übergangsform zwischen Wortspiel 
und Symbohk und kaum mehr an eine bestimmte Sprache gebunden; d. h. es bleibt 
auch in Übersetzung ein Begriffsspiel. 



238 Immanuel Velikovsky 



Und nun zwei Beispiele: Ein Patient bringt als Traum eine Geschichte, in der ein 
Mann mit seiner Schwiegertochter zusammenlebt. Die sexuelle Fabel ist in diesem 
Traume zu sehr gekünstelt und offen. Ich frage ihn, ob er ein solches Sujet gelesen 
oder im Kino gesehen hat. Er erinnert einen solchen Inhalt eines Kinobildes, kann 
sich aber auf den Namen des Films nicht besinnen. ,,Posche ha'kfar" („Bauern- 
sünder") helfe ich ihm. Jetzt weiß er. Er trägt sich mit dem Gedanken, aus Rache 
einen scharfen Artikel über die Missetaten der Bauernorganisation — „Die Bauern- 
sünden" — der Öffentlichkeit zu übergeben. Eine sexuelle Überdetermination war 
hier schwer zu finden. 

Ein mit seinem Bruder in Zwist lebender Neurotiker sieht sich im Traume als 
König von Judäa, den Bruder als König von Israel. (Brüder — Könige, die einander 
befehden.) 

Es ist wohl von Interesse zu erwähnen, daß unbewußte "Wortspiele nicht nur in 
Träumen, sondern auch in automatischen Handlungen' und in der Symptomatik der 
Neurose selbst zu finden sind. 

"Wortspiel in der Symptombildung der Neurose: Ein Angstneurotiker leidet an der 
Furcht vor einem Herzschlag (,,schewez lev"). Bei Beginn der Herz-„Attacke" setzt 
er sich aufs Fahrrad und eilt aus allen Kräften eine große Strecke weit zu mir. 
,Schewez" ist „Einklemmung". — Wer ist Lev.' — „Ich kenne keinen Lev." Ich be- 
harre auf der Frage. Er antwortet: „Ich kenne keinen Lev; ,Leva' ist mein Bruder." 

Und jetzt erzählt er von homosexuellem "Verkehr mit seinem Bruder in früheren 
Jahren. 

Eine Frau leidet an Koprophobie verbunden mit Zwangswaschen. Ihre Angst vor 
"Verunreinigung bezieht sich, wie sich im Laufe der Analyse herausstellt, letzten 
Endes nicht auf sie selber, die Kinder oder den Mann, sondern auf ihren Kleider- 
schrank (Aron). Da wir berechtigt sind, bei dem Zwangsneurotiker ein Spiel mit 
dem Leben eines der Nächsten, der durch das Zeremonial (das "Waschen) eben gerettet 
werden soll, zu vermuten, frage ich: „"Wer ist Aharon?". „Aharon ist mein geliebter 
Stiefbruder. Er war schwer krank, ich pflegte ihn, als er zwischen Leben und Tod 
schwebte. Auch jetzt ist er noch leidend." An seinem Krankenlager tat sie, um 
damit sein Leben zu retten, ein Gelübde, immer rein zu bleiben. (Dies war gleich- 
zeitig ein Ringen mit ihren Inzestregungen.) 

Ihre Koprophobie war die Äußerung ihres inneren Kampfes gegen eine Art des 
Sexualverkehrs, der die Koprophobie verständlich machte und nach dessen "Versuch 
die Krankheit ausbrach. Die "Verunreinigung kann dem Bruder (Aharon — Aron) 
das Leben kosten. 



In dieser Studie glaube ich den Beweis erbracht zu haben, daß das Denken bei 
einem Teil der neu eingewanderten jüdischen Bevölkerung in Palästina auch im Un- 
bewußten bereits in hebräischer Sprache vor sich geht. Dies ist insoweit von allge- 

i) Zu den Wortspielen der automatischen Handlungen (automatisches Schreiben) besitze 
ich Beispiele im Englischen und Ukrainischen. 



Kann eine neuerlernte Sprache zur Sprache des Unbewußten werden? 



239 



meiner Bedeutung, als es Aufschluß über die Frage gibt, ob es möglich ist, durch 
Erwerb einer Sprache noch im jugendlichen Alter, sie zur Sprache des Unbewußten 
zu gestalten.^ Damit ist auch ein gewisser Grad der "Wahrscheinlichkeit für die An- 
nahme gegeben, daß die Begriffsformen des unbewußten Denkens nicht durch die 
Vererbungsmneme bedingt sind. 

Das häufige Vorkommen der Wortspiele im Hebräischen, das uns auch bei der 
Analyse der Traumdeutungskunst der alten Hebräer aufgefallen ist, ist wohl mit der 
Denkweise der jüdischen Rasse verbunden; auch die Neigung 2u Vergleich und "Witz 
stammt aus derselben Quelle. 

Es scheint uns, daß die hebräische Transkription, die die Vokale ausläßt, eine der 
"Wurzeln dieser Eigenschaft ist." Durch Auslassen der Vokale spornt das "Wortbild 
zum Vergleich an — und wenn der Vergleich komisch ausfällt — zum "Witz (schon 
„Davar" — das „"Wort" kann ohne Punktierung a.ls ,,Dever" — „Pest" gelesen 
werden). 

Der Geist des Volkes wird beim Lesen seiner Bücher immer zum Vergleich ver- 
lockt. So ist auch die alte agadische Interpretation (poetische Auslegung) des heiligen 
Textes insbesondere auf Wortspiele und Gleichnisse gebaut. 



2) Hier wollen wir nur der Bemerkung Platz einräumen, daß das Gebet bei den meisten 
Juden in ihren Kinderjahren hebräisch verrichtet wurde — dies war aber nicht ihre 
Muttersprache und nicht die Sprache des Gebrauchs, wurde auch meistens nicht verstanden. 
Bei manchen Patienten ist aber die hebräische Sprache die in ihren Träumen dominierende 
oder ausschließliche. 

3) Die Vokale werden durch Punktierung angegeben. Das Punktieren wird jedoch meistens 
gänzlich unterlassen, so daß das Wortbild nur aus Konsonanten besteht und das Lesen zu 
einem schnellen Raten wird. Die Bibel dagegen wird seit mehreren Jahrhunderten immer mit 
Punktierung geschrieben oder gedruckt. 



SAMMELRE PER ATE 



Die Psyocfianalysc in Sammelwerken und Enzyklopädien 

I) „Die Religion in Geschichte und Gegenwart" 

In den Jahren 1909 — 1913 erschien im Verlag J. C. B. Mohr, Tübingen, das von Schiele 
und Zscharnack herausgegebene Handwörterbuch „Die Religion in Geschichte und 
Gegenwart". Der 1913 erschienene Band IV enthielt einen Artikel „Psychoanalyse" von 
Keller. Theodor Reiks religionswissenschaftliches Sammelreferat im 1921 erschienenen 
„Bericht über die Fortschritte der Psychoanalyse 1914 — 1919" urteilte darüber lakonisch: 
„K e 1 1 e r s Artikel trägt nicht immer einwandfrei informativen Charakter." 

Nun liegt „Die Religion" in einer zweiten, völlig neu bearbeiteten Auflage vor: die 
6 ansehnlichen Bände (5 Text- und i Registerband) sind in den Jahren 1927 — 1932 er- 
schienen. Als Herausgeber zeichnen jetzt Hermann G u n k e 1 und Leopold Zscharnack, 
die Zahl der Mitarbeiter ist etwa achthundert. Obschon sich dieses Werk im Untertitel 
als „Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft" bezeichnet, so ist es im 
Grunde genommen doch nur eine Enzyklopädie der protestantischen Theologie, allerdings 
mit liberaler Berücksichtigung der Grenzgebiete. Dabei kommt, was außerhalb der jüdisch- 
christlichen Sphäre liegt, meistens viel zu kurz. Es gibt in deutscher Sprache Handwörter- 
bücher der protestantischen, der katholischen Theologie, der Vorgeschichte, der germanischen 
Altertumskunde, der griechischen und römischen Mythologie, des deutschen Aberglaubens usw. 
und angesichts dieser Spezialwerke wird man das Fehlen eines Wörterbuches der allgemeinen 
Religionswissenschaft, das über das Theologische hinausgehend alle jene Forschungsergebnisse 
mitberücksichtigte, die jetzt auf dem Ozean der Wissenschaft, sich gegenseitig mehr oder 
weniger ignorierend, unter der Flagge der Völkerpsychologie, der Ethnologie, der Volks- 
kunde, der Kulturgeschichte, der Soziologie herumsegeln, zur Not verschmerzen können. 
Jedenfalls kommt das Gunkel-Zscharnacksche Werk unter den vorliegenden dem 
Ideal eines deutschen religionswissenschaftlichen Handwörterbuches am nächsten. Uns inter- 
essiert hier die Frage, wie weit die Forschungsergebnisse der Psychoanalyse in der zweiten 
Auflage dieses Sammelwerkes berücksichtigt worden sind. Ein Menschenalter ist zwischen 
der ersten und der zweiten Auflage verstrichen und es ist eine günstige Gelegenheit, auf 
dem Gebiete der protestantischen Theologie gleichsam eine Stichprobe zu machen, die viel- 
leicht einigermaßen ermöglicht, die Aufnahme der Psychoanalyse durch die Geisteswissen- 
schaft unserer Tage auf einem Einzelgebiete genauer zu beurteilen. (Was die Stellungnahme 
der katholischen Theologie zur Psychoanalyse anbelangt, so verweise ich auf meine Referate 
„Katholizismus und Psychoanalyse", Int. Z. f. Psa., X, S. 204 ff., „Aus theologischen Kreisen", 
a. a. O., S. 482 ff., „Kevelaar über Psychoanalyse", Psa. Bewegung I, S. 82 ff., „Katholische 
Kritik", a.a.O., IV, S. 282 ff., „Zerstörer Freud", a.a.O., S. 382f.) 

Der Artikel Psychoanalyse ist in der neuen Auflage der „Religion" einem Psycho- 
analytiker, Pfarrer Dr. Oskar Pf ist er, anvertraut worden. Der Artikel umfaßt mehr als 
vier Spalten; mehr als die Hälfte des Artikels beschäftigt sich mit dem Wesen der Psycho- 
analyse, zwei kürzere Abschnitte behandeln Psychoanalyse und Erziehung, Psychoanalyse und 
Seelsorge. In ihren Grundzügen suche die pastorale Psychoanalyse die von Jesus prophetisch 
dargebotene Seelsorge theologisch-wissenschaftlich auszuarbeiten. Die Vorwegnahme gleich- 
sam psychoanalytischer Heilungsmethoden durch Jesus versucht Pf ister durch neu- 



Sammelreferate 



241 



testamentliche Stellen zu belegen. Der Artikel schließt mit den Sätzen: „Nachdem Freuds 
naturalistische Weltbetrachtung jahrzehntelang die Theologen mit wenigen Ausnahmen von 
der Psychoanalyse abgeschreckt hatte, wandten sich ihr in den letzten Jahrzehnten nicht 
wenige erwartungsvoll zu. Doch läßt sich heute noch nicht mit Bestimmtheit voraussagen, 
ob die Praktische Theologie sie unter die unentbehrlichen Methoden aufnehmen wird." Von 
Pf ister enthält das Wörterbuch auch einen kurzen biographischen Artikel über Freud. 
Über Pfister selbst handeln einige Zeilen von Pfarrer Brecht. 

Der Artikel Religion ist in diesem Handwörterbuch begreiflicherweise in eine Reihe 
von Unterartikeln gegliedert. Den Unterartikel „Wesen der Religion" zeichnet der bekannte 
Wiener Theologe und Religionspsychologe Prof. Karl Beth. Er teilt die Theorien über 
das Wesen der ReHgion in eine objektivistische Gruppe (wohin u. a. Hegel, Sehe Hing, 
E. V. Hartmann gehören), in eine subjektivistische und in eine gemischte (kooperativisti- 
sche). Unter den subjektivistischen Auffassungen führt Beth die von Feuer bach an: die 
Religion als illusionäre Ausgestaltung der eigenen Lebenswünsche. Anschließend schreibt 
dann Beth: „Eine neue Gestalt hat der Illusionshypothese Sigmund Freud von seiner 
psychoanalytischen Theorie aus gegeben: die reUgiöse Einstellung des Menschen ist ein neu- 
rotischer Komplex." Es gibt übrigens auch ein eigenes Stichwort Illusionismus aus der 
Feder von Prof. F.K.Schumann (Halle a.S.); er behandelt die illusionistische Religions- 
theorie von Hume und hauptsächlich die von Feuerbach, „die scharfsinnigste und in 
sich geschlossenste". Als illusionistisch sei auch die Religionsauffassung zu bezeichnen, 
„welche innerhalb der psychoanalytischen Forschung bisher wenigstens vorherrscht". 

Bemerkenswert ist unter dem Stichwort „Imagocharakter der Religion" der Beitrag 
des bekannten Basler Nietzsche- und Bachofenforschers Prof. C. A. Bernouilli. Die fort- 
schreitende Anerkennung eines selbständigen Seelenbezirkes als Entfaltungsortes religiöser 
Schöpferkraft sei Veranlassung, von einem eigentlichen Imagocharakter der Religion zu 
reden. Damit streife eine ihrem Stoffe souverän dienende Religionswissenschaft jede noch 
so gelockerte, aber eben doch fortbestehende Fesselung an positivistische Ausgangspunkte 
entschlossen ab und trachte zunächst ohne erkenntnistheoretisches Geländer auszukommen. 
Das könne am besten erreicht werden durch Schärfung des forschenden Bhcks für jede Form 
und Art religiöser Erscheinung im Unterschied zu einer ausgesprochenen Gedankenwelt. 
„Der Durchbruch dieser Auffassung in den Bereich wissenschafthcher Methode ist der 
Psychoanalyse zu danken, die im Anschluß an den Imago betitelten Roman von Carl 
Spitteler eine ihrer Zeitschriften so benannte. Seither verfügt der Religionsgelehrte über 
die Freiheit, die irrationale Seite psychischer Vorgänge besonders dadurch als eine ebenbürtige 
Äußerung von Realität zu würdigen, daß im Gegensatz zu Begriff und Idee der seeUsche 
Ausdruck sich in der bildlichen Sphäre vollzieht." 

Im Artikel ökonomische Geschichtsauffassung sieht der religiöse Sozialist 
Eduard Heimann (bis vor kurzem Professor der Sozialökonomie in Hamburg) eine ge- 
wisse Analogie zwischen der antiidealistischen geistesgeschichtlichen Rolle des Marxismus und 
jener der Psychoanalyse. „Der Rationalismus des Glaubens an die bürgerliche Gesellschaft 
als die endgültige Freiheitsordnung des Geistes wurde im Sozialen von der Tatsache der 
täglich sich verschärfenden Klassenspaltung genau so überzeugend widerlegt, wie im In- 
dividuellen der Glaube an die ihrer Freiheit bewußte Persönlichkeit durch Aufbrechen der 
unterbewußten und aus dem Bewußtsein verdrängten Tiefenschichten (Nietzsche und die 
Psychoanalyse)." 

Am Schluß des Artikels Kirchengeschichtsschreibung spricht Prof. Walther 
Koehler von neuen Anregungen und erwähnt u. a., daß Pfister eine psychoanalytische 
Kirchengeschichte fordert, die entsprechend der Völkerpsychologie die Ergebnisse der Einzel- 
Imago XX/2. „ 



analyse im Gesamtaufriß der Kirchengeschichte wiederfinden will, also z. B. in der Ortho- 
doxie eine „Verdrängung". 

Mit der psychoanalytischen Psychologie beschäftigt sich Prof. Wobbermin (Göttingen) 
im Artikel Psychologie. Die Psychoanalyse könne man auch als dynamische Subjekts- 
psychologie bezeichnen. „Es wird die Dynamik untersucht, die sich in dem Zusammenhang 
des seelischen Lebens kundtut. Freuds Begriff der Verdrängung ist ein dynamischer. Die 
Verdrängung oder Sublimierung des Sexuellen ist eine dynamische Funktion." Die ver- 
schiedenen Grundpositionen der modernen Psychologie seien weltanschauungsmäßig bedingt. 
Die Psychoanalyse Freuds ruhe auf einem einseitigen Naturalismus und Positivismus. 

Vom „Jesusbild der Gegenwart" handelnd, schreibt Prof. Weine 1 (Jena), daß „die 
irre gewordene Wissenschaftlichkeit unserer Tage" es für möglich und nötig gefunden habe, 
auch Jesus, der („in der Nachkriegszeit so mächtig aufgeblühten") Psychoanalyse zu unter- 
ziehen. Er meint offenbar das Jesusbuch des Schweizer Pfarrers Georges Berguer. 

Von Prof. Titius (Berlin) — der vor zehn Jahren in der „Theologischen Literatur- 
zeitung" in einer (ablehnenden) Besprechung eines Buches von Theodor Reik schrieb, man 
dürfe immerhin eine Methode, die so tiefe Sachverhalte aufdecken kann, nicht a limine ab- 
lehnen — ist der Artikel Egoismus. Im Abschnitt, der die Kritik des Egoismus enthält, 
wird angeführt, daß das System des Egoismus, d. h. der reflektierenden, verstandesmäßigen 
Erwägungen nicht imstande sei, von der realen Motivierung der menschlichen Handlungen 
ein zutreffendes Bild zu geben. Wo nicht eine dezidiert äußerliche, sondern eine innerliche 
Beteiligung an Dingen oder Personen in Frage kommt, treten die verstandesmäßigen Nütz- 
lichkeitserwägungen zurück. „Hier beginnt, mit Freuds Terminologie zu reden, die Sphäre, 
sei es des Es, sei es des Über-Ich; das Es umfaßt, kurz gesagt, den Inbegriff aller nicht 
unbewußt bleibenden, elementaren Triebregungen und Affekte, während die kulturellen 
(gesellschaftlichen, moralischen, ästhetischen und religiösen) Wertungen das Gebiet des 
Über-Ich ausmachen." Von Titius ist auch der Artikel Biogenetisches Grundgesetz. 
Es heißt dort u. a.: „Machte man die Annahme, daß das biogenetische Grundgesetz auch auf 
geistigem Gebiete gelte, so ergab sich die gesetzmäßige Gleichartigkeit primitiver Formen als 
Ausgangs- und Durchgangspunkt aller geistigen Entwicklung. Was man die prälogische 
Mentalität des Primitiven genannt hat, wurde damit zum Schema für die Psychologie des 
normalen Kindes, das logisch-wissenschaftliche Denken zum sekundären Endprodukt. Auch 
eine so rational-physiologisch gedachte Psychologie wie die Freud sehe half so, indem sie auf 
die Macht irrationaler Faktoren geführt wurde, den Bann des Intellektualismus zu zerbrechen. 
Freilich hat sie, indem sie seit Jahren bemüht war, die religionsgeschichtlichen Gestaltungen, 
bis zu den höchsten hinauf, im Sinne des Infantilen, d. h. des Kindlich-Primitiven und 
-Pathologischen — Ödipuskomplex — zu deuten, die Religion in Wirklichkeit ent- 
würdigt." 

Der Artikel Mythos und Mythologie ist von Paul TilHch (bis vor kurzem Pro- 
fessor der Philosophie an der Universität Frankfurt). Auch die psychoanalytische Theorie 
des Mythos wird erwähnt. Sie suche die Gebilde als Symbole unbewußter Wünsche, nament- 
lich erotischer Art zu verstehen. Sie weise damit auf Tatsachen hin, die für den Charakter 
von größter Bedeutung sind, das Wesen des Mythos selbst aber nicht verständlich machen 
können. Die Psychoanalyse des Mythos sei über den Kreis der negativen Theorie noch 
nicht hinausgekommen, „obgleich sie die Möglichkeit dazu hätte". In einem späteren 
Zusammenhang, bei der Behandlung der mythischen Motive bemerkt Tillich, daß sich als 
sehr fruchtbar für das Verständnis der mythischen Motive die psychoanalytische Theorie 
gezeigt habe und „das würde in noch höherem Maße der Fall sein, wenn sie die unter- 



I 



Sammelreferate 



243 



bewußten Tendenzen, die sich im mythischen Motiv darstellen, nicht nur als subjektive, 
sondern auch als objektive sach- und sinnhaltige Vorgänge werten würde". 

Im Artikel Muttergottheiten führt Prof. van der Leeuw (Groningen) aus, daß wir 
den außerordenthch großen Raum, welchen die Vorstellung der Muttergottheiten im Geistes- 
leben der Menschheit einnimmt, seit Bachofen und Freud besser verstehen können. „Bei 
aller Übertreibung, welche sowohl die Theorie des Mutterrechts wie die Psychoanalyse kenn- 
zeichnen, wird heute kaum jemand die Bindung an die Mutter als einen sehr wichtigen 
Faktor sowohl m der Geschichte des einzelnen Menschen wie auch der Menschheit in Frage 
stellen." 

Der Assyriologe Prof. Walter Baumgartner ist der Verfasser des Artikels Märchen. 
Der Boden, dem die Märchen entstammen, sei die Weltanschauung der Primitiven. Deutlich 
spiegelt sie sich in den Märchen der Naturvölker, die eine Mischung von scharfer Natur- 
beobachtung und Phantasie sind. Eine andere wichtige Quelle sei das Traumleben Auf 
den Angsttraum gehen wohl die Motive des Klebens, der unlösbaren Aufgaben u. a. zurück 
Die Rolle des Jüngsten erklärt sich aus dem von der psychoanalytischen Schule Freuds 
einseitig ins Auge gefaßten Wunschtraum und entsprechenden Wachphantasien, denen auch 
die Wunschdinge (Siebenmeilenstiefel, Zauberranzen, Tarnkappe usw.) entstammen." 

Mehrere der Artikel, die sich mit den Themen der Religionspsychologie in engerem 
Sinne beschäftigen, nehmen auch auf die Psychoanalyse Bezug. Vor allem der Artikel 
Religionspsychologie von Wobbermin. Er unterscheidet zwei Hauptformen 
rehgionspsychologischer Arbeit. Die eine - durch Schleiermacher vorbereitet - hat 
das eigentliche Feld ihrer Betätigung in der systematischen Theologie und ordnet sich deshalb 
bewußt deren übergreifenden Prinzipien unter. Die andere Hauptform charakterisiert 
sich als empirische Psychologie des religiösen Lebens. Die empirische Religions- 
psychologie habe ihren Ausgang von Nordamerika von den Arbeiten der Schüler 
Stanley Halls genommen. Die Psychoanalyse stehe insofern in formaler Analogie zur 
reUgionspsychologischen Arbeit, als auch sie in die Tiefenschichten des Seelenlebens durch- 
zudringen sucht. Jedoch sei die Zurückführung der Religion auf verdrängte Sexualtriebe eine 
gewaltsame Konstruktion. Soweit Psychoanalytiker diese Verengung zu überwinden ver- 
mögen, können sie dann jene Tendenz sowohl in theoretischer wie in praktisch-seelsorger- 
licher Hinsicht religionspsychologisch fruchtbar machen. Auf diesem Wege liege z. B. die 
Arbeit Oskar Pf isters. 

In das Hörn der Warnung vor dem „einseitigen Sexualismus" stoßen auch andere. So 
schreibt z. B. der Tübinger Psychiater Gaupp im Artikel Homosexualität: „Die 
psychoanalytischen Deutungen, namentlich die doktrinäre Behauptung der Entstehung der 
Homosexualität aus einer abnormen Bindung des Mannes an die Mutter, die zur völligen 
Abkehr vom Weibe führe, um den Inzest zu vermeiden, sind unbewiesene Theorien, in denen 
sich ein Körnchen Wahrheit - für manche Fälle - finden mag, die aber namentUch bei 
manchem F r e u d - Schüler ins Groteske ausgeartet sind." Im Artikel Freundschaft 
wendet sich Prof. Faber (Göttingen) gegen die Verwechslung der Freundschaft mit Erotik. 
„Wo Freundschaft in erster Linie als ein sexuell-erotisches Problem verstanden wird, z. B. in 
der Freud sehen Form (Sublimierung verdrängter Libido), da fehlt entweder die Beachtung 
der feineren Wesensunterschiede, die gerade bei den schönsten Blüten beider Erscheinungen 
nicht zu verkennen sind, oder aber es wird das Wesen der Sache mit einer zufäUigen Er- 
scheinungsweise bzw. Entwicklungsform vermengt." 

Aus dem Artikel Keuschheit von Otto Baumgarten zitieren wir: „Wenn neuestefls 
die Freud sehe Schule den Finger legt auf die oft begegnende Verbindung absoluter Askese mit 
sexuellen Neurosen, auf den eigentümlichen Ersatz, den sich die grausam mißhandelte 

1«» 



2AA Sammelreferate 



Sexualität vieler Heiliger in Sadismus und Masochismus sucht, so hat die protestantische 
Ethik darin nur eine Bestätigung ihrer Auffassung der Keuschheit zu erblicken : ihr Ideal 
ist bloß zeitweilige Verdrängung, aber dauernde Beherrschung der sexuellen Triebe, die so in 
der Form eines durch Seelen- und Liebesgemeinschaft geheiligten monogamischen Verkehrs 

gebracht werden." 

Auch mehrere der pädagogischen Artikel erwähnen die Psychoanalyse. Im Artikel 
Familie hebt Prof. Erich Stern (bis vor kurzem Vorstand des Instituts für Psychologie 
'in Mainz) hervor, daß die Familie nicht nur durch bewußte und gewollte Maßnahmen 
wirke, sondern schon durch ihre bloße Existenz, durch die Atmosphäre, die sie schafft; „die 
neueren Untersuchungen, besonders der Psychoanalyse, haben uns deutlich gezeigt, von 
welcher Eindringlichkeit und Nachhaltigkeit die Erlebnisse der frühen Kindheit und be- 
sonders der Kinderstube, wie bedeutsam die Stellung des Kindes innerhalb der Familien- 
gemeinschaft für die spätere Entwicklung sind". Im Artikel Heilpädagogik führt Werner 
VilHnger, Oberarzt der Jugendbehörde Hamburg, unter den modernen psychopathologi- 
schen Forschungsrichtungen, von denen die Heilpädagogik wertvolle Anregungen empfangen 
habe, auch „Freuds dynamische Tiefenpsychologie" an. Oberschulrat H. Schlemmer 
(Berlin), stellt bei der Behandlung der Jugendliteratur fest, daß die Jugenddichtungen 
und Tagebücher durch das, was sie verschweigen, oft mehr verraten, als durch das, was sie 
sagen; diese Tatsache werde besonders von der Psychoanalyse als Forschungsprinzip ver- 
wendet. An didaktische Vorteile denkt Prof. Faber (Tübingen), wenn er zur „Methode 
des Evangelischen Unterrichts" schreibt: „Heute ist ein neues Verständnis für die 
Grenzen der direkten unterrichthchen Einwirkung vorhanden. Die Forschungen auf dem 
Gebiete der Tiefenpsychologie (der Psychoanalyse) haben erkennen lassen, von wie großer 
Wichtigkeit für den ReUgionsunterricht die Beachtung unbewußter seelischer Zusammen- 
hänge ist (z. B. die Wegräumung von Hemmungen, ehe es zu einer fruchtbaren Aufnahme 
direkter Unterrichtsdarbietungen kommen kann)." 

Das stärkste Interesse wird in Theologenkreisen offensichtlich der psychotherapeuti- 
schen Seite der Psychoanalyse entgegengebracht. Viele von ihnen vermuten hier eine 
praktische Berührungsmöglichkeit. Im Artikel Beichte beschäftigt sich ein eigener Ab- 
schnitt von Prof. Niebergall (Marburg) mit dem starken Interesse der protestantischen 
Gegenwart für eine liturgische Reform, besonders auch mit dem Bestreben nach der for- 
mulierten Privatbeichte. Schon die Konkurrenz der Seelenärzte nötige ja die pro- 
testantische Kirche zu gründlicher Beschäftigung mit der Frage der Beichte. Unter den 
Masken des modernen Lebens suche unbewußtes Erlösungsbedürfnis die übergelagerte Ver- 
standesschicht zu durchbrechen. „Die Sprechzimmer der Analytiker aus der Schule der 
Freudschen Psychoanalyse sind voll von Menschen, die ihre Nervenleiden oder andere 
körperliche Beschwerden los werden wollen, indem sie sich unter erfahrener, seelsorgerlicher 
Leitung von ihrem seelischen Druck durch Aussprache befreien lassen... Hat man doch 
für jene psychiatrische Behandlung geradezu den Ausdruck Redekur gebildet." Später be- 
merkt noch Niebergall: „Von der Psychoanalyse wird die große Aufgabe noch viel 
Gewinn ziehen können, Gewinn an theoretischem Verständnis und praktischer Anleitung: 
von Oskar Pfister dürfte in dieser Beziehung noch viel zu erhoffen sein." 

In diesem Zusammenhang sei auch auf Prof. Martin Schi ans Artikel Sündenverge- 
bung hingewiesen. Das „neuerdings viel empfohlene Verfahren psychoanalytischer Seel- 
sorge" diene mehr der Erleichterung bedrückter Gemüter durch Aufweis der oft belanglosen 
Ursachen der Bedrückung als der notwendigen Aufgabe, den Menschen vor den heiligen 
Gott zu stellen "und ihn so zur rechten Einschätzung seiner selbst und zu evangelischem 
Heilsverlangen zu führen". Nur wenn die Psychoanalyse in eigener Schuld des Menschen die 



Ursache des unbefriedigenden Seelenzustandes aufweist und so die Sehnsucht nach Ver- 
gebung weckt, kann sie mittelbar ein Hilfsmittel rechter seelsorgerlicher Sündenvergebung 
werden." Prof. Baumgarten vertritt im Artikel Leiden den Standpunkt, die Heilung 
der Geisteskrankheit sei Angelegenheit des Arztes, nicht des Seelsorgers, aber „die Über- 
mittlung des Gnadentrostes ist nicht als Heilmittel der Krankheit anzusehen und zu be- 
treiben — doch Psychoanalyse! — sondern als Erhaltung in der Gemeinschaft Christi auch 
während des Krankseins". Und ferner: „Bei tiefen rehgiösen Erschütterungen, Depressionen 
und Exaltationen hilft nicht religiöser Zuspruch, ob noch so begehrt, sondern nur die 
Vermittlung ärztlicher Behandlung, als welche auch die Psychoanalyse zu gelten hat." Mög- 
lichst frühe Verweisung an den Arzt sei das größte Verdienst des Seelsorgers. Der Reli- 
gionspsychopathologie — führt unter dem gleichlautenden Stichwort Herbert 
Grabert, der Redakteur der „Christlichen Welt" in Kiel aus — drohen ständig zwei Ge- 
fahren: der Dilettantismus und eine zu frühe Dogmatisierung oder Festlegung auf bestimmte 
Theorien. „Ihnen erliegen heute nicht wenige Theologen, die sich mit Psychoanalyse be- 
fassen und dabei vergessen, daß die Psychologie des Neurotikers nicht immer und ohne 
weiteres die Psychologie des menschlichen Herzens überhaupt ist." 

Das Wörterbuch enthält auch einen allgemeinen Artikel Psychotherapie. Es ist vom 
Berliner Kreisjugendpfarrer Ernst Jahn, Verfasser eines 1927 erschienenen Buches „Wesen 
und Grenzen der Psychoanalyse". Der Begriff des Unterbewußtseins sei ein Stichwort der 
gegenwärtigen Psychotherapie geworden. Freuds Psychoanalyse habe ein ebenso bedeu- 
tendes wie einseitiges System des Unterbewußtseins verkündet. Der von der Psychoanalyse 
entwickelte Sexualbegriff sei rein triebmäßig bestimmt. Die Psychoanalyse sei wertblind, 
sie übersehe die Tatsache, daß die Welt des Triebhaften von einer Welt der Werte über- 
lagert ist. Nichtsdestoweniger habe sie eine Erkenntnis von fundamentaler Bedeutung ge- 
zeitigt: „Sie hat erwiesen, daß die Seele durch bestimmte Schicksalserlebnisse in hohem Maße 
verwundbar ist." Sie stelle das Ich in die ganze Weite seines Erlebniskreises hinein, woraus 
sich in pädagogischer und seelsorglicher Beziehung höchst beachtenswerte Resultate ergäben. 
Jahn ist auch der Verfasser des Artikels über die Immanuelbewegung, eine von den 
Pastoren Elwood Worcester und Samuel MacComb an der Bostoner Immanuelkirche be- 
gründete (von Fechner und Feuchtersieben beeinflußte) religionstherapeutische Bewegung, 
die im Gegensatz zur Christian Science ihre therapeutischen Bestrebungen lediglich auf 
seelisch bedingte Krankheitszustände erstreckt. Die Auseinandersetzung mit den psycho- 
analytischen Theorien habe die deutsche Theologie für das Verständnis dieser nordamenkani- 
schen Religionstherapie empfänglich gemacht. Auch Mahr bringt — im Artikel Ge- 
betsheilung — die Immanuelbewegung mit der Psychoanalyse in Zusammenhang. 

An mehreren Stellen des Handwörterbuches wird die Psychoanalyse mit Erscheinungen 
der modernen Literatur in Beziehung gesetzt. Wilhelm Knevels (Heidelberg), Ver- 
fasser eines Buches über Expressionismus und Religion, spricht im Artikel Expressionis- 
mus — ohne nähere Begründung — von einem Zusammenhang zwischen dieser Kunst- 
richtung einerseits und den Philosophien von Bergson und Husserl und der Psycho- 
analyse andererseits. In einem anderen Artikel, den über religiöse Prosadichtung 
der Gegenwart, schreibt derselbe Verfasser: „Keinen religiösen Halt fand Hermann 
Hesse; wandte sich zu Psychoanalyse und zu Magie, erstrebt die Auflösung und bleibt 
groß in der Aufdeckung tiefster Tiefen des menschlichen Wesens." Über Hermann Hesse 
steht übrigens auch ein eigener Artikel im Wörterbuch. In diesem schreibt Pfarrer 
Teufel: „Dämonischer Lebenstrieb und unentrinnbare Schwermut sind die Pole seines 
Wesens, Psychoanalyse und Magie seine neueste Zuflucht." 



24.6 Sammelreferate 



Kurz erwähnt ist ferner die Psychoanalyse u. a. in den Artikeln Pädagogik (Erich Stern), 
Seelsorge (Faber), Pastoralmedizin (Jahn), Unbewußtes (St ein mann). 

Wir haben bisher die Stellen angeführt, wo im Handwörterbuch auf die Psychoanalyse 
Bezug genommen wird, wobei wir es dem mit der Psychoanalyse vertrauten Leser über- 
lassen, selbst zu beurteilen, in welchen Fällen sich die Mitarbeiter des theologischen Wörter- 
buches als ausreichend unterrichtet erwiesen haben. Interessant wird noch sein, von allen jenen 
anderen Stellen, wo man in diesem großen Werke wider Erwarten kein Wort über Psycho- 
analyse findet, einige zu nennen. Vor allem z. B. den Artikel Traum des Orientahsten 
Prof. V. Ne gelein. Man begegnet darin Ausdrücken, wie Traumkomplex, Unterbewußtsein, 
Wunschtraum („Wunschträume sind oft sexueller Natur"), Traumsymbolik usw., aber die 
Psychoanalyse ist glücklicherweise für den Artikel nicht verantwortlich, daher sind sie und 
Freud auf diesen vier Spalten über den Traum ja auch kein einziges Mal genannt. 
Ebenso fehlt im fünfspaltigen Artikel Totemismus des Berliner Amerikanisten K. Th. 
Preuß jeder Hinweis auf Freuds Totemtheorie. Vergebens suchte man im Wörterbuch 
einen Artikel Zwang oder gar solche über Zwangshandlungen und Zwangsneurose. (Man 
denke an die in Freuds Abhandlung „Zwangshandlungen und Religionsübungen" auf- 
gedeckten und in Reiks Buch „Dogma und Zwangsidee" weiter ausgeführten Zusammen- 
hänge.) Einen Artikel Schuld oder Schuldgefühl hat das Wörterbuch nicht, aber einen 
27 Spalten langen Artikel über „Sünde und Schuld", an dem sieben Verfasser mitarbeiten. 
Wir vermissen hier, ebenso im Artikel „Strafe" jeden Hinweis auf die psychoanalytischen 
Forsschungsergebnisse über das Schuldgefühl und das Strafbedürfnis. Dasselbe gilt 
vom Artikel „Gewissen". Der Artikel von Rust über Zungenreden weiß nichts von 
Pf isters Studien über das Phänomen der Glossolalie. Der fast 4 Spalten lange Artikel 
von Vettermann über Zinzendorf berücksichtigt nicht Pfisters Arbeit, nennt sie 
bloß unter den Literaturangaben. Der Arbeit von Kielholz über Jacob Boehme ist im 
Boehme- Artikel von Bornkamm nicht einmal diese formale Berücksichtigung zuteil 
geworden. Auch findet sich im großen Werke nirgends auch nur der geringste Widerhall 
der Reikschen religionspsychologischen Arbeiten oder der völkerpsychologischen, religions- 
wissenschaftlichen, mythologischen und ethnologischen Veröffentlichungen von Jones, 
Rank, Roheim usw. 

Solch ein Kollektivwerk ist geeignet, mit seiner universalen Erfassung des ganzen weit- 
verzweigten Gebietes einer Einzelwissenschaft und durch die Tatsache, von vielen Hun- 
derten von Mitarbeitern herzurühren, einen umfassenden Einblick in den Stand einer 
Disziplin zu gewähren, einen Einblick, den individuelle Einmaligkeiten, wie sie einer 
Einzelpublikation oft anhaften, nicht zu trüben vermögen. Und es ist nützlich, gerade an 
einem solchen Werke das Maß der „friedlichen Durchdringung" durch die Psychoanalyse zu 
prüfen. In unserem Falle wird das Ergebnis nicht zu allzu optimistischen Prognosen er- 
mutigen können. Wir dürfen uns dabei allerdings darauf berufen, daß es sich bei diesem Falle 
eines spröden Verhaltens gegenüber der Psychoanalyse ganz im besonderen um eine Wissen- 
schaft handelt, die gleichzeitig auch weltanschauliches Bekenntnis ist. Schließlich ist die 
Theologie — mit den Worten Tillichs — „notwendig konfessionell, weil sie das Bekenntnis 
zu einem konkreten Symbol in sich schließt". 

II) Zwei pädagogische Lexika auf konfessioneller Grundlage 
An die Betrachtung des großen theologischen Wörterbuches, das, wie wir sahen, haupt- 
sächlich auf die erzieherischen und seelsorgerlichen AnwendungsmögHchkeiten der Psycho- 
analyse sein Augenmerk richtet, können wir sinngemäß das Referat über zwei in den letzten 



Sammelreferate 



247 



Jahren erschienene, konfessionell eingestellte pädagogische Wörterbücher anschheßen. Es 
handelt sich um ein katholisches und um ein protestantisches. Was das erste im 
Vorwort vorausschickt, daß die einzelnen Tatsachen am christlichen katholischen Wert- 
bewußtsein gemessen und die pädagogischen Aufgaben im Geiste kathoHschen Wertstrebens 
gelöst werden, könnte, mit Änderung eines Wortes, auch das zweite Lexikon von sich sagen. 
Es wird sich bei näherer Betrachtung ihrer Aussagen über die Psychoanalyse auch zeigen, 
daß sich zwischen den Stellungnahmen der konfessionell orientierten Pädagogen beider 
Kirchen zur Psychoanalyse kaum ein Unterschied wahrnehmen läßt. 

In zwei umfangreichen Bänden, mit den Jahreszahlen 1930 und 1932, präsentiert sich das 
im Verlag Herder & Cie., Freiburg i. Br. erschienene „Lexikon der Pädagogik der 
Gegenwart", herausgegeben vom „Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik", 
Münster i. W., Leitung der Herausgabe Dr. Josef Spieler. Das Werk tritt gewissermaßen 
an die Stelle des ebenfalls katholischen Rol off sehen „Lexikons der Pädagogik" (19 13 bis 
1917). Die ganze Pädagogik wird in diesem neuen Lexikon gesehen „im Lichte der philo- 
sophia perennis, die das alte platonisch-aristotelische Erbe in der klaren Form und Folge- 
richtigkeit des thomistischen Ausbaues festhält". Alles, was in den letzten Jahrzehnten an 
neuen Forschungsergebnissen auf dem Gebiete der Erziehungswissenschaft oder dem der 
Menschenkunde überhaupt zutage getreten ist, wird insofern berücksichtigt, indem es zu 
den religiösen Voraussetzungen der katholischen Pädagogik in Beziehung gesetzt, an ihren 
Wertsetzungen gemessen wird. Auch an der Psychoanalyse geht daher dieses Lexikon nicht 
stumm vorüber, von den etwa zweihundert Mitarbeitern haben mehrere etwas über sie zu 
sagen. 

Das eigentliche Referat über „Psychoanalyse und Pädagogik" hat der Freiburger 
Theologieprofessor Dr. Linus Bopp. Zehn Jahre sind es jetzt her, daß in der „Inter- 
nationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" ein Buch Prof. Bopps über Psychoanalyse und 
sein Vortrag über Psychoanalyse im Rahmen der Wiener „Katholischen Weltanschauungs- 
woche" referiert wurden. Seither hat sich Bopp wiederholt über die Psychoanalyse geäußert: 
z. B. 1932 über den „Zerstörer Freud" als hassenden „Hannibal gegen Idealismus und 
Christentum", über „die psychoanalytischen Kosakenritte in alle Gebiete der Religion". 
Bopps Stellungnahme bheb die ganze Zeit unverändert; die Unterschiede, auf die man doch 
stoßen mag, sind rein syntaktisch-rhetorischer Natur: in den einen Fällen erscheinen die 
kritischen Äußerungen im Hauptsatz mit Konzessionen der Anerkennung im Nebensatz, in 
anderen, selteneren Fällen wird eine allgemeine positive Stellungnahme durch viele ab- 
lehnende Detailvorbehalte fast zur Gänze wieder aufgehoben. Der bezeichnendste Satz in 
Bopps Artikel im neuen Lexikon lautet: „Als Weltanschauung — mit Recht — bekämpft, 
hat die Psychoanalyse manche wertvolle Entdeckung gemacht oder längst Gewußtes be- 
sonders scharf beleuchtet, das, aus der psychoanalytischen Theorie herausgebrochen, jeder 
Pädagogik vorteilhaft eingefügt werden kann." Herausbrechen und anderswo ein- 
fügen! — ein sehr treffendes Bild für die Absichten auch vieler anderer wissenschaft- 
lichen Kreise in bezug auf die Psychoanalyse. 

Freud, führt Prof. Bopp aus, werde auch von seinen Gegnern als genialer Denker an- 
erkannt und wegen seiner seit Jahrzehnten eingehaltenen unverrückbaren Folgerichtigkeit 
auf seinem eingeschlagenen Wege bewundert. Ethisch wertvoll sei bei Freud das Pathos 
für Wesenhaftigkeit, der Kampf gegen die Masken. Psychologisch neu gesehen sei die Be- 
deutung gewisser psychischer Mechanismen, die Bedeutung der frühen Kindheit und der 
Eltern für Charakter und Schicksal des Kindes. Ober den Verdiensten dürfe man aber auch 
den Schaden nicht übersehen, „den die Freud sehe Psychoanalyse, besonders auch als 
Pädanalyse, schon gestiftet hat, zutiefst daraus erwachsen, daß man ohne tragfähige Wert- 



lehre kein Bedenken trug, höchste ethische und rehgiöse Werte zugunsten der Gesundheit 
zu opfern, aber zuletzt doch nicht zum Segen der Gesundheit, wie auch die Psychoanalytiker 
erfahren mußten". Als Gesamteindruck verzeichnet Bopp „die geradezu niederdrückende, 
psychologisch-relativistische Weltanschauung, die liefere Geister zur Verzweiflung 
drängen muß". Natürlich folgt hier auch der Hinweis auf die bereits in den Legendenstand 
erhobenen drei Selbstmorde. Die Lehre vom Über-Ich, bemerkt Bopp, stellt nur „einen 
unbefriedigenden Sehnsuchtsschrei nach gültigen Werten und Idealen" dar. Zu den . „kultur- 
geschichtlichen Streifzügen" der Psychoanalyse gebe die jeweilige Fachwissenschaft in ganz 
wesentlichen Punkten nicht die Zustimmung. Gemeint ist dabei wohl in erster Reihe die 
Kritik der Mödlinger Ethnologenschule (Wilhelm Schmidt u. a.) an Freuds Totemtheorie. 

Unter den Beiträgen Prof. Bopps sind noch drei, die uns hier interessieren. Im Artikel 
Jugendpsychologie bemerkt Bopp an der Stelle, da er von den Quellen der Jugend- 
psychologie spricht, daß die Psychoanalyse besonders mit T r a u m material gerne arbeite; 
„es scheint, daß auch die traditionelle Psychologie dieses Mittel mit einigem Erfolg ge- 
brauchen kann". Um so mehr muß es enttäuschen, daß es ein Stichwort „Traum" in diesem 
Lexikon überhaupt nicht gibt. Bopps Artikel über die Beichte enthält eine Bemerkung 
gegen „das Urteil kirchenfremder Kreise, daß der Gegenwartsmensch in Seelennot vom 
Priester zum Nervenarzt abwandere; insbesondere ist die Meinung verbreitet, die Psycho- 
analyse sei und leiste das, was früher die Beichte". Es bestehe die Gefahr von Grenzüber- 
schreitungen: beim Seelsorger in der Richtung auf medizinisches Kurpfuschertum, beim 
Psychotherapeuten in der Richtung auf seelsorgerlichen Dilettantismus. Im Artikel Angst 
erwähnt Bopp die psychoanalytische Auffassung der Angst als „Umwandlungsergebnis 
verdrängter Sexualität". 

Von den anderen Mitarbeitern des Lexikons, die auf die Psychoanalyse Bezug nehmen, 
nennen wir vor allem die Ärzte Allers (bei dem die Analyse aber stets nur kurze Er- 
wähnungen abbekommt) und Legevie (Freiburg i. Br.). Vom letzteren sind die Artikel 
Neurose und Psychotherapie. Die Verallgemeinerung der Psychoanalyse über die 
Entstehung der Neurose gehe entschieden zu weit, „wenngleich in einigen Fällen von Neur- 
osen ein Entstehungsmechanismus nach Ansicht dieser Lehren vorgelegen haben wird, der 
dann auch einer entsprechenden Behandlung bedarf". 

Im Artikel Gegenwartspädagogik verweist Grünwald auch auf die psycho- 
analytische Pädagogik und „deren eifrigste Verfechter" Bernfeld und Pf ist er. Im Ar- 
tikel Typen erwähnt derselbe Mitarbeiter unter den Typologien „jene, die sich genetischer 
Kriterien bedienen, an erster Stelle die (nicht als solche systematisch entwickelte) Psycho- 
analyse Freuds, die Charakter- und Verhaltenstypen nach der Art der verarbeiteten, ver- 
schmolzenen oder relativ vollständig gebliebenen Partialtriebe unterscheiden will; z. B. anal- 
erotischer Charakter". 

Die kindlichen Phantasieprodukte — führt Prof. Rombach unter dem Stichwort Phan- 
tasie u. a. aus — werden von manchen Deutern nicht schlicht hingenommen, sondern als 
Verlarvungen (Symbole) sexuellen Inhaltes interpretiert. „Wenn wir sehen, wie selbst 
Abstraktes, z. B. gut und bös, durch Dingliches oder Persönliches vertreten wird, so können 
wir die psychoanalytischen Deutungen, obschon sie tatsächlich vielfach recht wenig plau- 
sibel erscheinen, nicht grundsätzlich ablehnen." Weniger konziliant ist A. Kießling, Ver- 
fasser des Artikels Symbol: die ernste psychologische Forschung habe diese Übertreibun- 
gen (nämlich die Sexualsymbolik), wie sie vor allem von den Epigonen Freuds teilweise 
in ganz krasser Weise behauptet wurden, fast ausnahmslos abgelehnt. Im Artikel Trieb 
gibt J. Engert eine kurze Darstellung der psychoanalytischen Trieblehre mit der kritischen 



Konklusion: „Die Identifikation aller Triebe mit der Libido, d.h. dem Sexualtrieb, ist eine 
wissenschaftlich unzulässige Verfälschung der Begriffe." 

Wo in diesem Lexikon von der Psychoanalyse sonst noch die Rede ist, geht es nirgends 
über eine hingeworfene kurze Bemerkung hinaus; wie z. B. „vor solchen voreihgen Aus- 
deutungen kann nicht eindringhch genug gewarnt werden" (Switalski im Artikel „Be- 
wußtsein und Unterbewußtsein"); „moderne, nicht ungefährliche Strömung" (gemeint ist 
die psychoanalytisch-pathographische Behandlung von Heiligen, Ekstatikern u.dgl. im Ar- 
tikel „ReHgionspsychologie" von Wunderle). Unter dem Stichwort „Lebensphilosophie", 
von Steinbüchel bearbeitet, mag die Feststellung mteressieren: „Aus Freud wie aus 
Nietzsche entfließen die Lebensphilosophien von Klag es (und seines Kreises, vor allem 
Prinzhorn) und von Theodor Lessing." Ob nun diese Vorfahrenerforschung hier das 
Richtige getroffen hat oder nicht, den Betroffenen persönhch ist damit jedenfalls kein Ge- 
fallen erwiesen. Klag es hat, seitdem er sich — vor einem Menschenalter — in der Wiener 
Psychoanalytischen Vereinigung als Gast und Vortragender versucht hat, feste Scheidewände 
zwischen sich und der Psychoanalyse gezogen und Theodor Lessing hat nicht lange vor 
seinem tragischen Ende ausführlich seine Gegnerschaft zur Psychoanalyse auseinandergesetzt. 
Ganz kurz erwähnt ist die Psychoanalyse noch in den Artikeln „Biologie und Psycho- 
logie", „Aktivität" und „Charakterologie". Vermißt wird jeder Hinweis auf die Psycho- 
analyse in den Artikeln „Affekt", „Charakter", „Sexualpädagogik", „Sexualpsycholdgie". 

Hinter dem von Hermann Seh war tz herausgegebenen vierbändigen „Pädagogischen 
Lexikon" (Velhagen & Klasing, Bielefeld, 1928— 1931) steht die „Gesellschaft für evan- 
gelische Pädagogik". Unter den theologischen Mitarbeitern dieses Lexikons finden wir 
manchen Namen, dem wir schon oben bei der Behandlung des protestantischen religions- 
wissenschaftlichen Werkes begegnet sind. So ist uns von dort der Berliner Pfarrer Dr. J a h n 
bekannt. In diesem Pädagogischen Lexikon hat er das Hauptreferat über die Psychoanalyse; 
es erstreckt sich auf nicht weniger als 17 Spalten, von denen aber fast ein Viertel auf so- 
genannte Nebenrichtungen entfällt. Es sei das unverkennbare Verdienst der Psychoanalyse, 
die höchst rätselhafte und vielschichtige Struktur des „Unterbewußtseins" zuerst systematisch 
untersucht zu haben, „allerdings oft von sehr einseitigen Gesichtspunkten her". Zur Wieder- 
gabe der Grundzüge der Psychoanalyse ist vor allem zu bemerken, daß Jahn — wie auch 
viele andere Außenstehende — bei der Darstellung der Neurosenlehre im wesenthchen nicht 
über die Breuer-Freudsche Hysterielehre hinausgeht. Bei der Darstellung der Sexual- 
theorie ruft Jahn aus: „Hier stehen wir vor der grauenhaftesten Theorie der Psychoanalyse, 
nämlich der Lehre vom Ödipuskomplex." Ein Fehler der Psychoanalyse sei, die Liebe als 
einheithchen Begriff aufzufassen. Es gebe auch eine nichtsexuelle, geistige Liebe, die 
Agape. Die Psychoanalyse habe nur die Libido gesehen und vergewaltige durch sie die 
Agape. Sie habe nur den Trieb erkannt und übersehe den Wert. Aber: „Man wird der 
Psychoanalyse insofern recht geben müssen, als sie die Möglichkeit einer Ausstrahlung der 
Libido auf die Agape erwiesen hat." 

Mit Interesse wendet sich Jahn dem Freudschen Begriff der Zensur zu, der ja über- 
haupt stets eine unverkennbare Anziehungskraft auf theologische Autoren ausgeübt hat. 
Wenn das Ich das Triebleben zensuriert, so erklärt sich also das seelische Leiden als eine 
Spannung zwischen Triebleben und Wertstreben. Freud selbst habe aber diese letzte, 
ethisch bestimmte Folgerung nicht gezogen, „da er über eine oberflächliche Konventions- 
ethik nicht hinauskommt". Die Theorie der Psychoanalyse ende in einem Hohlraum von 
Naturalismus, Skepsis und Relativismus. Die Psychoanalyse deute die Kultur bis in ihre 
fernsten Verzweigungen hinein als Veredelung triebhafter Kräfte. „An diesem Punkte wird, 
vom wertphilosophischen Gesichtspunkte aus, das Unzulängliche der Psychoanalyse erkenn- 



250 



Sammelreferace 



bar. Sie übersieht, daß der Wert eine Setzung für sich und nicht eine bloße Umformung 
des Triebes ist." 

Zur therapeutischen Seite der Psychoanalyse bemerkt Jahn: „Man wird des Ge- 
fühls nicht ledig, als ob die Psychoanalyse auf die Therapie weit weniger Kraft als auf die 
Diagnostik verwandt hätte." (Auch wir haben zwei Gefühle, derer wir nicht ledig werden: daß 
Jahn Ätiologie meint, wenn er Diagnostik sagt, und daß er eine wesentliche Eigenheit des 
psychoanalytischen Vorganges vernachlässigt, jene Eigenheit, daß die allmähliche Auffindung 
der Krankheitsursachen gleichzeitig bereits einen wesentlichen Teil des therapeutischen Pro- 
zesses darstellt.) Letztlich strebe die psychoanalytische Therapie die Sublimierung des Trieb- 
lebens in eine sozial wertvolle Aktivität an, „aber das Problem der Triebwandlung über- 
schreitet die Zuständigkeit der Psychologie; hier handelt es sich bereits um normative Fragen 
der Willensbildung, die in das Gebiet der Erziehung und Seelsorge gehören". Das unbewußte 
Hineinfragen in den Patienten könne eine höchst schädliche subjektive Wirkung ausüben. 
„Die Deutung wird häufig zur Deutelsucht." Die Psychoanalyse richte fast ausschließlich 
den Blick auf das Ich in seiner dämonischen Tiefe. „Sie will die Hysterie heilen, begünstigt 
aber die Entstehung der Hysterie, indem sie den Leidenden zu einer egozentrischen Ein- 
stellung und schließhch zum Ich-Kultus führt. Sie übersieht die alte pädagogische Erfahrung, 
daß die Ablenkung von Seelenhemmungen weit fruchtbarer ist als die Hinlenkung auf 
sie. Der Ich-Kultus droht auch die heilpädagogische Arbeit der Gegenwart zu schädigen." 

Die „oft aufreizende Kühnheit" des psychoanalytischen Systems, sagt Jahn, fordere zur 
Kritik geradezu heraus. Doch dürfe die Kritik nicht kleinlich werden und nicht den genialen 
psychologischen Scharfblick verkennen, der das psychoanalytische System in seiner Totalität 
kennzeichnet. Jedenfalls sei es als Positivum zu vermerken, daß die Psychoanalyse — gegen 
die Experimentalpsychologie, die es bei der Feststellung mechanisch-psychischer Reaktionen 
bewenden ließ — den großangelegten Versuch unternommen hat, die seelische Dynamik der 
Schicksalserlebnisse zu entwirren. „Es ist das Verdienst der Psychoanalyse, die in den 
Tiefen der Gegenwartskultur lebende Sehnsucht nach einer Objektivierung des Ich entdeckt 
zu haben." Die psychoanalytische Sexuologie habe erwiesen, daß Liebesstrebungen sich 
selbst in solche seelische und soziale Funktionen hineinverästeln können, deren äußere Struk- 
tur nichts von dem Erosbetrag, den sie enthalten, verrät. Die wichtigste sexuologische Be- 
obachtung der Psychoanalyse zeige sich in ihrer Lehre von der möglichen Umbiegung der 
sexuellen Zielrichtung. Aus diesen positiven Eigenschaften der Psychoanalyse ergebe sich 
ihre Bedeutung für die religiös-ethische Erziehung. Es handle sich darum, „die positive Be- 
deutung des Unterbewußtseins für die Erziehung" klarzustellen. Die Kindesseele besitze eine 
Art von Saugkraft, vermöge deren sie die Umwelteindrücke aufsaugt. Man müsse also die 
Erfahrungen der Psychoanalyse dazu verwenden, die „Einsenkung der religiösen wie der 
ethischen Motivationen" in die Frühentwicklung des Kindes zu fördern. („Daß die mütter- 
lich vermittelte Frömmigkeit am tiefsten und nachhaltigsten wirkt, ist eine Tatsache, deren 
Erklärung uns erst die Psychoanalyse des Unterbewußtseins gegeben hat.") 

Prof. Titius (Berlin), der, wie wir sahen, im Handwörterbuch „Religion" wiederholt auf 
die Psychoanalyse hinweist, kommt auf sie im „Pädagogischen Lexikon" unter dem Stich- 
wort Gewissen zu reden. Neuerdings habe sich namentlich die psychoanalytische Schule 
Freuds der Psychopathologie des sühne- und bußeheischenden Gewissens zugewendet und Fälle 
von Zwangsneurose und Hysterie studiert, in denen es selbstquälerischen Charakter gewon- 
nen hat. „Es soll vorkommen, daß das Schuldgefühl von dem Tatbestand, an dem es ur- 
sprünglich haftet, abgespalten und an indifferente Vorstellungen angeheftet ist . . . Solche 
Beobachtungen können ohne Frage auch pädagogisches Interesse gewinnen." Bei den 
Literaturangaben wäre richtigzustellen: Carl Müller -Braunschwelg, nicht Carl Matter. 



Von Prof. Dr. v. Du ring (Berlin) ist der Artikel Hysterie. Im Unbewußten liegen 
alle die Komponenten, die die Individualität unseres Ichs, d.h. diese und nur einmal vor- 
handene „Unteilbarkeit" ausmachen. Von diesem Unbewußten könne aber durch die 
Psychoanalyse nichts bewußt gemacht werden. Besonders die Erlebnisse, die auf uns einge- 
wirkt haben, ehe wir „ich" sagen konnten, also ehe wir ein Ich-Bewußtsein hatten und die 
ganz besonders entwicklungsbestimmend sind, also die Erlebnisse der ersten vier Lebensjahre, 
seien nicht bewußtseinsfähig. 

In einem großen Artikel über das Unbewußte von Oberstudiendirektor Offner finden 
wir nur einen kurzen Hinweis auf den Einfluß des Unbewußten auf die Fehlleistungen. 
Oberarzt Wichern (Bielefeld) führt zwar am Schluß des Artikels über Onanie im Litera- 
turverzeichnis die psychoanalytischen Veröffentlichungen über dieses Thema an, zeigt sich 
aber gänzlich unbeeinflußt von ihnen. Ebenso findet sich im ii Spalten langen Artikel 
Charakter von Oberstudiendirektor Volle rt (Mülheim-Ruhr) keine andere Spur der 
Psychoanalyse, als die Anführung von Abrahams „Beiträgen zur Charakterbildung" unter 
den 19 Titeln des Literaturverzeichnisses. Bloß peripher erfolgt die Erwähnung der Psycho- 
analyse in den Artikeln „Assoziation" und „Kinderfehler". Jede Spur fehlt in den Artikeln 
Affekt, Phantasie, Reifezeit, Sprachheilpflege (Stottern), Trieb, Selbstmord, Bettnässen. 

Einen Artikel Traum hat das „Pädagogische Lexikon" nicht, es unterscheidet sich also 
mit dieser Unterlassung durchaus nicht von dem vorher behandelten „Lexikon der Pädagogik 
der Gegenwart". De somnis non curat praecepior. Und wenn wir eingangs die Aufforde- 
rung Prof. Bopps, aus dem Gebäude der Psychoanalyse das anderswo Verwendbare „heraus- 
zubrechen", als besonders charakteristisch für die derzeitige Einstellung der katholisch orien- 
tierten Pädagogik und auch anderer Wissenschaften zur Psychoanalyse bezeichnet haben, so 
sind wir in der Lage, auch aus dem protestantischen Lexikon eine harmlos erscheinende 
Stelle anzuführen, die die heutige Stellung der theologisch verankerten Pädagogik zu den 
durch die Psychoanalyse aufgeworfenen erzieherischen Problemen sehr klar erhellt. 
In dem schon erwähnten Artikel „Hysterie" von Prof. v. Düring ist einmal von der Rolle 
der Sexualerlebnisse der Kinder die Rede. Die Psychoanalyse überschätze diese Rolle. „Man 
frage darnach einmal bei gesunden Erziehern und Erzieherinnen" (die Sperrung von „ge- 
sund" ist von Düring — soll das eine Spitze gegen die Psychoanalyse sein?). „Die Oberin 
eines Katholischen Erziehungsheims (Ordensschwester)" — offenbar um der größeren Objek- 
tivität halber beruft sich der Mitarbeiter der protestantischen Enzyklopädie auf eine katho- 
lische Oberin — „hat mir ungefragt" — und dieses wieder muß durch seine Spontaneität 
wirken — „in Hinblick auf die üblichen gerichtlichen Vernehmungen gesagt: Nur nicht 
darüber reden." Und Düring fügt hinzu: „Es ist wunderbar, wie sehr ohne Ein- 
druck dann diese Erlebnisse bleiben, sie sind eben ohne Affekt." Das viele Malheur mit 
den menschlichen Trieben rührt anscheinend nurj daher, daß man sich nicht stets an die 
Warnung gehalten hat: Nur nicht darüber reden. A. J. Storfer (Wien) 



BESPRECHUNGEN 

Aus der Literatur der Grenzgebiete, 

ALSBERG, Dr. MAX: Der Prozeß des Sokrates im Lichte moderner Jurisprudenz und 

Psychologie. 3. Auflage 1933. J. Bensheimer, 29 S. 

Aisberg, der berühmte, auf tragische Weise verstorbene Verteidiger, beleuchtet den 
Prozeß des Sokrates vom Standpunkt des modernen Anwalts im Vergleich zum heutigen 
Strafprozeß. An Stelle einer Anklage, die sich auf eine tatbestandsmäßig genau fixierte 
äußere Delikthandlung bezieht, wie sie im heutigen Strafverfahren vorgeschrieben ist, wurde 
gegen Sokrates ganz allgemein der Vorwurf erhoben, daß er nicht an die Staatsgötter, 
sondern an ein Daimonion glaube und die Jugend verführe. Diese Anklage war um so un- 
präziser, als sie sich die weitgehende Unbestimmtheit der griechischen Göttervorstellungen 
zunutze machen konnte. Sie hatte insofern einen Schein von geistesgeschichtlicher, wenn 
auch nicht juristischer Berechtigung, als die Aufklärung und die kritische Vernunftanwen- 
dung, die Sokrates zu verbreiten suchte, den Keim zu einer Umwälzung des geistigen Lebens 
in sich trug. Diese Bestrebungen boten den Anlaß für die von drei Bürgern als Vertreter 
dreier Stände erhobene Anklage, über die ein Gericht von 501 Bürgern, also eine Volks- 
versammlung, die weit mehr als das heutige Schwurgericht allen Schlagwortsuggestionen aus- 
gesetzt war, ohne Beratung nur durch Abstimmung zu entscheiden hatte. Es ist klar, daß 
dieses Massengericht zuerst den Philosophen der reinen Vernunft, der sich selbst ohne Be- 
ratung mit einem Anwalt verteidigte, mit 28 1 Stimmen für schuldig erklärte und dann, gereizt 
durch die grandiose Haltung des Angeklagten, der seine lebenslängliche Speisung im 
Prytaneion begehrte, die Todesstrafe verhängte. 

Aisberg sieht als Jurist vor allem die Unterschiede zum heutigen materiellen und 
formalen Strafrecht. Eine uefergehende Betrachtung würde vielleicht zeigen, daß die 
psychischen Grundlagen solcher Prozesse immer die gleichen geblieben sind: Rache der 
Masse an den Großen, die sie überragen. Hierin liegt wohl auch eine der Wurzeln des 
Straf rechtes überhaupt; denn der Verbrecher und der Weise überschreiten beide die von der 
Gesellschaft gesetzten Schranken, der eine durch die Tat, der andere durch das Denken. 
Und an beiden rächt sich die Gesellschaft durch die Strafe. W. Weiß köpf (Wien) 

BASLER, ADOLF: Über die Anpassung des Organismus an die Umwelt. Verlag der Sun 

Yatsen-Universität Cantön, 1933. Kommission: Gustav Fock, Leipzig. 

Das biologische Thema ist in einer für den Psychoanalytiker sehr interessanten Weise 
aufgefaßt und dargestellt; auch vertritt der Autor die Meinung, daß seine physiologischen 
Erfahrungen für das Psychische gleichfalls Geltung haben, z. B. für den ästhetischen Ge- 
schmack, und bespricht auch hier die Erscheinung der Anpassung. 

Prinzipiell werden vorübergehende Adaptierungen von wirklicher Anpassung geschieden 
und von dieser wieder direkte Folgen von Umweltreizen auf den Organismus, welche kein 
besseres Bestehen gegenüber den Umweltreizen zur Folge haben. 

Daß die individuelle Anpassung und die besonders geeignete phylogenetische Anlage zu 
solcher Anpassung einander gegenseitig unterstützen, läßt den Autor von einem „circulus 
emendans" im Gegensatz zum ,,circulus vitiosns" sprechen. Dieser Terminus ist wohl besser 
als der von anderer Seite dafür vorgeschlagene Ausdruck ,,Circulus virfuosus". 

Es wird namentUch von amerikanischen Autoren die Neurose als Störung der Anpassung 
aufgefaßt; eine konsequente Untersuchung der spezifischen neurotischen Störungen der 
Anpassungsmechanismen ist ein fruchtbarer Weg zur systematischen Darstellung unseres Ge- 



Besprechungen 



253 



bietes. Hiefür gibt das vorliegende Buch einen guten Ausgangspunkt durch die Aufstellung 
des allgemeinen Gesetzes, daß die Anpassung der sensiblen Vorgänge stets durch Verringerung, 
die der Motorik durch Steigerung der Funktion und Reaktion vor sich geht. Die Erklärung 
liege in folgendem: „Die Aufgabe der Sinneswerkzeuge ist es, die auf sie wirkenden Reize 
möglichst eindrucksvoll zum Bewußtsein zu bringen. Die Funktion aller übrigen Organe 
besteht darin, den Umweltreizen Trotz zu bieten und sie möglichst unwirksam zu machen." 
Hiezu passen und führen die Erfahrungen, daß ein Hauptteil der Anpassung auf der Ge- 
wöhnung an Schmerz bis zur Unempfindlichkeit beruht. Es liegt nahe, aus den Lehren des 
Büchleins zu schließen, das die Anpassung bei der Neurose mißlingt, weil das bewußte Er- 
tragen von Schmerz, Angst und Versagung aus bekannten Gründen aussetzt. Der Anteil des 
Bewußtseins an der normalen Anpassung, bzw. an der Schädigung durch Umweltreize wäre 
noch zu untersuchen. p. Federn (Wien) 

DUFREE, HILDEGARD und WOLF, KÄTHE: Anstaltspflege und Entwicklung im ersten 

Lebensjahr. Ztschr. f. Kinderforschung, Bd. 42, 1933, S. 273 — 320. 

Diese sorgfältige behaviouristische Arbeit aus dem Bühlerschen Institut in Wien stützt 
sich auf Milieuuntersuchungen an proletarischen Säugling- und Kinderheimen. Sie führt zu 
klaren Ergebnissen über den relativen Wert der Umgebung für die Entwicklung im ersten 
Lebensjahr. 

Als wichtigstes Resultat verzeichnen die Untersucher die negative Beeinflussung in jeder 
Beziehung durch eine allzu strenge hygienische Körperpflege. Sie hindert das Kind an der 
Entwicklung der Körperbeherrschung, der Materialbeherrschung; sie hemmt die Entfaltung 
von Gedächtnis und Intellekt. Denn sie trägt nicht die wesentlichen Qualitäten an das Kind 
heran, die eine adäquate Beherrschung des Umfeldes fördern. 

Diese Qualitäten werden maximal entwickelt durch den mütterlichen Kontakt, besonders 
wenn er einhergeht mit einem Heranbringen eines bunten Vielerleis von optisch und taktil 
reichhaltigen Gegenständen. 

Die Pflegerin ersetzt die Mutter keineswegs. Sie genügt nicht der Forderung nach einer 
seelischen Hygiene, die in einer Förderung der aktiven Umweltbeziehung in diesem Alter 
bestehen muß. Ohne daß eine mütterliche Frau sich mit dem Kinde abgibt, bringt das Kind 
seine Möglichkeiten nicht zur Entfaltung. Nur angedeutet ist in der Arbeit das Problem der 
Kinderschädigung durch eine übermäßige Intensivierung der Umweltintentionen des Kindes 
bei ehrgeizigen, unbefriedigten Müttern; in diesem Falle würden die Kinder nicht zu jener 
Ruhe kommen, die ihnen eine autochthone Verarbeitung der durch die Mutter nahegebrachten 
Umwelt ermöglicht. 

Das Resultat der vorliegenden Untersuchung ist für uns nicht neu: Mutterliebe ist 
wichtiger als eine geschulte Pflege, da wir schon in diesem Alter „neben dem physiologi- 
schen die Gestalt der Mutter psychologisch im Leben des Säuglings als relevant bezeichnen 
können". 

Das Ergebnis stimmt mit der psychoanalytischen Erfahrung überein, daß eine zu große 
mütterliche Distanz — in gleicher Weise übrigens wie eine zu große Distanzlosigkeit — zu 
einer unbewußten Mutterfixierung führt, die sich in der Unmöglichkeit zeigt, ohne einen 
Ersatz des infantilen Mutterbezugs im Leben zu stehen. G. Bally (Zürich) 

EGYEDI, HENRIK: Die Irrtümer der Psychoanalyse. Eine Irrlehre mit einem genialen 
Kern. Wien und Leipzig, Wilhelm Braumüller, 1933, VII und 86 S. 
Der Autor, Dr. med., teilt in der Einleitung mit: „Der in jedem Menschen seit der ersten 

Kindheit innewohnende Trieb, Neues und Rätselhaftes zu untersuchen — ein durch die 



Psychoanalyse nicht genug beachteter Trieb — , führte mich dazu, das Wie und Wo der 
Verstöße gegen Logik und Vernunft zu untersuchen. Ich kam dabei zu dem Resultat, daß ein 
erheblicher Teil des von Freud und seinen Schülern mit Fanatismus aufgebauten psycho- 
analytischen Gebäudes nur die Folge einer Entdeckerpsychose ist; daß das psycho- 
analytische Heilverfahren auf falschen Voraussetzungen aufgebaut, auf Irrwegen ohne festen 
Grund sich bewegt, daß also die Lehre mit einem wahren, für die Medizin bedeutsamen 
Kern als Irrlehre zu bezeichnen ist." 

In der Folge beruft er sich auf Bumke, Forel, Prinzhorn, Vera Straßer, Richard Wähle 
und Raimann und in der Darstellung der Geschichte der Psychoanalyse auf Siebert. Er 
lehnt die Traumdeutung ab und hält die Methode der freien Assoziation für eine ver- 
schleierte Suggestion. Freud erscheint ihm als „Genie mit durch die freie Assoziation ein- 
geengtem Wahrnehmungsfeld". „Die Folgen des freien Assoziierens, des fließenden An- 
einanderknüpfens der Gedanken ohne gehörige Tiefenkritik" sind nach Ansicht des Ver- 
fassers in den meisten psychoanalytischen Schriften zu finden: „Es äußert sich dies auch in 
einem auffallend fließenden Stil und in reichhaltiger Ausdrucksweise." Im übrigen hält Verf. 
die Analyse für eine Massensuggestion, ruft gegen die Übertragung die Intervention der Ge- 
sellschaft an („auch im Interesse der Psychoanalytiker selbst") und trägt als seines Er- 
achtens eigene Theorie vor, daß nicht die „unbedeutenden" traumatischen Erlebnisse 
pathogen seien, sondern „die allgemeine oder spezifische Überempfindlichkeit des Kindes — 
später des Erwachsenen — " der Grund sei, „daß die unbedeutenden Vorkommnisse zum 
Konflikt heranwuchsen". 

Nachdem Verfasser nochmals die analytische Kur als hypnotischen Vorgang beschreibt 
und dafür schließlich gerade den Fall des Wolfsmanns als Beweis heranzieht, will er der 
Psychoanalyse doch das Verdienst zuerkennen, in dem zugleich der größte Fehler stecke, 
„die feinnuancierte, nur durch Einfühlung greifbare Denkrichtung der russischen und 
französischen Belletristik ... in die psychologische und psychiatrische Wissenschaft einge- 
führt" zu haben. R.Wälder (Wien) 

HEIDENHAIN, ADOLF: Über den Menschenhaß. Eine pathographische Untersuchung über 
Jonathan Swift. Tübinger naturwissenschaftliche Abhandlungen. 14. Heft. Stuttgart, Fer- 
dinand Enke, 1934. 118 Seiten. 

Eine englische Literaturgeschichte (Gosse) sagt, die Tiefen menschlichen Elends haben 
nicht ergründet, die nicht den Bewegungen von Swifts Charakter in ihr geheimnisvolles 
Dunkel gefolgt sind. So wird man eine Arbeit über Swift mit Interesse und Erwartung auf- 
schlagen. — Die Untersuchung H.s ist mit viel Wissen und geschulter Quellenverwertung 
durchgeführt. H. kennt die Methoden, mit denen man die kranke Persönlichkeit beschreiben 
und den Ursachen der Charaktererkrankung nachgehen kann. Er wendet sie auch alle an, 
schöpft aber die Möglichkeiten keiner einzigen aus. So bleibt der theoretische Ertrag gering. 
Charakterzüge einzuteilen, Zusammenhänge zu konstruieren, ohne auf die Genese Rück- 
sicht zu nehmen, ist eine unlösbare Aufgabe. 2. B. werden Aggressivität, Grausamkeit, Macht- 
streben, Ehrgeiz der „Selbstbehauptung" zugeordnet. Davon ist ein Zettelkasten zum Kapitel 
„Erotik" abgetrennt worden; je ein andres Kapitel heißt „Soziale Strebungen", „Kopro- 
philie und Reinlichkeit", „Abwandlungen im Geistigen". Eigentlich ist man mit dieser 
Arbeitsweise in einer neuen Art atomisierender, addierender Psychologie gelandet, wenn auch 
die addierten Elemente anders aussehen als einstmals. 

Im Versuch, die Entstehungsbedingungen des Menschenhasses anzugeben, stützt sich der 
Verfasser vor allem auf Scheler und — ohne ihn ausdrücklich zu nennen — , Alfred Adler. 



I 



Die Haßregung werde auftreten, wenn wir das Gefühl der Ohnmacht haben, es aber nicht 
hinnehmen, sondern ihm den Trieb zur Selbstdurchsetzung entgegenstellen. „Der für den 
Menschenhaß wesentlichste Punkt... ist aber die Niederlage als Erzieher, die sich für 
Swift aus der Erkenntnis ergeben mußte, daß es ihm nicht gegeben war, die Welt nach 
seinem Willen zu formen, die Menschen auf ein höheres moralisches Niveau zu heben . . ." 
(S. 103). Der Vorteil des Menschenhasses liege in der Sicherung des Selbstwertbewußtseins 
und in der indirekten Befriedigung von Grausamkeitstrieben. 

Der Verfasser kennt und anerkennt auch den Freudschen Begriff des Analcharakters, 
macht aber keinen Gebrauch von der Möglichkeit, mit analytischen Mitteln zur Auf- 
hellung des Problems beizutragen. Er würde sonst geringer einschätzen, was dem Menschen- 
hasser von den Menschen angetan worden ist: daß sie sich weigern, auf ein höheres morali- 
sches Niveau zu steigen. Er würde merken, daß ein bestimmtes Libidoschicksal allen Men- 
schenhassern gemeinsam ist: sie haben nicht die genitale Stufe erreicht und sie bekämpfen 
ihre oralen und analen Triebe mit äußerster Grausamkeit. Vielleicht darf man auch die 
Vermutung wagen, daß die Menschen, die die ganze Welt verabscheuen und verfluchen, vor- 
wiegend zum oralen Typus gehören; ihr Welterlebnis entstammt dem Erlebnis der 
„schlechten" Mutter, zu einer Zeit, da dem Kind die Mutter das einzig bedeutsame Stück 
Welt war. Andre, die von den Menschen weg zur Natur oder zu guten Tieren flüchten — 
so Swift — , vertreten mehr den analen Typus. In allen aber sind gewiß schwere Ent- 
täuschungen an den frühesten Objekten, vielleicht auch ganz frühe organische Krankheiten 
des Speisetraktes entscheidend dafür, daß sie Menschenhasser werden. Dorthin stößt die 
Untersuchung H.s nicht vor. So findet sie auch nicht die Wurzeln des Unglücks eines der 
größten und unglücklichsten Menschen. p. Bergmann (Wien) 

HEUN, EUGEN: Selbsterkenntnis und Selbstentwicklung. Stuttgart, Niels Kampmann. 1930. 
Hauptsächlich nach C. G. Jung, teilweise nach E. R. Jaensch orientierte Psychologie, 
mit voller Anerkennung der psychoanalytischen Methode und Seelenlehre. Die Psycho- 
analyse soll besonders in drei Richtungen ergänzt werden: i. Charakterologisch, indem 
Kranke mit gewissen Grundcharakteren zu Therapeuten mit entsprechenden Grundeigen- 
schaften gelangen sollen, wenn auch eine tiefreichende Eigenanalyse die Spannbreite des 
Analytikers erweitert. 2. Es soll neben der Libido ihr Gegenpol, der Geist — welcher 
teleologisch-finalsynthetisch ist — mehr Berücksichtigung finden. 3. In einer Tieferver- 
senkung kommt das Innere, das Tief-Unbewußte mehr zur Entfaltung und eine Tiefen- 
versenkung ist auch für eine gründliche Selbsterkenntnis unentbehrlich. Dabei wird das 
Stadium der Tiefenversenkung mit der „subjektiven Stufe" von Jung, in welcher die Keime 
zukünftiger Entwicklung erkannt und dem Bewußtsein integriert werden, identifiziert. Die 
Tiefenversenkung als Selbsterkenntnis soll, wenn sie methodisch vollführt wird, die Analyse 
bei einem Analytiker entbehrlich machen. Sehr konsequent aufgebaut und dadurch anregend 
ist die Beschreibung der Stufen der inneren Versenkung. I. Hermann (Budapest) 

RABL, CARL R. H.: Das Problem der Willensfreiheit unter medizinischen und naturwissen- 
schaftlichen Gesichtspunkten. München und Berlin, R. Oldenbourg. 1933. 150 Seiten. 
Es ist außerordentlich wohltätig, zusammenhängende Darstellungen über das Problem der 
Willensfreiheit in die Hand zu bekommen. Der Autor hat sich aber dabei schwierige Auf- 
gaben gestellt, denn er versucht, so sehr verschiedene Dinge wie Kausalität, lebende Substanz, 
praktische Rechtsfragen usw. einheitlich zusammenzufassen. 

Die einschlägige umfangreiche Literatur kommt ausführlich zu Worte, so daß der Leser 
emen Begriff bekommt, wie weitschichtig heutzutage das ganze Problem geworden ist. Im 



Mittelpunkt steht Nicolai Hartmanns „Ethik", „ein Buch, das man heute wohl als das 
maßgebende Werk über diese Problematik ansehen darf" (S. 93). Weitgehend werden auch 
Ricker t, Bleuler, Driesch usw. herangezogen, vor allem Kant, dessen dritte Anti- 
nomie der transzendentalen Ideen das ganze Problem in die klassische Form gebracht hatte. 

Die Wiedergabe der modernen Literatur ist übersichtlich und klar, vertieft aber den Ein- 
druck, daß der moderne Kausalitätsbegriff in voller Auflösung steht. Der Autor geht vom 
Zweckbegriff aus, der das rein kausale Denken bereits final umbiegt, diskutiert das bio- 
logische Freiheitsproblem mit der Frage: „Ist die Entelechie ein unveränderliches Naturgesetz 
von allgemeiner Gültigkeit?", um dann das engere Problem „herauszuschälen". 

Von besonderem Interesse ist, daß die Psychoanalyse in den Untersuchungsbereich hinein- 
gezogen wird. Die Psychoanalyse hat es seit jeher zum Grundsatz gemacht, im eigenen 
Bereich zu bleiben und psychologische Dinge nur mit psychologischen Hilfsmitteln zu er- 
fassen und zu beschreiben. Freud warnt immer wieder den Analytiker, bei biologischen 
und physiologischen Disziplinen unrechtmäßige Anleihen zu machen, „wo es gilt, psycho- 
logische Tatsachen mit psychologischen Hilfsvorstellungen zu erfassen". Der Autor stellt 
wieder das Ich in den Mittelpunkt der Persönlichkeit, als Urphänomen, das sich nicht auf 
andere Phänomene zurückführen läßt. Die Zensur wird erwähnt und das Es im analytischen 
Sinne. „Daß das Phänomen so, wie es Freud dargestellt hat, richtig gesehen ist, ist wohl 
kaum zu bezweifeln" (S. 83). 

Die ganze Darstellung wirkt aber wenig befriedigend. Der Kausalitätsbegriff wird nicht 
mehr in der alten scharfen Form gefaßt und wird mit der Lehre der Urphänomene ver- 
mischt, die aus einem ganz anderen Wesensbereich stammt. Vom alten Kampf der Giganten 
zwischen dem Primat des Willens und des Verstandes ist da nicht mehr viel zu verspüren. 

Ein anspruchsvoller Anmerkungsapparat von zirka 40 Seiten zeugt aber von der großen 
Belesenheit des Autors, der beim unmittelbaren Quellennachweis klarer ist, als in den Aus- 
führungen selbst. Ph. Sarasin (Basel) 



Berichtigung 

Zu der Besprechung von Markus Reiners „Causality and Psychoanalysis" (Imago XIX, 
1933, S. 563 f.), besprochen von O. Fenichel (Oslo), ist eine Richtigstellung nachzutragen: 
Der Autor der besprochenen Arbeit, Herr Dr. Markus Reiner ist nicht Professor der 
Chemie und Metallurgie, sondern Ingenieur und war durch zwei Jahre hindurch Research- 
Professor am Institut für Chemie und Metallurgie des Lafayette College in Easton, Pa. 

Die Redaktion 



i